Heute ist der 30.04.2026, und Steyr bereitet sich auf die Befreiungsfeiern 2026 vor, die sich dem schweren Thema „Täter im Nationalsozialismus“ widmen werden. Ein Thema, das immer wieder auf die schmerzhaften Wunden der Vergangenheit hinweist und uns mahnt, nie zu vergessen, was geschehen ist. Die Zeitgeschichtsforscher Waltraud Neuhauser-Pfeiffer und Erwin Dorn werden dazu zwei Fälle aus Steyr beleuchten, die exemplarisch für die Gräueltaten stehen, die in dieser Zeit verübt wurden. Besonders der 5. Mai 1945, der letzte Tag des Zweiten Weltkriegs für Oberösterreich, wird in den Erinnerungen der Steyrer verankert sein.

Die Zahlen sind erschreckend: Über 1.000 Steyrer verloren ihr Leben durch Kriegseinwirkungen – dazu zählen nicht nur Soldaten, sondern auch KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene, Fremdarbeiter, Flüchtlinge und Zivilisten, die aus anderen Orten stammten. Schwere Bombenangriffe im Februar und April 1944 ließen große Teile der Stadt in Trümmern liegen. Industrieanlagen der Steyr-Werke und Wohnhäuser wurden zerstört, und die Lager für Zwangsarbeiter waren ebenfalls betroffen. Im Lager der Französinnen beim „Dunklhof“ und im „Objekt XIII“ im Wehrgraben starben viele, darunter etwa 60 italienische Kriegsgefangene.

Die dunkle Rolle von Steyrer Tätern

Es ist wichtig, auch die Protagonisten dieser dunklen Kapitel zu betrachten. Otto Perkounig und Franz Reichleitner sind zwei Namen, die in der Geschichte Steyrs eine schreckliche Rolle spielen. Perkounig, geboren am 27. August 1915, trat 1938 der „Deutschen Wehrmacht“ bei und wurde ein Mitglied der SS im März 1939. Von 1941 bis 1944 war er Werkmeister in der Gewehrfabrik in Radom, Polen, wo die Steyr-Werke ein Lager für jüdische Zwangsarbeiter betrieben. Überlebende bezeichneten ihn als „Schlächter von Radom“, da er für die Tötung von arbeitsunfähigen Zwangsarbeitern verantwortlich war.

Reichleitner hingegen wurde nach dem „Anschluss“ 1938 Gestapobeamter in Linz und war in die „Aktion T4“ involviert, ein Programm, das zur Ermordung von psychisch kranken und behinderten Menschen führte. In der Tötungsanstalt Hartheim war er Büroleiter und später Kommandant des Vernichtungslagers Sobibor, wo rund 150.000 Menschen ermordet wurden. Nach der Auflösung von Sobibor wurde er nach Oberitalien abkommandiert und dort am 3. Oktober 1944 von Partisanen getötet. Seine Überreste liegen auf dem Friedhof in Castermano, Italien, und die Debatte um seine Taten und die Frage der Schuld bleibt bis heute aktuell.

Die grausame „Aktion T4“

Die „Aktion T4“ war eine systematische Vernichtungsaktion, die im Januar 1940 begann. Adolf Hitler hatte im Oktober 1939 die Ermordung von psychisch kranken und behinderten Menschen angeordnet, da diese als „unnütze Esser“ galten. Zwischen Januar 1940 und August 1941 fielen den Nationalsozialisten 70.273 Menschen zum Opfer. Die Tötungen erfolgten in sechs Tötungsanstalten, wo die Opfer durch Kohlenstoffmonoxid vergast wurden. Ein Wendepunkt kam mit der Predigt von Bischof Clemens August Graf von Galen am 3. August 1941, in der er gegen diese Morde protestierte. Seine Worte führten zur offiziellen Einstellung der Gasmorde, aber die Tötungen gingen in anderer Form weiter.

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Die zweite Phase der NS-„Euthanasie“ beinhaltete die Tötung von Patienten durch überdosierte Medikamente und systematischen Nahrungsmittelentzug. Hierbei wurden auch Einrichtungen wie die sächsische Landesanstalt Großschweidnitz genutzt. Es ist unvorstellbar, dass in einer derart organisierten Gesellschaft die Bewertung von Menschen nach Leistungsfähigkeit und Produktivität zu solch menschenverachtenden Maßnahmen führen konnte.

Ein unvergessenes Erbe

Die Nachkriegszeit in Steyr war geprägt von Wohnungsnot, Hunger und Flüchtlingslagern. Perkounig wurde bis 1947 im Internierungslager „Glasenbach“ festgehalten, und ein Verfahren gegen ihn wegen Kriegsverbrechen wurde 1953 trotz erdrückender Beweislast eingestellt. Die Aufarbeitung dieser historischen Verstrickungen ist ein langer Prozess, der bis heute andauert. Auch die Euthanasie-Programme, die schätzungsweise 200.000 bis 300.000 Menschen in ganz Europa das Leben kosteten, sind Teil dieser dunklen Geschichte. Die Erinnerung daran ist unerlässlich, um sicherzustellen, dass sich solche Gräueltaten nicht wiederholen. Wir sollten uns stets mit den dunklen Kapiteln unserer Geschichte auseinandersetzen und die Stimmen der Opfer nicht verstummen lassen.

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