In Koblenz-Ehrenbreitstein gibt es derzeit eine aufregende Entdeckung, die die Herzen von Geschichtsliebhabern höher schlagen lässt. Bei einer Revision im Archiv der Pfarrei Heilig Geist fand Manfred Diehl, der ehrenamtliche Archivar und Küster, eine ganz besondere Schrift, die die Verbindung zwischen zwei der bedeutendsten Reformatoren des 16. Jahrhunderts herstellt. Die Entdeckung ist nicht nur lokal, sondern hat auch historische Dimensionen, die bis in die Zeit der Reformation zurückreichen.

Im frühen 16. Jahrhundert tobte ein theologischer Streit zwischen Erasmus von Rotterdam und Martin Luther. Beide strebten eine Reform der Kirche an, jedoch mit unterschiedlichen Ansätzen. Erasmus verfasste 1524 die Schrift „De libero arbitrio“ (Über den freien Willen), die sich mit der Frage des freien Willens des Menschen auseinandersetzte. Diehl fand hinter dieser Erasmus-Schrift eine zweite, bislang unbekannte Schrift von Martin Luther: „De servo arbitrio“ (Über den geknechteten Willen), die 1525 in Wittenberg als Reaktion auf Erasmus‘ Werk verfasst wurde. Diese beiden Schriften sind kirchenhistorisch eng miteinander verbunden, und die Tatsache, dass der Luther-Text in Ehrenbreitstein aufgetaucht ist, macht die Entdeckung umso spannender.

Ein historischer Fund

Die Luther-Schrift aus Ehrenbreitstein ist ein früher Nachdruck, der nur wenige Monate nach der Erstausgabe von 1525 angefertigt wurde. Schätzungen zufolge wurden damals zwischen 1.000 und 1.500 Exemplare pro Ausgabe von Luthers Schriften gedruckt. Es ist faszinierend zu wissen, dass Luthers Werke 1521 verboten wurden, was durch das Tridentinische Konzil von 1549 bestätigt wurde. Man vermutet, dass die Ehrenbreitsteiner die Luther-Schrift hinter der Erasmus-Schrift versteckten, um beide Werke studieren zu können – eine interessante Taktik, um sich geistig nicht der Zensur zu beugen.

Diehl, der seit 1984 in der Pfarrei tätig ist, hat eine solche Entdeckung in seiner langen Laufbahn noch nie erlebt. Er glaubt, dass das Schriftstück während der napoleonischen Wirren ins Pfarrarchiv gelangte. Am 22. Mai 2026 wird das Fundstück im Rahmen der „Koblenzer Nacht der offenen Kirchen“ öffentlich gezeigt. Manfred Diehl hegt den Wunsch, dass das wertvolle Stück in ein Museum kommt, um historische Raritäten des katholischen Rheinlandes zu präsentieren.

Die Reformation und ihre Ursprünge

Um den Kontext dieser Entdeckung besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Reformation selbst. Sie begann offiziell mit den 95 Thesen Martin Luthers, die im Jahr 1517 veröffentlicht wurden. Luther kritisierte das Ablasswesen, das den Gläubigen fälschlicherweise das Gefühl gab, sie könnten sich des Heils durch den Kauf von Ablässen sicher sein. Er betonte, dass die innere Reue des Christen entscheidend für die Vergebung der Sünden sei. Die Thesen sollten ursprünglich eine akademische Debatte anregen, wurden aber schnell von der breiten Öffentlichkeit aufgegriffen.

Werbung
Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Luthers Kritik an der römischen Kirche und die Forderung nach einer Reform waren prägend für die damalige Zeit. Er stellte die Praxis des Ablasskaufs in Frage und knüpfte an das neutestamentliche Verständnis der Buße an. Komischerweise wusste Luther nicht, dass der Papst hinter der Ablasskampagne stand, was die Tragweite seiner Thesen noch bemerkenswerter macht. Die Verbreitung seiner Schriften führte zu einer weitreichenden Diskussion und schließlich zur Spaltung der Kirche.

Die Entdeckung der Luther-Schrift in Koblenz-Ehrenbreitstein ist somit nicht nur ein kleines Stück Geschichte, das in einem Archiv gefunden wurde, sondern ein bedeutendes Zeugnis einer Zeit, die die Welt nachhaltig veränderte. Es ist eine Erinnerung daran, wie wichtig der Austausch von Ideen und die Auseinandersetzung mit verschiedenen theologischen Ansätzen waren – und wie solche Diskussionen bis heute nachhallen.