Die Stadt Tübingen steht unter Schock. BioNTech hat angekündigt, bis Ende 2027 die Schließung aller CureVac-Standorte, einschließlich der Einrichtungen in Tübingen, vorzunehmen. Dabei sollen etwa 1.900 Stellen gestrichen werden. Das geht aus einem Bericht des SWR hervor. Die Übernahme von CureVac durch BioNTech fand erst Ende des letzten Jahres statt und die Reaktionen auf diese drastische Entscheidung sind durchweg negativ.
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer hat sich bereits mit Bestürzung und deutlicher Kritik zu Wort gemeldet. Er fordert BioNTech auf, die Arbeitsplätze zu erhalten und die Forschung sowie die Produktion in Tübingen zu sichern. Laut Palmer ist dies nicht nur ein Verlust für die Stadt, sondern auch für die gesamte Region, die auf diese Schlüsseltechnologie angewiesen ist. Die Stadt bietet zudem Unterstützung für die betroffenen Beschäftigten und den Betriebsrat an.
Widerstand und Besorgnis
Der Betriebsrat von CureVac, der in Tübingen und Wiesbaden tätig ist, hat sich ebenfalls zu Wort gemeldet. Er zeigt sich empört über die Entscheidung, da er nicht in den Prozess einbezogen wurde und die Schließungen als einen Vertrauensbruch empfindet. Die Bedeutung des Standorts für die Entwicklung von Technologien wird von den Betriebsräten nachdrücklich betont. Ingmar Hoerr, einer der Gründer von CureVac, äußert sich wütend über den Verlust des Know-hows und sieht in der Schließung eine Zerschlagung jahrelanger Arbeit.
Der Verlust von bis zu 1.860 Arbeitsplätzen ist nicht nur in Tübingen, sondern auch in Idar-Oberstein und Marburg ein großes Thema. Dort wird die Schließung als „Hiobsbotschaft“ bezeichnet. Die Industrie- und Handelskammer Reutlingen bezeichnet die Entscheidung als schweren Schlag für den Standort und warnt vor dem Verlust von technologischem Wissen in der Region. Auch die Rahmenbedingungen für Zukunftstechnologien müssen dringend verbessert werden, so die IHK.
Gründe für die Schließungen
Die Hintergründe für die Schließungen sind komplex. BioNTech führt den gesunkenen Produktionsbedarf für COVID-Impfstoffe als Hauptgrund an. Diese werden künftig ausschließlich von Pfizer produziert. Der Umsatz von BioNTech hat sich in den letzten Monaten drastisch verringert; im ersten Quartal 2026 meldete das Unternehmen einen Verlust von 532 Millionen Euro. Dennoch verfügt die Firma über fast 17 Milliarden Euro an liquiden Mitteln. Um die Schließungen zu finanzieren, sollen Verkaufsoptionen für die betroffenen Standorte geprüft werden.
Insgesamt wird eine Umstrukturierung angestrebt, die auch die Konzentration auf die Entwicklung von Krebstherapien umfasst. BioNTech plant, sich bis 2030 als führender Anbieter in der Onkologie zu positionieren. Die Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci werden sich bis Ende 2026 von der Unternehmensspitze zurückziehen, um ein neues Unternehmen zu gründen, das sich auf mRNA-Forschung fokussiert.
Die Schließungen der BioNTech-Standorte und die damit verbundenen Arbeitsplatzverluste werfen einen Schatten auf die Zukunft der biotechnologischen Forschung in Deutschland. In der Region, die bereits unter dem Druck wirtschaftlicher Umbrüche leidet, bleibt abzuwarten, wie sich die Situation weiter entwickelt und welche Maßnahmen ergriffen werden, um die betroffenen Mitarbeiter zu unterstützen. Die letzten Chargen des Corona-Impfstoffs sollen im Laufe des Jahres noch in Deutschland produziert werden, bevor die gesamte Produktion ins Ausland verlagert wird.
