In der malerischen Stadt Bregenz, zwischen den sanften Hügeln und dem glitzernden Bodensee, findet sich ein ganz besonderes architektonisches Kleinod, das nicht nur Einheimische, sondern auch Touristen in Staunen versetzt – das schmalste Haus Europas. Es steht an der Kirchstraße 29 und besticht mit einer Fassade, die lediglich 57 Zentimeter in der Breite misst. Das ist sogar schmaler als die Tür des Gebäudes selbst! Diese bemerkenswerte Bauweise führt dazu, dass das Gebäude oft als das schmalste Haus bezeichnet wird, obwohl es sich in Wirklichkeit um das Haus mit der schmalsten Fassade handelt. Klaus Feldkircher, Vorstand der Galerie 9und20, erläutert, dass ein Teil dieser skurrilen Fassade zu einem angrenzenden Haus (Haus 31) gehört.
Hinter der schmalen Front verbirgt sich allerdings ein wesentlich größerer Raum, der durch elegante Säulen und einen modernen Fußboden aus geschliffenem Estrich beeindruckt. Mit einer Gesamtfläche von rund 60 Quadratmetern bietet das Gebäude überraschend viel Platz. Es wurde Ende der 2010er-Jahre aufwendig saniert, wobei das schmalste Haus und das benachbarte Nebenhaus zusammengelegt wurden. So entstanden normal große Räume, die den ursprünglichen Charme des Gebäudes bewahren und gleichzeitig modernen Wohnkomfort bieten.
Eine bewegte Geschichte
Die Geschichte des Hauses ist ebenso faszinierend wie seine Architektur. Erstmals urkundlich erwähnt wurde es im Jahr 1796, als es einem Wachszieher gehörte. Im Jahr 1886 erwarb die Familie Lang das Gebäude und betrieb dort ein Bürstenbinder- und Kinderwagengeschäft bis zur Schließung im Jahr 1999. Danach wurden die Fenster und die Haustür zugemauert, was dem alten Gebäude eine gewisse Verlassenheit verlieh. Doch zwischen 2017 und 2019 erfuhr es eine grundlegende Sanierung durch den heutigen Besitzer, wodurch das Haus wieder zu neuem Leben erweckt wurde.
Die Kirchstraße selbst gehört zu den ältesten Straßen in Bregenz und ist ein Zeugnis der Stadtgeschichte. Das schmale Bauwerk wird von Fachleuten als Beispiel für parasitäre Architektur bezeichnet. Diese Bauweise beschreibt eine Metapher in der Architektur, bei der der „Parasit“ – in diesem Fall das schmalste Haus – auf dem bestehenden Gebäude „wächst“ und sich in den Raum hinein ausbreitet. Die zentrale Frage dieser Architektur ist das Verhältnis zwischen Wirt und Parasit, was hier besonders deutlich wird, da das Gebäude keine Seitenwände hat und in eine bestehende Baulücke eingefügt wurde.
Parasitäre Architektur
Diese Art der Architektur, die auch in anderen Projekten zu sehen ist, spielt mit der Idee, dass der „Parasit“ sich vom Bestand ernährt und die Grenzen des ursprünglichen Gebäudes überschreitet. Dabei entstehen oft überraschende und kreative Wohnlösungen. In einem typischen parasitären Bauwerk kann man verschiedene Wohnkonzepte finden, die sich flexibel verbinden lassen und gemeinschaftliche Räume schaffen. So wird nicht nur der Platz optimal genutzt, sondern auch eine lebendige Nachbarschaft gefördert.
Das schmalste Haus in Bregenz ist nicht nur ein architektonisches Highlight, sondern auch ein spannendes Beispiel für die Wechselwirkungen von Geschichte, Architektur und urbanem Leben. Wer durch die Kirchstraße schlendert, sollte unbedingt einen Blick auf dieses einzigartige Bauwerk werfen – es lohnt sich!