In der kleinen Pfarrei St. Valentin in Kottgeisering, Deutschland, erinnert man sich gerne an den 8. Oktober 1950. An diesem Tag wurden drei neue Glocken geweiht – ein freudiges Ereignis, könnte man meinen. Doch hinter dieser Feier steckt eine tragische Geschichte. Viele Kirchenglocken überlebten den Zweiten Weltkrieg nicht, da sie für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen wurden. Auch die Pfarrei Kottgeisering musste ihre Glocken abgeben und wartete fünf lange Jahre nach Kriegsende, bis sie neue erhielt. Die geweihten Glocken tragen die Namen Valentins-, Patrona Bavaria- und Bruder Konrad-Glocke und füllen nun wieder das Dorf mit ihrem Klang.
Besonders interessant ist die alte Glocke aus dem Jahr 1615, die von Bartholomäus Wengle in München gegossen wurde. Um sie vor den politischen Wirren zu schützen, vergruben die Kottgeiseringer sie. Nach dem Krieg jedoch wurde sie auf ungewöhnliche Weise wiederentdeckt: Schweine wühlten sie in einem Feld frei! Seither ist sie im Dorf als „Sauglocke“ bekannt und wird offiziell als Sterbeglocke verwendet, die bei Todesfällen geläutet wird. Die Glocke erzählt Geschichten, die über Jahrhunderte zurückreichen.
Die Glockendatenbank und ihre Bedeutung
Um einen Überblick über die Glocken in der Region zu behalten, wurde eine Glockendatenbank ins Leben gerufen. In Abstimmung mit dem Erzbischöflichen Ordinariat erfasst die Datenbank alle Glocken der Pfarr-, Filial- und Nebenkirchen in den Pfarrverbänden Grafrath-Schöngeising und Maisacher Land. Darin finden sich Informationen wie Gussjahr, Durchmesser, Gewicht, Klangton und die Inschriften der Glocken. Interessierte können die Datenbank online unter www.createsoundscape.de einsehen. Eine wertvolle Sammlung, die nicht nur die Geschichte der Glocken festhält, sondern auch das kulturelle Erbe der Gemeinde bewahrt.
Die Hintergründe der Glockenabgaben während der Kriege sind vielschichtig. Der sogenannte Glockenfriedhof ist ein Begriff, der für Plätze steht, an denen im Ersten und Zweiten Weltkrieg Glocken gesammelt wurden. Diese wurden wegen ihres wertvollen Materials, insbesondere dem hohen Gehalt an Zinn und Kupfer, als kriegswichtig erachtet. Zunächst geschah die Abgabe freiwillig, später wurde sie zwangsweise angeordnet. Im Ersten Weltkrieg ging es um die Metallspende – eine Teil der deutschen Kriegsanstrengungen. Schätzungen zufolge wurden allein im Ersten Weltkrieg rund 65.000 Glocken eingeschmolzen.
Die Rückgabe und ihre Herausforderungen
Nach Kriegsende erhielten viele Gemeinden ihre Glocken zurück, doch die Rückführung war nicht immer problemlos. Besonders in den ehemaligen deutschen Ostgebieten kam es zu Diebstählen. Historikerin Sigrid Thurm und ihr Team dokumentierten die übriggebliebenen Glocken auf einem Glockenfriedhof und schufen ein Archiv im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Hier finden sich handbeschriebene Karten, die jede Glocke detailliert festhalten. Die Rückgabe war oft ein Glücksfall für die Gemeinden, und die Geschichten der Glocken blieben lebendig.
Und so wird auch in Kottgeisering die „Sauglocke“ weiterhin als Teil des kulturellen Erbes geschätzt. Sie ist mehr als nur ein Stück Metall – sie ist ein Zeugnis der Geschichte, der Hoffnung und des Überlebens. Ein klingendes Erinnerungsstück, das uns an die schmerzhaften, aber auch an die triumphalen Momente der Vergangenheit erinnert.