Zukunft der Turkologie in Gießen gefährdet
Heute ist der 28.06.2026 und in Gießen brodelt die Stimmung an der Justus-Liebig-Universität. Hier hat Mark Kirchner, der einzige Professor für Turkologie, seine Abschiedsvorlesung gehalten. Nach über zwei Jahrzehnten an der Universität wird er bald in den Ruhestand gehen. Doch die Freude über seine Leistungen wird von einer dunklen Wolke überschattet: Die Universität plant, die Turkologie aus finanziellen Gründen nicht mehr anzubieten. Dies ist besonders bedauerlich, denn die JLU ist der einzige Studienstandort für Turkologie in Hessen.
Die Entscheidung, die Professur nicht nachzubesetzen, hat das Präsidium der JLU aufgrund der aktuellen finanziellen Rahmenbedingungen getroffen. Der Hessische Hochschulpakt fordert Hochschulen in Hessen auf, Einsparungen von rund 30 Millionen Euro im kommenden Jahr vorzunehmen. Die Studierenden sind besorgt, was die Zukunft ihres Fachs angeht. Eine Online-Petition mit dem Titel „Stoppt das Aus für die Turkologie und die Türkisch-Ausbildung in Gießen“ hat bereits über 1.300 Unterschriften gesammelt. Es ist kein Wunder, dass sich die Studierenden um ihr Fach sorgen, denn die Einschreibezahlen sind in den letzten Jahren dramatisch gesunken – zurzeit sind nur 18 Studierende in der Turkologie eingeschrieben.
Aktionen und Reaktionen
Bei Kirchners Abschiedsvorlesung, zu der etwa 50 Personen, darunter auch die Generalkonsulin der Türkei in Hessen, zusammengekommen waren, war die Unterstützung für die Turkologie deutlich spürbar. Kirchner, der seit 2004 an der JLU tätig ist, hat nicht nur das literarische und kulturelle Erbe der Uiguren dokumentiert, sondern auch den Schulversuch „Türkisch als zweite Fremdsprache“ in Hessen begleitet. Diese wertvollen Beiträge zum interkulturellen Verständnis und zur Forschung stehen nun auf der Kippe.
Professor Stefan Tebruck, der Dekan des Fachbereichs, hat bestätigt, dass die eingeschriebenen Studierenden ihr Studium ordnungsgemäß beenden können. Das ist immerhin ein kleiner Lichtblick. Ab dem Wintersemester 2026/2027 wird die Turkologie nicht mehr als Hauptfach, jedoch weiterhin als Nebenfach angeboten. Es wird auch weiterhin Personal in der Turkologie geben, darunter anderthalb Stellen und Lehraufträge. Das bedeutet, dass es eine Möglichkeit für die Studierenden gibt, ihre Studiengänge bis spätestens 16.06.2026 abzuschließen.
Die Bedeutung der Turkologie
Die Turkologie ist nicht nur ein akademisches Fach, sondern ein Fenster zur türkischen Sprache, Kultur, zeitgenössischen Literatur und Geschichte im osteuropäischen Kontext. Die Studierenden lernen nicht nur die Sprache, sondern tauchen auch tief in die kulturellen Aspekte ein. Es ist ein Bereich, der in der heutigen globalisierten Welt wichtiger denn je ist. Mit nur elf Hochschulstandorten für Turkologie bundesweit, und dem nächstgelegenen in Mainz, wird die Schließung der Gießener Fakultät nicht nur lokale, sondern auch überregionale Auswirkungen haben.
Die Unterstützung durch die Bundestagsabgeordnete Ayse Asar (Bündnis 90/Die Grünen) zeigt, dass es auch politische Rückendeckung für die Sache gibt. Die Frage bleibt jedoch, ob dies ausreicht, um die entscheidenden Veränderungen zu verhindern oder zumindest zu verzögern. Der Kampf um die Turkologie in Gießen ist noch lange nicht vorbei, und die Zukunft des Faches hängt von den Reaktionen der Universitätsleitung und der Politik ab.
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