Sgraffito und Tradition: Die Türkenpfeifer von Waidhofen an der Ybbs
In Waidhofen an der Ybbs, einer charmanten Stadt in Österreich, gibt es ein Kunstwerk, das nicht nur die Wände einer Wohnhausanlage ziert, sondern auch eine lebendige Geschichte erzählt. Adalbert Schlager, ein talentierter akademischer Maler, schuf in den 1950 und 60er Jahren beeindruckende Sgraffito-Fassadenkunstwerke. Eines seiner bekanntesten Werke befindet sich an der „Neuen Heimat“-Wohnhausanlage in der Julius-Jax-Gasse. Dieses Kunstwerk ist nicht einfach nur ein Hingucker – es zeigt die legendären Türkenpfeifer, die mit zwei Schwegelpfeifen, einer kleinen Trommel und einem Fez ausgestattet sind. Das Sgraffito-Motiv misst stolze sieben Meter in der Höhe und vier Meter in der Breite!
Doch was sind die Türkenpfeifer überhaupt? Der Brauch hat seine Wurzeln in der Geschichte der Waidhofner Sensenschmiede, die im Jahr 1532 ein Privileg vom Stadtrat erhielten. Sie verteidigten die Stadt während der Türkenzeit. Der Brauch des Gassatengehens, das mit dem Weckruf „Auf in Gottsnam, die Türken san do!“ durchgeführt wird, hat sich bis heute erhalten. Am 20. Juni 2026 wird in Waidhofen ein Gassatengehen stattfinden, bei dem Musiker diesen Brauch weiter pflegen werden. Ein Weinständer, der bei diesen Feierlichkeiten genutzt wird, ist im städtischen Museum ausgestellt und erinnert an die Zeiten, als die Sensenindustrie eine bedeutende Exportindustrie in Österreich war und viele Arbeiter beschäftigte.
Die Kunst des Sgraffito
Sgraffito ist eine faszinierende Technik, die ihren Ursprung im italienischen Wort „sgraffiare“ hat, was so viel wie „kratzen“ bedeutet. Bei dieser Methode werden Ornamente in die Oberfläche eines eingefärbten Wandputzes gekratzt, um einen reizvollen Farbkontrast zu erzeugen. Die Technik ist vor allem für ihre Haltbarkeit unter ungünstigen Witterungsbedingungen bekannt und wird häufig in zweifarbigen Dekorationen an Außenwänden von Gebäuden eingesetzt. Die strukturellen Kontraste zwischen glatter Putzoberfläche und rauen, gekratzten Flächen schaffen einen besonderen visuellen Reiz.
Obwohl Sgraffito im 17. Jahrhundert aus der Mode kam, erlebte es im 19. Jahrhundert eine Wiederentdeckung, auch dank Architekten wie Gottfried Semper. In den 1950er und 60er Jahren blühte diese Kunstform erneut auf, was Schlager zu verdanken ist. Er verband in seinen Arbeiten traditionelles Handwerk mit zeitgenössischem Design und schuf so Werke, die bis heute Bestand haben.
Ein Blick in die Vergangenheit
Die Geschichte des Gassatengehens und der Sensenschmiede ist tief in der Kultur Waidhofens verwurzelt. Es ist erstaunlich zu sehen, wie solche Traditionen über Jahrhunderte hinweg lebendig gehalten werden. Während die technische Entwicklung die Sensenindustrie stark beeinträchtigt hat, bleibt der Brauch des Gassatengehens ein wichtiger Teil des kulturellen Erbes der Stadt. Die Sensenschmiede, die einst für ihre Fertigung berühmt waren, sind nun Teil einer nostalgischen Erzählung, die durch Kunstwerke wie das von Schlager gewürdigt wird.
Besucher der Stadt können nicht nur die beeindruckenden Sgraffito-Kunstwerke bewundern, sondern auch die Geschichten erleben, die sie erzählen. Das Gassatengehen wird mit Musik und einer besonderen Atmosphäre gefeiert, die den historischen Charakter dieser Tradition unterstreicht. Es ist ein Moment, in dem die Vergangenheit lebendig wird und die Gemeinschaft zusammenkommt, um ihre Wurzeln zu feiern. Wer an diesem Tag dabei ist, wird sicherlich von der Energie und der Freude, die diese Feier ausstrahlt, mitgerissen werden.
Wer mehr über die Traditionen und das kulturelle Erbe Waidhofens erfahren möchte, findet in der Region zahlreiche Möglichkeiten zur Erkundung. Die Stadt hat viel zu bieten – nicht nur in Form von beeindruckender Kunst, sondern auch durch ihre lebendige Geschichte und das Engagement der Menschen, diese weiterzugeben.
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