In Erfurt sorgt ein aktueller Prozess aus dem Bereich des Drogenhandels für Aufsehen. Ein Freispruch hat die Gemüter erhitzt und die Staatsanwaltschaft ist noch nicht bereit, die Sache ruhen zu lassen. Ein Verfahren gegen einen der Freigesprochenen wurde abgetrennt, und der Vorsitzende Richter stellte fest, dass zwar ein Restverdacht besteht, dieser jedoch nicht für eine Verurteilung ausreicht. Das ist in der deutschen Justiz durchaus relevant! In einem ausführlichen Plädoyer hat die Staatsanwaltschaft zahlreiche Indizien für einen konspirativen Drogenhandel präsentiert, die sich auf zwei abgehörte Telefongespräche mit dem Hauptangeklagten stützten. Doch die Strafkammer folgte der Anklage nicht und gab der Verteidigung recht. Dabei wies der Richter darauf hin, dass Begriffe wie „25“ oder „10“ nicht zwangsläufig auf Kilogramm Kokain hinweisen müssen. Die Verteidigung argumentierte, dass es sich um Kreditgeschäfte handelte, was allerdings nicht Bestandteil der Anklage war.

Nun wird die Staatskasse die Kosten für das Verfahren tragen müssen, einschließlich einer Haftentschädigung von rund 32.000 Euro. Das Urteil ist momentan noch nicht rechtskräftig, da die Staatsanwaltschaft möglicherweise Revision einlegen könnte. Interessanterweise ist die ’Ndrangheta, die in diesem Fall eine zentrale Rolle spielt, eine der mächtigsten Mafia-Organisationen weltweit und hat ihren Ursprung in Kalabrien, Italien. Sie ist nicht nur im internationalen Drogenhandel aktiv, sondern auch in Geldwäsche, Erpressung, Korruption und sogar im Waffenhandel. Die Infiltration legaler Wirtschaftsbereiche gehört ebenfalls zu ihrem Repertoire.

Der Pollino-Prozess

Ein weiterer Fall, der die Dimension der ’Ndrangheta verdeutlicht, ist der „Pollino“-Prozess, der am 11. September 2025 zu einem Urteil führte. Giuseppe M., ein Gastronom aus Wesseling, wurde zu 11 Jahren und 3 Monaten Haft verurteilt, nachdem er mit über 100 Kilogramm Kokain gehandelt hatte. Seit 2018 sitzt er in Untersuchungshaft und hat bereits einen Großteil seiner Strafe verbüßt. Das Gericht erkannte ihn als Mitglied der ‚Ndrangheta an, was die Struktur dieser kriminellen Vereinigung in Deutschland weiter festigt. Es ist mittlerweile das dritte Urteil in Deutschland, das die ‚Ndrangheta als kriminelle Vereinigung anerkennt, nach ähnlichen Urteilen in Konstanz und Dortmund.

Ursprünglich waren in diesem Verfahren 14 Männer angeklagt, wobei 12 wegen Drogenhandels und Betrugs verurteilt wurden. Der Prozess zog sich über fast fünf Jahre und umfasste 295 Verhandlungstage. Die Ermittlungsakte war so umfangreich, dass sie in 57 Umzugskartons untergebracht wurde und mehrere Terabyte an Daten umfasste. Die Kosten für Dolmetscher und Pflichtverteidigung beliefen sich auf über eine Million Euro. Trotz der schweren Vorwürfe bestreitet die Verteidigung die Mitgliedschaft in der ‚Ndrangheta und kritisiert die Vorgehensweise der Staatsanwaltschaft. Experten sehen das Urteil als wegweisend für die Anerkennung der Strukturen der ‚Ndrangheta an.

Ein Blick in die Geschichte der ‚Ndrangheta

Die ‚Ndrangheta hat eine lange und blutige Geschichte. Unter Mussolinis Herrschaft konnte die italienische Mafia nicht effektiv bekämpft werden, und nach dem Zweiten Weltkrieg passten sich die Mafia-Organisationen schnell an die neuen Gegebenheiten an. Ab den 1950er-Jahren wurden in Kalabrien zahlreiche Entführungen von reichen Unternehmern und deren Kindern verübt. Die Lösegelder wurden dann in andere kriminelle Geschäfte, wie Zigaretten- und Rauschgiftschmuggel, investiert. In den 1960er- und 1970er-Jahren diversifizierte sich die ‚Ndrangheta weiter und infiltrierte sogar Bauverträge. Spannend ist auch, dass der Erste ‚Ndrangheta-Krieg 1974 begann und mit der Ermordung von Giovanni De Stefano in Verbindung steht. Insgesamt forderte dieser Konflikt 233 Menschenleben.

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In den 1980er-Jahren baute die ‚Ndrangheta ihre Macht aus, verdiente Geld mit Giftmüll und erlebte einen weiteren blutigen Konflikt, den Zweiten ‚Ndrangheta-Krieg, der von 1985 bis 1991 dauerte und 621 bestätigte Tote forderte. Diese brutalen Auseinandersetzungen führten dazu, dass die ‚Ndrangheta international zunehmend wahrgenommen wurde und die Macht der Cosa Nostra teilweise übernahm. Die Verstrickungen der ’Ndrangheta sind bis heute ein ernsthaftes Problem – nicht nur für Italien, sondern auch für andere Länder, in die ihre Machenschaften reichen.