Im Blockland, einem beschaulichen Ort in der Nähe von Bremen, ereignete sich vor 80 Jahren ein Verbrechen, das die Region in ihren Grundfesten erschütterte. In der Nacht vom 20. auf den 21. November 1945 wurden dort zwölf Menschen ermordet, darunter fünf unschuldige Kinder. Dieses Ereignis wird heute als die „Blocklandmorde“ bezeichnet und gilt als eines der schlimmsten Verbrechen der Nachkriegsgeschichte Bremens. Die Opfer waren allesamt auf dem Hof Kapelle versammelt, als eine Gruppe von ehemaligen polnischen Zwangsarbeitern überfiel. Die Täter, bewaffnet und skrupellos, raubten nicht nur, sie töteten auch, um Zeugen zu beseitigen. Ein Überlebender, Wilhelm Hamelmann, war der einzige, der das Massaker überlebte und schwer verletzt auf einem Kinderfahrrad fliehen konnte.
Wilhelm Hamelmann, 43 Jahre alt und aus dem Arbeiterviertel Walle stammend, verlor an diesem verhängnisvollen Abend seine ganze Familie – seine Frau, seine Kinder, seine Eltern und weitere Verwandte. Der Schrecken, den er erlebte, hinterließ tiefe Spuren. Hamelmann konnte sich, schwer verletzt, zu einem Nachbarhof schleppen und die Polizei alarmieren. Trotz des Schocks gelang es ihm, die Täter zu identifizieren, auch wenn er unter dem Einfluss von Medikamenten stand. Diese Identifikation führte zu einem schnellen Verfahren, in dem ein ziviles Strafgericht unter der US-amerikanischen Militärregierung vier Todesurteile und mehrere Haftstrafen verhängte. Doch rückblickend wirft die Beweislage Fragen auf – die Identifikation war alles andere als klar.
Der Mensch hinter dem Überleben
Nach dem Krieg war die Situation in Bremen angespannt. Die ehemaligen polnischen Zwangsarbeiter lebten unter einem Schatten des Misstrauens, was die Nachwirkungen der Taten nur verstärkte. Hamelmann, der nach dem Massaker eine existenzielle Krise durchlebte, fand Trost in seinem Glauben. Er bezeichnete sich als wiedergeborenen Christen und setzte sich für die Begnadigung der verbliebenen Verurteilten ein. Seine Motivation war nicht Rache, sondern der Wunsch, den Kreislauf von Schuld und Vergeltung zu durchbrechen. Hamelmann wollte Liebe und Vergebung statt Hass. Er war Vorsitzender der Arbeiterhilfe von Bremen-Walle geworden, und aus dieser Initiative entwickelte sich später die Arbeiterwohlfahrt.
Die Beerdigung seiner Angehörigen war für Hamelmann ein weiterer prägender Moment. Er bat darum, dass die Trauerfeier nicht dazu genutzt werde, gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen zu hetzen. Dieser Wunsch zeigt, wie tief verwurzelt sein Glaube an die Menschlichkeit und die Kraft der Vergebung war. Während seiner Zeit im Krankenhaus hatte er die Gelegenheit, die Täter zu identifizieren und später sogar mit einigen von ihnen zu sprechen. Bei diesen Besuchen erlebte er unterschiedliche Reaktionen – von Misstrauen bis hin zu zerknirschter Reue. Sein Engagement für die Begnadigung und die Resozialisierung der Täter rief sowohl Bewunderung als auch Unverständnis in der Öffentlichkeit hervor.
Die nachfolgenden Jahre
Im Jahr 2019 veröffentlichte der Journalist Helmut Dachale ein Buch, das die Geschichte der Blocklandmorde und die Vorgeschichte detailreich beleuchtet. Hamelmann selbst setzte sich noch lange nach den Morden für die Entlassung der verbliebenen Häftlinge ein. Er besuchte sie im Gefängnis und arbeitete mit einer Journalistin zusammen, um ihre Begnadigung zu erreichen. Bei ihrem ersten Treffen überzeugte er die beiden von seinen guten Absichten und holte sie nach ihrer Entlassung mit seinem Auto ab. Doch die Gesellschaft war nicht bereit, die Taten einfach zu vergessen, und anonyme Drohungen machten es notwendig, die beiden an einen anderen Ort zu bringen.
Die Tat selbst, der brutale Raubmord, erregte landesweit Aufsehen. Der Hof Kapelle, der Tatort, wurde 1997 abgerissen, und heute gibt es kaum noch Hinweise auf die Geschichte dieses Ortes. Die Blocklandmorde bleiben jedoch in der Erinnerung der Menschen lebendig – ein düsteres Kapitel, das zeigt, wie eng Schuld und Vergebung beieinanderliegen können. Hamelmann starb 1979, fast 35 Jahre nach seiner Flucht aus dem Massaker, doch sein Vermächtnis der Vergebung und des Verständnisses lebt weiter.