Heute ist der 22.04.2026. In der Schweiz, genauer gesagt im Kanton Tessin, steht eine bemerkenswerte wissenschaftliche Unternehmung an. Diese Woche wird testweise ein Erdbeben ausgelöst, ein Experiment, das im Bedretto-Felslabor durchgeführt wird. Dieses Labor ist weltweit einzigartig und bietet Forschenden die Möglichkeit, das Verhalten von Gestein unter kontrollierten Bedingungen zu untersuchen. Das Projekt trägt den Namen „FEAR“ (Fault Activation and Earthquake Rupture) und wird von Men-Andrin Meier, einem Erdbeben-Seismologen von der ETH Zürich, geleitet.

Das geplante Erdbeben wird eine Magnitude von 1 haben, was bedeutet, dass es an der Oberfläche kaum wahrnehmbar sein wird; zur spürbaren Wahrnehmung wäre eine Magnitude von 5 erforderlich. Die wissenschafltichen Ziele sind hochgesteckt: Mit hunderten Sensoren sollen die Bewegungen des Gesteins vor, während und nach dem Beben erfasst werden. Dabei wird erwartet, dass sich das Gestein um ein bis zwei Millimeter an einer Bruchlinie von bis zu 100 Metern bewegt. Das Experiment wird in einer Tiefe von über einem Kilometer durchgeführt, wo die Spannungen im Gestein normalerweise nicht für stärkere Beben ausreichen. Diese Messungen sollen dazu beitragen, Bruchprozesse bei größeren Beben weltweit besser zu verstehen.

Technische Details und Durchführung

Das Bedretto-Felslabor ist mit mehr als 40 Bohrlöchern für Sensoren ausgestattet. Um das Beben auszulösen, werden über Schläuche Wassermassen zwischen Gesteinsschichten mit steigendem Druck gepresst. Die Forschenden haben zehn Tage für das Experiment eingeplant, rechnen jedoch mit einer schnelleren Durchführung. Zudem wird das Experiment rund um die Uhr überwacht und kann bei unerwarteter Aktivität jederzeit abgebrochen werden.

Die Erkenntnisse aus diesem Experiment könnten weitreichende Auswirkungen auf das Verständnis von Erdbeben haben. Die umfassenden Messdaten werden helfen, die Mechanismen hinter der Erdbebenbildung besser zu erforschen und möglicherweise die Vorhersage von Erdbeben zu verbessern.

Der Kontext in der seismologischen Forschung

Die Oberfläche der Alpen ist in den letzten 200 Jahren gut erforscht, jedoch bleibt das Wissen über den Krusten- und Mantelbereich der Alpen unvollständig. Eine engmaschige Erkundung mittels geophysikalischer Methoden ist notwendig, um das Verständnis der seismologischen Aktivität in dieser Region zu vertiefen. Hierzu ist die Installation eines dichten Netzes von Seismometern im Alpenraum vorgesehen, um seismische Daten zu sammeln und auszuwerten.

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Zusätzlich werden Projekte wie FloodRisk, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Auswirkungen des Anstiegs des Grubenwasserspiegels in stillgelegten Bergwerksregionen untersuchen. Diese Initiativen zeigen, wie wichtig es ist, den Zusammenhang zwischen menschlichen Aktivitäten und induzierter Seismizität zu verstehen. Ein weiteres Beispiel ist das Projekt MISS, das sich mit der Minderung der Störwirkung von Windenergieanlagen auf seismologische Stationen befasst.

Insgesamt zeigt das Experiment im Tessin, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft bestrebt ist, neue Erkenntnisse über Erdbeben zu gewinnen und die damit verbundenen Risiken besser zu verstehen. Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie in der ausführlichen Berichterstattung auf Süddeutsche.de.