Jelinek feiert 80: Ein Medley der Erinnerungen im Volkstheater
Heute ist der 27. September 2026 und das Wiener Volkstheater feiert ein ganz besonderes Ereignis: Elfriede Jelinek wird achtzig Jahre alt! Zu diesem Anlass hat Jan Philipp Gloger, der Direktor des Volkstheaters, ein eindrucksvolles vierteiliges Medley mit dem Titel „Die Ankunft“ inszeniert. Die Premiere fand am 26. September statt und zog zahlreiche Zuschauer in ihren Bann.
Die Inszenierung, die über drei Stunden dauert – inklusive einer Pause, versteht sich – bringt vier bedeutende Werke von Jelinek auf die Bühne, die zwischen 1988 und 2025 entstanden sind. Ein besonderes Highlight ist das neu überarbeitete Stück „Das Lebewohl – nein: die Ankunft“, das Jelinek erst 2025 in Angriff nahm. Gloger, der bereits für das Jelinek-Triptychon im Rahmen des Projekts „Kein Schlussstrich!“ verantwortlich war, thematisiert in seiner Inszenierung das kollektive Verdrängen und die Auseinandersetzung mit der Geschichte, insbesondere mit den Schrecken der NS-Zeit.
Ein Comeback mit Tiefgang
Emmy Werner, die ehemalige Direktorin des Volkstheaters, kehrt in der Rolle des „Engels der Geschichte“ auf die Bühne zurück – ein Comeback, das für viele Besucher ein absolutes Highlight darstellt. In dieser Inszenierung wird nicht nur die Gegenwart reflektiert, sondern auch die schmerzhaften Erinnerungen an die Schulzeit unter den Nazis angesprochen. Die Inszenierung nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, die gegenwärtige politische Situation kritisch zu beleuchten. Dramaturg Matthias Seier hat die Inszenierung in den Kontext der aktuellen politischen Lage gesetzt, insbesondere der Einstufung der FPÖ als rechtsextreme Partei.
Ein zentraler Moment der Inszenierung ist der finale Teil, der die Erschießung von 180 ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern in Rechnitz thematisiert. Hier fordert Emmy Werner eindringlich eine Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Massengräbern des Massakers. So wird die Vorstellung nicht nur zur Feier eines Jubiläums, sondern auch zu einem eindringlichen Appell, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Politische Resonanz
Besonders stark ist die Kritik an rechten Politikern und deren Rhetorik spürbar. Ein Beispiel dafür ist der „Remigrationssong“ der FPÖ, der im Juni 2026 für Aufregung sorgte. Die Inszenierung thematisiert die steigende Rhetorik rechter Bewegungen und verknüpft historische und aktuelle gesellschaftliche Probleme, insbesondere in Bezug auf Nationalismus und rechte Gewalt. Der Prolog, „Wolken.Heim“, bringt klassische Zitate ein und setzt den Ton für das, was folgt.
Eine interessante Mischung von Darstellern, darunter auch Katharina Kurschat und Tjark Bernau, sorgt dafür, dass die Aufführung ein abwechslungsreiches Erlebnis wird. Während der dritte Teil, „Das schweigende Mädchen“, als klamaukig und weniger gelungen beschrieben wird, bleibt der Rest der Inszenierung stark und bewegend. Die Inszenierung ist ein Denkgebäude aus Verdrängung und Wiederkehr.
Ein Blick in Jelineks Leben
Jelinek, geboren am 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag, hat in ihrem Leben viele Höhen und Tiefen erlebt. Ihre Kindheit war geprägt von den Schatten des Nationalsozialismus, was sich in ihrer Schriftstellerei widerspiegelt. Jelinek ist nicht nur eine bedeutende Stimme in der österreichischen Literatur, sondern auch eine scharfe Kritikerin gesellschaftlicher Missstände. Der Nobelpreis für Literatur im Jahr 2004 ist nur ein weiterer Beleg für ihr außergewöhnliches Schaffen.
Mit „Die Ankunft“ wird nicht nur ihr Geburtstag gefeiert, sondern auch ein bedeutendes literarisches Erbe gewürdigt – ein Erbe, das fordert, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und die Stimme gegen das Vergessen zu erheben. Die nächsten Aufführungen sind für den 29. September, 7., 9., 11., 15. und 20. Oktober 2026 geplant. Die Ticketpreise liegen zwischen EUR 18,- und EUR 65,- und sind sicherlich jeden Cent wert!
