Die genetische Forschung hat durch die Analyse menschlicher Überreste, die Tausende Jahre alt sind, neue Einblicke in die Besiedlungswellen Europas, des vorderen Orients und Westasiens ermöglicht. Laut einem Bericht von Kleine Zeitung stellen Genetiker wie Ali Akbari und David Reich von der Harvard Medical School fest, dass sich Veränderungen im menschlichen Erbgut über die letzten 10.000 Jahre nur schwer nachvollziehen lassen. Dies ist besonders relevant im Kontext von Lebensumstellungen wie dem Ende der Eiszeit und dem Übergang zur Landwirtschaft.
In ihrer Studie erforschten die Wissenschaftler DNA-Daten von fast 16.000 Menschen aus Europa, dem Nahen Osten und Westasien. Die Herausforderung bestand darin, genügend DNA-Informationen zu sammeln, um evolutionsbiologische Ableitungen zu ermöglichen. Eine neu entwickelte Computermethode von Akbari erlaubt die Analyse dieser Unterschiede. Dabei wurden 479 unabhängige Genorte identifiziert, die zuvor nur in 20 Fällen von gerichteter Selektion bemerkt wurden. Diese Genorte sind mit verschiedenen Eigenschaften verbunden, einschließlich hellem Hauttyp, Haarausfall und sogar kognitiven Fähigkeiten.
Genetische Veränderungen und ihre Auswirkungen
Ein interessantes Ergebnis der Forschung ist die Entdeckung von zehn Genen, die mit rotem Haar und hellem Hauttyp assoziiert sind. Helle Haut ist evolutionär vorteilhaft, da sie die Vitamin D-Produktion fördert. Zudem konnten genetische Veränderungen festgestellt werden, die das Risiko für Krankheiten wie Lepra und HIV senken und mit einem geringeren Alkoholismus in Verbindung stehen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die genetischen Variationen, die entzündliche Darmerkrankungen und Multiple Sklerose begünstigen können. Ebenso identifizierten die Forscher Hinweise auf Genveränderungen, die eine bessere Gesundheit und höhere Gehgeschwindigkeit fördern sowie das Risiko für Typ-2-Diabetes verringern. Diese Auffälligkeiten könnten darauf hindeuten, dass Menschen in den letzten 10.000 Jahren stärker auf Lebensstil- und wirtschaftliche Veränderungen reagiert haben.
Allerdings bleibt unklar, ob ähnliche genetische Veränderungen auch in anderen Weltregionen, beispielsweise Ostasien, stattgefunden haben.
Laktosetoleranz als Überlebensstrategie
Ein weiterer interessanter Gesichtspunkt für die genetische Evolution in Europa ist die Laktosetoleranz. Während nur ein Drittel der Menschen weltweit Milch gut verdauen kann, sind es in Europa bereits 85 Prozent. Dies stellt einen signifikanten Unterschied dar, den n-tv beleuchtet. Die Gründe dafür sind wahrscheinlich in Krisenzeiten zu finden, in denen Menschen, die Milch verdauen konnten, bessere Überlebenschancen hatten.
Eine Genmutation erlaubt es Erwachsenen, Milch zu verdauen, etwas, das bei anderen Säugetieren nicht der Fall ist. Vor etwa 5000 Jahren trat diese Mutation auf, lange nach dem weit verbreiteten Milchkonsum in Europa. Die Untersuchung von DNA-Sequenzen älterer Europäer und Asiaten unterstützt die Hypothese, dass Laktosetoleranz sich in Krisenzeiten stärker selektiert wurde.
Zusammengefasst zeigen diese wissenschaftlichen Erkenntnisse, wie sich das menschliche Genom über Jahrtausende hinweg an veränderte Lebensumstände angepasst hat. Die hohe Rate an genetischen Veränderungen könnte auf eine ausgeprägte Reaktion der Menschen auf Umweltveränderungen hindeuten, die für das Überleben in der Vergangenheit entscheidend waren.