Am 22. Juni 2026 war es endlich so weit: Für viele Bürger im Harz, die sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Hochwasserschutz auseinandersetzen, wurde der Spatenstich für ein dringend benötigtes Hochwasser-Rückhaltebecken am Oberlauf der Selke gefeiert. Der Gedanke an die verheerenden Überflutungen vom 13. April 1994, als starke Regenfälle das Flüsschen Selke über die Ufer treten ließen, sitzt vielen noch im Nacken. Es war eine Zeit, in der der Hochwasserschutz nicht ausreichte, und die Schäden waren enorm. Anwohner wie Horst Schöne und Wulf Stubbe haben sich seither vehement für Verbesserungen eingesetzt, wobei ihre Ansätze sich allerdings stark voneinander unterschieden.

Stubbe war ein klarer Befürworter eines großen Rückhaltebeckens bei Meisdorf, während Schöne einen naturnahen Hochwasserschutz präferierte. Doch ein Rückhaltebecken zwischen Meisdorf und Ermsleben wurde als die bessere Lösung angesehen, nachdem der Talsperrenbetrieb im November 2025 diese Entscheidung getroffen hatte. Und nun, 32 Jahre nach den verheerenden Fluten, wird mit dem Bau des Rückhaltebeckens bei Straßberg begonnen – ein Schritt, der von fast allen Beteiligten als notwendig erachtet wurde. Das Rückhaltebecken wird als „grünes Rückhaltebecken“ konzipiert. Das bedeutet, dass das Wasser nur bei Hochwasser gestaut wird, was einen umweltfreundlicheren Ansatz darstellt.

Das Rückhaltebecken im Detail

Das Rückhaltevolumen wird mit 2,5 Millionen Kubikmetern angegeben, und die maximale Einstaudauer beträgt rund zehn Tage. Es wird aus einem Drittel Beton und zwei Dritteln Erde bestehen, mit einer Dammkrone, die 19 Meter hoch und 270 Meter lang ist. Interessant ist auch, dass ein Durchlass für die Selketalbahn in den Damm integriert wird, der im Hochwasserfall geschlossen wird. Die Baukosten sind auf etwa 40 Millionen Euro veranschlagt, und die Bauzeit wird voraussichtlich fünf Jahre betragen. Eine große Summe, aber die Sicherheit der rund 15.000 Menschen, die in der Region leben, ist unbezahlbar.

Die Selke selbst, ein etwa 65 Kilometer langer Fluss, fließt durch den Harz und das Harzvorland, vorbei an Orten wie Silberhütte, Alexisbad und Gatersleben. Ihr Einzugsgebiet umfasst rund 470 Quadratkilometer, ungefähr halb so groß wie Berlin. Bei Hochwasser sind die Vorwarnzeiten oft kurz und die Hochwasserspitzen extrem. Der mittlere Jahresabfluss liegt bei 1,55 Kubikmetern pro Sekunde, doch im Falle eines hundertjährigen Hochwassers kann der Abfluss im Oberlauf bis zu 85 Kubikmeter pro Sekunde erreichen. Solche Zahlen zeigen, wie dringend Maßnahmen zur Hochwasserbewältigung sind.

Der Hochwasseraktionsplan Selke

Der Hochwasseraktionsplan Selke, der seit 2002 besteht, ist in der Umsetzung und umfasst technische Maßnahmen wie die Stabilisierung von Uferböschungen und die Erweiterung von Brückendurchlässen. Zwei Rückhaltebecken – das bei Straßberg und das geplante in Ermsleben – sind zentrale Elemente dieses Plans und sollen insgesamt ein Retentionsvolumen von etwa 4,5 Millionen Kubikmetern bieten. Das Ziel ist, ein gleichbleibendes Abflussprofil der Selke zu gewährleisten, was bei Hochwasser von entscheidender Bedeutung ist.

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Doch Wulf Stubbe äußerte, dass das Rückhaltebecken zwar hilfreich sei, aber nicht ausreiche. Er fordert schnellere Fortschritte beim Rückhaltebecken bei Ermsleben, denn auch wenn wir mit den neuen Maßnahmen einen Schritt in die richtige Richtung machen, bleibt die Gefahr bestehen. Die Sicherstellung eines effektiven Hochwasserschutzes ist, wie auch die Renaturierung von Gewässern, ein wichtiges Thema, das noch viele Herausforderungen birgt. Schließlich haben ufernahe Deiche in den letzten Jahrhunderten viele Überschwemmungsflächen der Flüsse abgeschnitten. Nur noch 20 Prozent der natürlichen Überschwemmungsflächen sind an großen Strömen wie Rhein, Elbe, Donau und Oder vorhanden.

Die Ausweisung von Überschwemmungsgebieten, die von bestimmten Nutzungen freizuhalten sind, könnte helfen, die Situation langfristig zu verbessern. Denn Hochwasserretentionsflächen dämpfen den Verlauf von Hochwasserwellen, speichern Wasser und halten es zurück – eine Art Puffer für die Natur. Diese Aspekte sind nicht nur für die Sicherheit der Menschen wichtig, sondern auch für die Stärkung der Ökosystemleistungen der Fließgewässer, die Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten bieten.

Die kommenden Jahre werden also entscheidend für den Hochwasserschutz in der Region sein. Der Bau des Rückhaltebeckens ist nur der Anfang, und die Hoffnung ist groß, dass die geplanten Maßnahmen nicht nur die Menschen schützen, sondern auch die Natur stärken. Der Harz hat viel zu bieten – und es ist an der Zeit, ihm die Aufmerksamkeit zu schenken, die er verdient.

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