Zukunft des Wittwer-Hauses: Abriss oder Erhalt brutalistischer Architektur in Stuttgart?
In Stuttgart brodelt es – und das nicht nur wegen der sommerlichen Hitze. Die Stadt steht im Zentrum einer heftigen Diskussion um das Wittwer-Haus, ein Gebäude, das für viele als ein herausragendes Beispiel brutalistischer Architektur gilt. Erbaut zwischen 1966 und 1967, beherbergte es einst die größte Buchhandlung Deutschlands. Doch nun droht dem markanten Bau das Schicksal des Abrisses. Der Eigentümer, die Dinkelacker AG, sieht das Gebäude als wirtschaftlich nicht haltbar an und plant, den Betrieb unter dem Namen Wittwer-Thalia bis 2027 an einen neuen Standort zu verlegen.
Die Debatte um den Erhalt des Wittwer-Hauses wird von verschiedenen Seiten geführt. Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) sowie die Technische Universität Stuttgart planen Veranstaltungen zur Baukultur. Die Initiative #SOSBrutalism des Deutschen Architekturmuseums sorgt dafür, dass das Thema mehr Aufmerksamkeit erhält. Während einige Stimmen den Abriss fordern, bezeichnen Stuttgarter Architekten das Wittwer-Haus als ein wichtiges Denkmal der Stadt und fordern dessen Erhalt.
Ein Gebäude mit Geschichte
Das Wittwer-Haus gilt als ein charakteristisches Beispiel für den Brutalismus in Süddeutschland. Mit seiner skulpturalen Kraft und dem einladenden Erdgeschoss zieht es die Blicke der Passanten auf sich. Trotz seiner Bedeutung sieht das Landesdenkmalamt das Gebäude jedoch nicht als schützenswert an. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht stellte fest, dass der Wert des Hauses durch Überformungen geschmälert sei, was die Entscheidung für einen Abriss zusätzlich erleichtert.
Die Dinkelacker AG argumentiert, dass das Wittwer-Haus am Ende seines Lebenszyklus sei und eine Sanierung nicht sinnvoll wäre. Mangelnde Erdbebensicherheit wird als großes Problem für die Wirtschaftlichkeit angeführt. Ein Neubau könnte nicht nur mehr Nutzfläche bieten, sondern auch den Anforderungen an moderne Bauweisen genügen. Dennoch, die Stimmen der Gegner des Abrisses werden lauter. Sie fordern, dass Teile des Erdgeschosses erhalten bleiben sollten, während der Rest abgerissen wird.
Die Zukunft des Wittwer-Hauses
Die Entscheidung über den Abriss und einen möglichen Neubau hängt nicht zuletzt von der Stadt und den möglichen gemeinsamen Lösungen ab. Geplante Schritte nach einem möglichen Abriss umfassen einen Ideenwettbewerb zur städtebaulichen Setzung sowie einen architektonischen Realisierungswettbewerb. Der Zeitplan sieht vor, dass der Ideenwettbewerb in 2026/2027 stattfinden soll, gefolgt von einer Abbruch-Baustelle ab 2028, nachdem die Buchhandlung Thalia ausgezogen ist.
Brutalismus, die architektonische Bewegung, die in den 1950er Jahren in England entstand, wird in Deutschland, Österreich und der Schweiz kontrovers diskutiert. Oft wird sie mit rohen, unverputzten Betonflächen und einer kraftvollen Erscheinung assoziiert. Der Begriff „Brutalismus“ leitet sich von „béton brut“, also rohem Beton, ab. Die Architekturbewegung hat ein Imageproblem und wird häufig als hässlich betrachtet. Aber viele denken, dass es eine Renaissance des Brutalismus gibt – mit Initiativen, die für den Erhalt und neue Nutzungskonzepte kämpfen. Das Wittwer-Haus könnte ein Teil dieser Diskussion sein, die weit über die Stadtgrenzen hinausgeht.
Auf jeden Fall bleibt die Situation spannend. Der Umgang mit brutalistischen Bauten ist ein Testfall für die Baukultur der Zukunft, und das Wittwer-Haus steht an vorderster Front dieser Debatte. Als Nachbarn dürfen wir gespannt verfolgen, wie sich die Dinge entwickeln und welche Lösungen letztlich gefunden werden.
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