Heute ist der 28.04.2026. Im Nationaltheater Mannheim wird das Werk „Veritas verhext die Stadt“ der Autorin Maria Lazar inszeniert, ein Roman, der die zerstörerische Macht von Gerüchten beleuchtet. Maria Lazar, die 1948 in Stockholm starb, erlebte selbst Zensur und floh vor den Nazis ins Exil, was dem Werk eine besondere Tiefgründigkeit verleiht. Die Geschichte zeigt, wie anonyme Briefe, die mit kompromittierenden Informationen oder Lügen gefüllt sind, eine Panik unter den Bewohner:innen Kopenhagens auslösen. Diese Panik führt zu einer Hexenjagd auf die vermeintliche Verfasserin und kostet schließlich ein Leben.
Die Erzählweise des Romans ist multiperspektivisch gestaltet, was den Zugang zur Wahrheit erschwert. Diese komplexe Struktur wird in der modernen Inszenierung von Katharina Kohler aufgegriffen und angepasst. Anstelle von klassischen Briefen kommen in der heutigen Aufführung Posts und Handynachrichten zum Einsatz. So wird eindrucksvoll demonstriert, wie Gerüchte in der digitalen Ära verbreitet werden. Projizierte Instagram-Timelines und Sprüche auf der Bühne verdeutlichen die Dynamik der Informationsverbreitung und zeigen, wie schnell sich gesellschaftliche Stimmungen wandeln können.
Die Inszenierung und ihre Themen
Die Darsteller:innen in Mannheim führen kantige Bewegungen aus, um den Einfluss der Gerüchte auf die Gesellschaft zu verdeutlichen. Ein besonderes Bühnenbild mit Zerrspiegeln verstärkt den Eindruck, dass die Protagonist:innen in einer verzerrten Realität leben, in der die Sicht auf die Wahrheit kaum mehr möglich ist. Ein bemerkenswerter Aspekt der Inszenierung ist, dass Kohler keine:n einzelnen Darsteller:in hervorhebt; stattdessen spricht das Ensemble häufig im Chor und wechselt die Rollen, was die Anonymität und die kollektive Verantwortung in der Verbreitung von Gerüchten betont.
Ein feministischer Blickwinkel wird durch die Tatsache unterstrichen, dass die Todesopfer im Roman überwiegend Frauen sind. Dies wird in der Inszenierung weiter thematisiert, insbesondere im Kontext öffentlicher Vorwürfe gegen Männer wie Jörg Kachelmann und Kevin Spacey. Die Auswirkungen von Hetzkampagnen und digitalen Medien auf die Wahrnehmung von Frauen sind zentrale Themen, die durch die Darstellung auf der Bühne eindrucksvoll hervorgehoben werden.
Komik und Ernsthaftigkeit
Die Inszenierung ist jedoch nicht nur ernst, sondern enthält auch komische Elemente. So sorgt beispielsweise eine Darstellerin mit dem Singen von Britney Spears’ „Baby One More Time“ für leichte Momente, die im Kontrast zu den schwerwiegenden Themen stehen und das Publikum zum Schmunzeln bringen. Diese Mischung aus Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit unterstreicht die Vielschichtigkeit der Thematik und die Fähigkeit des Theaters, komplexe gesellschaftliche Fragen auf unterschiedliche Weise zu beleuchten.
Insgesamt zeigt die Aufführung in Mannheim eindrucksvoll, wie relevant das Werk von Maria Lazar auch in der heutigen Zeit ist. Die Themen von Gerüchten, digitaler Hetze und der Konstruktion von Scheinrealitäten sind aktueller denn je und laden das Publikum ein, über die Mechanismen der eigenen Wahrnehmung und die Verantwortung im Umgang mit Informationen nachzudenken. Die Inszenierung bietet somit nicht nur einen unterhaltsamen Theaterabend, sondern regt auch zur Reflexion über die eigene Rolle in einer von Medien dominierten Welt an.