Missbrauchsvorwürfe in Hildesheim: Kirche unter Druck
In Hildesheim brodelt es gewaltig. Die Diskussion um die Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen, die die katholische Kirche betreffen, ist in vollem Gange. Professor Thomas Schüller, ein Kirchenrechtler aus Münster, hat die Bistumsleitung scharf kritisiert. Im Zentrum der Vorwürfe steht ein Pater, der 1972 verstorben ist und von 1965 bis zu seinem Tod in der Gemeinde Heiningen als Seelsorger tätig war. Die Missbrauchsvorwürfe wurden erstmals im Januar 2021 von Pfarrer Matthias Eggers an den damaligen Bischof Heiner Wilmer und Generalvikar Martin Wilk herangetragen. Eggers nannte sogar den Namen des beschuldigten Geistlichen. Doch die betroffene Person wollte anonym bleiben, was die Bistumsleitung als Grund für eine verzögerte Aufarbeitung angab.
Erst im Frühjahr 2022, nach wiederholtem Nachfragen von Eggers, begann das Bistum mit eigenen Nachforschungen. Eggers warf der Bistumsleitung Untätigkeit vor und forderte proaktive Recherchen. Ein Jahr ohne Rückmeldung sei nicht hinnehmbar. Das Bistum Hildesheim erklärte, dass eine tiefere Aufarbeitung 2021 nicht möglich war, da der Beschuldigte bereits verstorben und die betroffene Person anonym bleiben wollte. Schüller hingegen betont, dass die Pflicht zur Aufarbeitung nicht von der Anonymität abhängt. Die Bistumsleitung räumt zwar die Pflicht zur Aufarbeitung ein, macht jedoch keine konkreten Zeitvorgaben.
Neue Entwicklungen bis 2026
Im Jahr 2025 meldete sich eine zweite Betroffene, die ebenfalls den beschuldigten Pater nannte. Dies führte zu einem weiteren Schritt: Im April 2025 beauftragte das Bistum Wolfgang Rosenbusch mit einer unabhängigen Untersuchung der Vorwürfe. Diese Untersuchung brachte im Juni 2026 ans Licht, dass sechs Frauen durch den verstorbenen Geistlichen sexualisierte Gewalt erlitten hatten. Um noch mehr Betroffene oder Zeugen zu erreichen, wurde ein öffentlicher Aufruf gestartet. Der beschuldigte Pater hatte auch in anderen Gemeinden wie Cremlingen, Oker, Schulenburg und Münchehagen gewirkt, was die Komplexität des Falls weiter erhöht.
Heiner Wilmer, der damalige Bischof von Hildesheim, hat mittlerweile das Bistum verlassen und ist nach Münster gewechselt. Dies wirft Fragen auf – nicht nur über die Verantwortlichkeit der Bistumsleitung, sondern auch über den Umgang der Kirche mit der Thematik Missbrauch insgesamt. Die Diskussion um die Aufarbeitung ist damit noch lange nicht beendet, und die Forderungen nach Transparenz und Verantwortung bleiben laut.
Kontext und Vergleich mit der EKD
In Deutschland, und insbesondere innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), gibt es ebenfalls Bemühungen um Aufarbeitung. Hier liegt der Fokus auf individueller Aufarbeitung sexualisierter Gewalt. Im Dezember 2020 startete das Forschungsprojekt „ForuM“, das die Strukturen und Bedingungen analysiert, die sexualisierte Gewalt begünstigen. Der Abschluss dieser Studie ist für Januar 2024 geplant. Die EKD hat zudem eine „Gemeinsame Erklärung“ unterzeichnet, die verbindliche Kriterien für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt festlegt. Diese Erklärung soll eine unabhängige, umfassende und transparente Aufarbeitung in allen evangelischen Landeskirchen und diakonischen Landesverbänden gewährleisten.
Die Gründung von „Unabhängigen Regionalen Aufarbeitungskommissionen“ ist ein Schritt in die richtige Richtung, um die Betroffenen strukturell an der Aufarbeitung zu beteiligen. Das ist ein ganz anderer Ansatz als der, den man aktuell im Bistum Hildesheim beobachten kann. Die Frage bleibt, ob und wie die katholische Kirche ähnliche Schritte einleiten wird, um das Vertrauen der Gläubigen zurückzugewinnen.
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