In der Bibliothek Haiming fand am 2. Juli 2026 ein aufschlussreicher Vortrag mit dem Titel „ADHS ist kein Verhaltensproblem“ statt. Der Fokus lag auf der Aufklärung über die biologischen Hintergründe von ADHS, einem Thema, das viele Eltern, Angehörige und Pädagog:innen betrifft. Dr. A. Johanna Urban, eine Wissenschaftlerin und Lehrerin, die selbst mit ADHS lebt, führte durch den Abend. Ihre persönliche Erfahrung – sie ist auch Autistin und hat eine Hörbegabung – machte die Veranstaltung besonders lebendig und nachvollziehbar.

ADHS wird oft als Verhaltensproblem wahrgenommen, dabei ist das Verhalten, das viele Betroffene zeigen – wie Unruhe, Impulsivität, Wutausbrüche und Konzentrationsschwierigkeiten – neurobiologisch bedingt. Dr. Urban erklärte anschaulich die Rolle des Neurotransmitters Dopamin. Ein hoher Spiegel kann zu Übererregung führen, während ein niedriger Spiegel verstärktes Reizsuchen zur Folge hat. Das bedeutet, dass Kinder mit ADHS oft in einer Flut von Eindrücken gefangen sind, die sie überfordert.

Perspektivwechsel und Handlungsmöglichkeiten

Ein zentraler Punkt, den Dr. Urban ansprach, war der Perspektivwechsel: Schwieriges Verhalten entsteht nicht aus Bosheit, sondern oft aus Überforderung und unerfüllten Bedürfnissen. Negative Rückmeldungen von Eltern oder Erziehern können zu Rückzug oder Wut führen und eine Eskalationsspirale in der Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern auslösen. Es ist entscheidend, dass Kinder gehört und ernst genommen werden.

Praktische Handlungsmöglichkeiten wurden ebenso thematisiert. Dr. Urban riet dazu, die Interessen der Kinder ernst zu nehmen und ihnen sinnstiftende Aufgaben zu geben. Auch klare Strukturen und verlässliche Abläufe können helfen. Hilfsmittel wie der „Time Timer“ – eine einfache Uhr, die Zeit visuell darstellt – können die Zeiteinschätzung verbessern. Wertschätzung und das Gefühl von Zugehörigkeit spielen eine große Rolle in der Entwicklung von Kindern mit ADHS.

Ein komplexes Zusammenspiel

Die Komplexität von ADHS wurde auch durch eine aktuelle Studie von MacDonald und Kollegen beleuchtet. Diese Untersuchung stellt die bisherige Dopamin-Hypothese in Frage und zeigt, dass ADHS nicht einfach als Dopaminmangel verstanden werden kann. Stattdessen handelt es sich um ein Zusammenspiel von Neurobiologie, Entwicklung und Genetik. Es gibt keine einheitliche Störung – ADHS zeigt sich in verschiedenen Subtypen und individuellen Ausprägungen.

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Die Studie kam zu dem Schluss, dass Dopamin eine Rolle spielt, jedoch in einem viel komplexeren Kontext. So zeigen etwa einige Menschen mit ADHS eine erhöhte, andere eine verringerte dopaminerge Aktivität. Das bedeutet, dass die Behandlung mit dopaminerg wirkenden Medikamenten wie Methylphenidat und Amphetaminen zwar wirksam sein kann, aber die Wirkungsweise beruht auf der Modulation komplexer Netzwerke im Gehirn.

Abschließend kündigte Dr. Urban ein geplantes regionales Austausch-Forum an, das eine Plattform für Betroffene, Eltern und Lehrkräfte bieten soll. In Tirol ist die Heilpädagogische Familien gemGmbH eine wichtige Anlaufstelle für alle, die Unterstützung suchen. Die Vielfalt an Möglichkeiten zur Hilfe – sei es durch Elterncoachings, spezialisierte Psychotherapeuten oder Selbsthilfegruppen – zeigt, dass für jede Situation eine Lösung gefunden werden kann.

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