Heute ist der 26.09.2026 und wir blicken auf die spannende Entstehungsgeschichte der Gemeinde St. Ruprecht in Wien zurück. Im Herbst 1986, zu einer Zeit, als die katholische Kirche in Österreich von Umbrüchen geprägt war, wurde die älteste Kirche Wiens als Ort der Begegnung und des Glaubens neu belebt. Otto Friedrich, ein Mitglied des „Entrümpelungsteams“ und des ersten Liturgiekreises, erinnert sich an die Anfänge und die Herausforderungen, die die Gründung mit sich brachte.

Die Gründung fiel in eine Epoche, die als „kirchenpolitische Wende“ bekannt ist. Im Juli 1986 ernannte Papst Johannes Paul II. den konservativen Hans Hermann Groër zum Erzbischof von Wien, was große Hoffnungen auf einen liberalen Nachfolger wie Weihbischof Helmut Krätzl weckte. Krätzl, der Joop Roeland zum Rektor der Ruprechtskirche ernannte, setzte sich für eine neue, kreative Liturgie ein und sammelte junge Familien und Studierende um sich, um diese innovative Gemeinde ins Leben zu rufen.

Ein Ort der Offenheit

Die Entrümpelungsmission in der Ruprechtskirche war nicht nur eine materielle, sondern auch eine geistige Neuorientierung. Der überdimensionierte Hochaltar und zahlreiche Kerzenleuchter wurden entfernt, um Raum für eine lebendigere und zugänglichere Liturgie zu schaffen. Der bis heute bestehende Liturgiekreis trug maßgeblich zur Renovierung der Kirche bei, was die Gemeinde zu einem Zufluchtsort für all jene machte, die die konservativen Entwicklungen in der Kirche ablehnten. St. Ruprecht wurde zum Ort der liturgischen Kreativität und Freiheit, wo Menschen jeden Alters zusammenkommen, um ihren Glauben zu leben.

Die Lage im „Bermudadreieck“ der Inneren Stadt, in unmittelbarer Nähe zur Jüdischen Synagoge und dem Morzinplatz, dem Hauptquartier der Gestapo, prägt die Gemeinde bis heute. St. Ruprecht möchte nicht nur für Gläubige, sondern auch für Nachtschwärmer, Touristen und Suchende ein offenes Ohr sein. Das Gemeindeleben zeigt sich in einer anspruchsvoll gestalteten Liturgie jeden Samstag und an Feiertagen.

Ein dunkles Kapitel

Ein besonders denkwürdiger Moment fand am 2. November 2020 statt, als die Kirche während eines Terroranschlags zum Zufluchtsort für eine Gruppe von Jugendlichen wurde. Diese Ereignisse werfen einen Schatten auf die Geschichte St. Ruprechts, die auch von der damaligen kirchlichen Führung unter Hans Hermann Groër beeinflusst war.

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Groër, der am 15. Juli 1986 als Erzbischof ernannt wurde, war eine umstrittene Figur. Trotz seiner Ernennung und der Bischofsweihe im September 1986 wurden ihm später schwere Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs vorgeworfen. Diese Vorwürfe führten zu einem Rücktritt und einem Rückzug aus der Öffentlichkeit, der das Bild der Kirche in Österreich nachhaltig beeinflusste.

Ethische und liturgische Erneuerung

Die Gründung der Gemeinde St. Ruprecht fällt auch in den Kontext der „Liturgischen Bewegung“, die im 20. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte. Diese Bewegung, die ihren Ursprung in der Benediktinerabtei von Solesmes hatte, strebte die Erneuerung der Liturgie aus ihren eigenen Quellen an. Die Erkenntnisse über alte liturgische Praktiken und das gottesdienstliche Leben, die durch die Liturgische Bewegung und das Zweite Vatikanische Konzil gefördert wurden, fanden ihren Weg in die Gemeinde St. Ruprecht.

Mit einer lebendigen Liturgie, die auf die Bedürfnisse der Menschen von heute eingeht, zeigt die Gemeinde, dass der Glaube nicht in der Vergangenheit stecken geblieben ist, sondern sich dynamisch weiterentwickelt. Das vertiefte Liturgieverständnis, das die Kirche heute prägt, hat viel mit den Erkenntnissen und der offenen Haltung zu tun, die in den 1980er Jahren in St. Ruprecht ihren Anfang nahmen.