Im Herzen von Aschaffenburg schlägt zurzeit das kulturelle Pulsieren des Khanenko Museums aus Kyjiw. Die dortige Ausstellung „A European Collection“ hat viel zu erzählen, nicht nur über Kunst, sondern auch über die dramatischen Ereignisse in der Ukraine. Während wir die beeindruckenden 73 Objekte bestaunen können, darunter Meisterwerke von Pisanello und Rubens, denkt man unweigerlich an die dunklen Schatten, die über der ukrainischen Kulturszene hängen. Denn in Russland ist es, wie wir wissen, nicht nur unzulässig, den Einmarsch in die Ukraine als Krieg zu bezeichnen; die russische Regierung spricht von einer „Spezialoperation“. Dies geschieht, während der wahre Zweck dieser Aggression, die Auslöschung der ukrainischen Identität und Kultur, offenbar im Hintergrund weiter voranschreitet.
Yuliya Vaganova, die Direktorin des Khanenko Museums, hat sich deutlich geäußert: Es geht um die Leugnung der Identität des ukrainischen Volkes. Statistiken zeigen das Ausmaß der Zerstörung: Über 1.700 Objekte des kulturellen Erbes wurden angegriffen, 2.524 Kultureinrichtungen beschädigt, und mehr als 130 Museen sind schwer betroffen. Als das Khanenko-Museum am 10. Oktober 2022 attackiert wurde, war die Sammlung glücklicherweise bereits in Sicherheit gebracht worden. Diese Sammlung, die von Bohdan und Varvara Khanenko im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zusammengetragen wurde, umfasst insgesamt etwa 25.000 Objekte antiker, asiatischer und europäischer Kultur. Es ist ein unschätzbares Erbe, das es zu bewahren gilt.
Die Ausstellung in Aschaffenburg
Die Schau im Christian Schad Museum in Aschaffenburg macht es möglich, einen Teil dieser wertvollen Sammlung zu erleben. Die Objekte sind chronologisch in zwei Sälen präsentiert, was einen spannenden Einblick in die Entwicklung europäischer Kunst bietet. Der Italien-Saal, der Werke aus dem 15. bis 18. Jahrhundert zeigt, ist ein wahres Fest für Liebhaber klassischer Malerei. Hier hängen nicht nur Bilder von Pisanello, sondern auch Werke von Giovanni Battista Cima da Conegliano. Im Saal der Niederländer begegnet man dann den alten Meistern wie Rubens und Jacob Jordaens, und sogar eine Kopie von Rembrandts berühmtem „Mann mit Turban“ ist zu sehen. Ein Triptychon von Hieronymus Bosch zieht alle Blicke auf sich – und das nicht nur wegen seiner Komplexität, sondern auch aufgrund der Geschichten, die es erzählt.
Doch während die Besucher der Ausstellung in Aschaffenburg die Schönheit der Kunstwerke bewundern, stellt sich die Frage: Was passiert mit den Kulturgütern in der Ukraine selbst? Vor dem Krieg gab es dort rund 400 Museen und 3.000 Kulturstätten. Viele davon sind mittlerweile entweder zerstört oder schwer beschädigt. Besonders betroffen sind Regionen wie Donezk, Luhansk und Charkiw. In Tschernihiw wurde ein Archiv mit jahrhundertealten Archivalien durch die Bombardierungen zerstört, und in Mariupol sind Kunstwerke, darunter wertvolle Gemälde, entwendet worden. Die Zerstörung könnte man als gezielte Auslöschung der kulturellen Identität interpretieren, denn die Haager Konvention von 1954 verbietet die vorsätzliche Zerstörung kulturellen Erbes im Krieg – beide Länder sind Unterzeichner dieser Konvention.
Engagement für den Kulturschutz
Künstler und Kunsthistoriker wie Kilian Heck sind sich dieser Verantwortung bewusst. Heck, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Greifswald, engagiert sich für den Schutz ukrainischer Kulturgüter und arbeitet eng mit Kollegen in der Ukraine zusammen. Er ist Teil des „Netzwerks Kulturgutschutz Ukraine“, das sich zum Ziel gesetzt hat, ukrainischen Kulturschaffenden in dieser schwierigen Zeit beizustehen. Die Zerstörungen variieren stark, und die Herausforderungen, mit denen die Kultureinrichtungen konfrontiert sind, sind enorm. Notstromaggregate sind gefragt, während die Energiezufuhr oft eingeschränkt ist. Und trotz aller Widrigkeiten öffnen viele Museen weiterhin ihre Türen, auch wenn die Vitrinen leer sind. Sie wollen das Kulturerbe bewahren, auch wenn die Löhne der Mitarbeiter um 40 Prozent gekürzt wurden und viele in den Westen geflohen sind.
Die Ausstellung in Aschaffenburg ist also nicht nur eine Feier der Kunst, sondern auch ein Mahnmal. Während wir die Meisterwerke bewundern, bleibt das Schicksal der ukrainischen Kultur im Hinterkopf. Der Konflikt ist nicht nur ein Krieg um Territorien, sondern auch ein Krieg um die Seele und die Identität einer Nation. Die Frage, die bleibt, ist: Wie lange kann diese kulturelle Identität unter diesen Umständen überleben? Und was können wir tun, um sie zu schützen?