In Deutschland sind psychische Erkrankungen ein weit verbreitetes Phänomen. Mehr als ein Viertel der Erwachsenen leidet jährlich unter Problemen wie Angststörungen, Depressionen oder Suchterkrankungen. Dies hat zur Folge, dass psychische Leiden der zweithäufigste Grund für Krankheitstage sind und häufig zu Frührenten führen. Doch trotz der hohen Nachfrage nach therapeutischer Hilfe bleibt der Zugang für viele Betroffene schwierig. Therapieplätze sind rar und die Wartezeiten lang. Ähnlich besorgniserregend sind die Entwicklungen in der Vergütung von Psychotherapeuten, die am 1. April 2023 um 4,5 Prozent gekürzt wurden. Diese Entscheidung wurde vom Erweiterten Bewertungsausschuss, einem Schiedsgremium in der deutschen vertragsärztlichen Versorgung, getroffen.
Die Honorarkürzungen betreffen insbesondere die ambulante Psychotherapie, die von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen wird. Psychotherapeutinnen aus Marktheidenfeld, wie Katharina Müller und Katharina Mühlenhoff, äußern in diesem Kontext deutliche Bedenken. Mühlenhoff warnt, dass die Existenz der Therapeuten durch diese Kürzungen bedroht ist. Müller hingegen macht auf die Vorschläge der Finanzkommission Gesundheit aufmerksam, die eine Budgetierung der Leistungen diskutieren. Diese würde bedeuten, dass ein fester Geldbetrag für einen bestimmten Zeitraum festgelegt wird. Bei einer Budgetierung würde eine Erhöhung der Therapien zu einer Kürzung des Honorars pro Stunde führen, was die Einnahmen der Therapeuten unplanbar macht.
Folgen für die psychische Versorgung
Die Kritiker der Honorarkürzungen befürchten weitreichende negative Folgen für die psychische Versorgung, insbesondere für gesetzlich Versicherte. Es drohen längere Wartezeiten auf Therapieplätze und ein Versorgungsengpass. Auch wenn die Zahl der Psychotherapeuten gestiegen ist, bleibt die Nachfrage nach Hilfe ungebrochen. Zudem führt die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen dazu, dass immer mehr Menschen Unterstützung suchen.
Ein weiterer besorgniserregender Aspekt ist, dass Praxisschließungen, insbesondere in ländlichen Gebieten, drohen könnten. Beratungsstellen für Selbsthilfegruppen warnen bereits vor einem Anstieg der Menschen, die psychotherapeutische Hilfe benötigen, jedoch nicht erhalten können. Auch die Ausbildung von Psychotherapeuten könnte durch die Honorarkürzungen negativ beeinflusst werden, was zu einem Rückstau bei Absolventen führen könnte. Psychotherapeuten verdienen nach Abzug der Praxiskosten etwa 52 Euro pro Stunde, was deutlich unter dem Verdienst von Hausärzten liegt. Diese Situation könnte dazu führen, dass Praxen vermehrt Privatpatienten aufnehmen oder Supervisionscoachings anbieten, was wiederum die Zeit für Kassenpatienten verringert.
Gesellschaftliche Auswirkungen
Die gängige Argumentation der Krankenkassen, dass die Vergütung für ambulante Psychotherapie in den letzten Jahren überproportional gestiegen sei, wird von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Bundespsychotherapeutenkammer als nicht gerechtfertigt kritisiert. Unbehandelte psychische Erkrankungen führen nicht nur zu längeren Krankheitsverläufen, sondern auch zu höheren Folgekosten im Gesundheitssystem. Es wird sogar argumentiert, dass jeder in Psychotherapie investierte Euro einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen von zwei bis vier Euro generiert.
Die aktuelle Situation erfordert dringend ein Umdenken. Ein Steuerungssystem mit gestufter Versorgung könnte helfen, Betroffene je nach Dringlichkeit zu priorisieren und so den Zugang zu psychotherapeutischer Hilfe zu verbessern. Die Entwicklungen in Deutschland zeigen, wie wichtig es ist, die psychische Gesundheit ernst zu nehmen und entsprechend zu handeln. Der Weg zur Besserung führt über eine angemessene Vergütung und die Sicherstellung von Therapieplätzen, um den Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht zu werden. Für weitere Informationen zu diesem Thema empfehlen wir die ausführliche Berichterstattung in der Main-Post und die Analysen des Deutschlandfunks.