Im beschaulichen Dillingen an der Donau feiert die 95-jährige Anna Wenisch, geborene Faber, am Donnerstag, dem 23. April, ihren Ehrentag. Ihre Erinnerungen sind geprägt von einer Kindheit, die sie als unbeschwert und schön beschreibt. Auf dem elterlichen Hof in Groß Wonetitz, heute bekannt als Bonětice im Egerland, erlebt sie eine Zeit, die sich abrupt änderte.
Anna erinnert sich besonders an die Annexion des Sudetenlandes durch Adolf Hitler im Jahr 1938. Zu dieser Zeit war die Stimmung euphorisch, als das Egerland zu Deutschland kam. Doch diese Euphorie währte nicht lange; bereits 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus und die Folgen waren verheerend. Anna und ihre Familie mussten den Krieg teuer bezahlen und verloren ihre Heimat. Sie zählt zu den etwa 12 bis 14 Millionen Deutschen, die am Ende des Zweiten Weltkriegs vertrieben wurden. Ein bewegendes Schicksal, das viele in der Region betrifft, wie ein Bericht der Augsburger Allgemeinen zeigt.
Die Vertreibung aus der Tschechoslowakei
Die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei begann nicht abrupt, sondern war das Resultat einer Reihe politischer Entscheidungen, die ihren Anfang mit dem Münchner Abkommen 1938 nahmen. Dieses Abkommen führte zur Besetzung der Randgebiete der westlichen Tschechoslowakei, und im März 1939 folgte die Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren. Der Exilpräsident Edvard Beneš suchte 1943 in Moskau das Einverständnis der Alliierten für einen großen „Bevölkerungstransfer“ – eine Entscheidung, die im Verborgenen getroffen wurde und die das Schicksal vieler Deutscher besiegelte.
Die Stimmung gegen die deutsche Minderheit wuchs während der deutschen Okkupation, und viele Tschechen sahen ein weiteres Zusammenleben als unmöglich an. Im Mai 1945 begann die Massendeportation, die durch Präsidialdekrete und Gesetze von Beneš legitimiert wurde. Am 12. Mai 1945 erklärte er in Brünn, dass das „deutsche Problem“ ausgeräumt werden müsse. Diese Maßnahmen führten zu einer Fluchtbewegung und einem dramatischen Anstieg der Gewalt gegen Deutsche, wie die Dokumentation der Ereignisse zeigt.
Ein schwieriges Erbe und Versöhnung
Die Vertreibungen, die vor rund 80 Jahren stattfanden, führten zu Tausenden von Toten und einer massiven Fluchtbewegung. Die meisten Vertriebenen fanden Zuflucht in der amerikanischen Besatzungszone, vor allem in Bayern. Die Charta der deutschen Heimatvertriebenen, die am 5. August 1950 in Stuttgart unterzeichnet wurde, gilt als Geste der Versöhnung und erklärte den Verzicht auf Rache und Vergeltung, hielt jedoch an Revisionsansprüchen fest.
In den letzten Jahren hat sich das Verhältnis zwischen den Vertriebenen und ihren ehemaligen Heimatländern in Mittel- und Osteuropa verbessert. Deutsche und Tschechen halten gemeinsame Gedenkstunden für die Opfer der Vertreibung ab und haben Mahnmale errichtet. Projekte wie der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds, gegründet 1997, fördern den Dialog zwischen beiden Völkern. Auch die Sudetendeutschen Tage ziehen mittlerweile zahlreiche tschechische Teilnehmer an, vor allem junge Menschen, und zeugen von einer Annäherung, die das schwierige Erbe der Vergangenheit zu überwinden versucht. Während die tschechische Regierung die Beneš-Dekrete bislang nicht aufgehoben hat, gibt es dennoch Fortschritte in der Versöhnung, die für die Zukunft Hoffnung geben.