In Delmenhorst, einer Stadt, die sich in den letzten Monaten immer mehr mit einer drängenden Wohnungsnot konfrontiert sieht, wird die Situation für viele Familien, insbesondere für große Haushalte, immer prekärer. Die alleinerziehende Mutter Olga Butt ist ein Beispiel dafür, wie ernst die Lage ist. Im März erhielt sie eine Eigenbedarfskündigung und steht nun vor der realen Gefahr der Obdachlosigkeit. Ab der kommenden Woche könnte sie mit ihren zwei Kleinkindern und ihrer 81-jährigen Mutter, die keine Treppen steigen kann, auf der Straße stehen. Ihre Wohnungssuche gestaltet sich als äußerst schwierig, da sie auf Sozialleistungen angewiesen ist und bei Besichtigungen oft abgelehnt wird. Bereits 20 Anfragen hat sie gestellt, viele blieben jedoch unbeantwortet. Die Nachfrage nach großen Wohnungen ab 4,5 Zimmern ist hoch, aber das Angebot ist rar. GSG-Geschäftsführer Stefan Ludwig beschreibt die Suche als herausfordernd, und die Fluktuationsrate bei solchen Wohnungen ist gering, was die Wartezeiten verlängert.
Die Situation ist nicht nur für Olga Butt alarmierend. Das Pestel-Institut fordert für Delmenhorst jährlich 670 neue Wohnungen, um dem wachsenden Wohnraumbedarf gerecht zu werden. Im ersten Halbjahr 2023 wurden jedoch nur 104 Baugenehmigungen erteilt. Kommunalpolitiker wie Hartmut Rosch von den Linken kritisieren die langsame Umsetzung der von der Bundesregierung versprochenen „Bauturbos“ und sehen in einem Wegfall von Umweltauflagen eine Möglichkeit, Zeit zu sparen. Gleichzeitig beobachten sie ein mangelndes Eingreifen der Verwaltung gegen sogenannte Schrottimmobilien, die das Angebot weiter verknappen.
Ein bundesweites Problem
Die Wohnungsknappheit in Delmenhorst ist kein Einzelfall, sondern spiegelt ein bundesweites Dilemma wider. Laut einer Studie im Auftrag des Verbändebündnisses „Soziales Wohnen“ fehlen in Deutschland mittlerweile rund 550.000 Wohnungen. Ein Grund für den Anstieg des Wohnraumbedarfs sind die hohen Zuwanderungszahlen. Gleichzeitig stehen viele Wohnungen leer, und die Mieten in den Großstädten steigen rasant. Im Jahr 2023 lebten 52% der Menschen in Deutschland zur Miete, ein im internationalen Vergleich hoher Anteil. Die durchschnittlichen Mieten steigen in Städten wie Köln und München auf alarmierende Werte – in Köln liegt die Nettokaltmiete bei 13,44 Euro und in München sogar bei 20,59 Euro.
Die Bundesregierung hat zwar das Ziel ausgegeben, jährlich 400.000 neue Wohnungen zu bauen, doch in der Realität wurden 2023 nur 294.400 genehmigt. Das Büro für politische Bildung berichtet, dass die Gründe für die niedrige Bautätigkeit vielfältig sind: gestiegene Zinsen, hohe Baukosten und langwierige Genehmigungsverfahren verlangsamen den Prozess erheblich. Zudem sinkt die Zahl der Sozialwohnungen seit den 1990er-Jahren kontinuierlich. Im Jahr 2021 wurden 1 Milliarde Euro für den sozialen Wohnungsbau bereitgestellt, 2023 waren es bereits 3,2 Milliarden Euro. Doch das Ziel der Ampelregierung, jährlich 100.000 Sozialwohnungen zu bauen, wurde bislang nicht erreicht.
Ein Ausblick auf die Zukunft
Die Prognosen sind besorgniserregend. Bis 2030 wird der Gesamtbedarf auf bis zu 2,4 Millionen neue Wohnungen geschätzt. Besonders betroffen sind junge Menschen und ältere Bürger, die sich oft nicht mehr leisten können, was auf dem Wohnungsmarkt angeboten wird. Das Tagesschau hebt hervor, dass die Zahl der fehlenden Wohnungen in Deutschland ein Allzeithoch erreicht hat – Ende 2024 waren es laut Pestel-Institut bereits 1,4 Millionen. Und dennoch gibt es eine geschätzte siebenstellige Zahl leerstehender Wohnungen, deren Wiedervermietung das Problem nicht lösen würde, besonders im Westen des Landes.
Die Forderung nach einem Bund-Länder-Pakt für den Wohnungsbau wird immer lauter. Es ist offensichtlich, dass ohne eine grundlegende Umstrukturierung und Reform der Förderpraxis des Bundes der Wohnungsmangel weiterhin als Wachstumsbremse für die Wirtschaft fungieren wird. Olga Butt hofft, dass sie bis zur möglichen Räumungsklage eine Lösung findet, um ihrer Familie ein sicheres Zuhause zu bieten. Aber die Herausforderungen, vor denen sie steht, sind symptomatisch für eine ganze Generation, die sich in einem immer enger werdenden Wohnungsmarkt zurechtfinden muss.
