In Bettringen, einem Stadtteil von Gmünd, hat sich an der Rheinstraße 21 ein bemerkenswerter Wandel vollzogen. Wo einst ein stilles Gebäude, Teil eines kleinen Nahversorgungszentrums mit Läden, Dienstleistern und einem Gasthaus stand, tut sich nun eine neue Vielfalt auf. Das Gasthaus, das den Ort als sozialen Treffpunkt prägte, wurde geschlossen, was den Verlust eines wichtigen Gemeinschaftsortes zur Folge hatte. Ein geplanter Abriss des Gebäudes zur Errichtung von drei mehrgeschossigen Wohngebäuden stieß auf Skepsis in der Bevölkerung sowie im Ortschaftsrat, sodass die Pläne nicht umgesetzt wurden. Stattdessen wird das Gebäude nun neu belebt.
Zu den neuen Nutzungen gehören unter anderem eine Bar, ein Fitnessstudio, ein Dance-Studio, ein Bräunungsstudio, eine Unterkunft für einen Kickbox-Verein sowie eine Physiotherapiepraxis und eine podologische Praxis. Besonders hervorzuheben ist der neu eröffnete „Tante-Emma-Laden“, betrieben von Pastor Evgeny Biryukov. Dieser Laden bietet ein vielfältiges Sortiment an russischen, ukrainischen, portugiesischen und deutschen Spezialitäten, frischem Obst sowie Süßigkeiten aus der Schütte. Ziel des Ladens ist es, älteren Menschen im Umfeld Selbstständigkeit im Alltag zu bieten, was durch ein offenes Bücherregal der katholischen Kirchengemeinde und einen rund um die Uhr zugänglichen Automatenladen zusätzlich unterstützt wird.
Die Rückkehr der Tante Emma Läden
Tante-Emma-Läden haben in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Renaissance erlebt. Die ersten dieser Läden entstanden bereits 1949 und boten den Menschen in ihren Wohnvierteln Grundnahrungsmittel und Haushaltswaren im Selbstbedienungsstil an. Mit dem Aufkommen der ersten Supermärkte ab 1960 und der Discounter ab 1974 kam es jedoch zu einem Wandel: Die persönliche Kundenansprache ging verloren, und die großen Verkaufsflächen der Supermärkte verdrängten die kleinen Geschäfte aus den urbanen Räumen. Diese Entwicklung führte zu einer anonymen Einkaufskultur, in der die individuelle Bedienung kaum noch eine Rolle spielte.
Doch die Einkaufsgewohnheiten der Menschen haben sich geändert. Heute gibt es ein wachsendes Interesse an biologischen und regionalen Produkten. Der moderne Tante-Emma-Laden, wie der in Bettringen, ist darauf ausgerichtet, die Bedürfnisse verschiedener Kundengruppen zu erfüllen – von Familien über junge Menschen bis hin zur älteren Gesellschaft. Viele dieser Läden bieten saisonale Produkte von regionalen Landwirten an und schaffen eine familiäre Atmosphäre, in der die Auffindbarkeit der Produkte unkompliziert ist. Diese Entwicklung spricht auch den Sinn für Nachhaltigkeit und Gemeinschaft in der Gesellschaft an.
Das Beispiel Bettringen im Kontext der Nahversorgung
Die Wiederbelebung des Nahversorgungszentrums in Bettringen ist Teil eines größeren Trends, der in vielen Regionen zu beobachten ist. In Schleswig-Holstein beispielsweise hat man mit dem Tante Enso-Laden ein ähnliches Konzept etabliert, das nicht nur als Einkaufsmöglichkeit dient, sondern auch als sozialer Treffpunkt für die Dorfgemeinschaft fungiert. Der Markt-Treff in Sarau, eröffnet im März 2023, hat sich bereits als wichtiger Ort für ältere Menschen und Familien etabliert. Hier gibt es nicht nur einen Supermarkt, sondern auch ein Café mit Back-Shop, das die lokale Gemeinschaft stärkt.
Die Entwicklung in Bettringen zeigt, dass die Menschen zunehmend Wert auf lokale, leicht erreichbare Angebote legen, die das Gemeinschaftsgefühl fördern. Ortsvorsteher Karl-Andreas Tickert beschreibt die neue Nutzung als vorsichtigen, aber ermutigenden Schritt. Auch wenn das Angebot noch nicht mit dem früheren Supermarkt, Bank, Post, Apotheke und Bäckerei vergleichbar ist, so ist es doch ein wichtiger Schritt in Richtung einer lebendigen und attraktiven Wohngegend.
Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass solche Initiativen in weiteren Regionen Fuß fassen und die Nahversorgung in ländlichen Gebieten stärken. Die Rückkehr der Tante-Emma-Läden könnte somit nicht nur ein Trend, sondern ein wichtiger Bestandteil einer nachhaltigen Nahversorgung werden.