Die verborgene Geschichte der Simson-Dynastie in Suhl
In der kleinen Stadt Suhl, wo die Wälder so tief und geheimnisvoll sind, liegt eine Geschichte verborgen, die weit über die beschauliche Landschaft hinausreicht. Die Simson-Mopeds, die hier aus der Fabrik kamen, sind in Ostdeutschland Kultobjekte und wecken nostalgische Erinnerungen. Doch hinter dieser Erfolgsgeschichte steht eine Familie, die im Schatten ihrer eigenen Geschichte lebt. Dennis Baum, 82 Jahre alt und ein Nachfahre der Simson-Dynastie, spricht aus New York über das Erbe seiner Vorfahren und die Gräber der Unternehmensgründer, die versteckt im Wald bei Suhl liegen. Diese Grabanlage erzählt von der eindrucksvollen Reise der Familie, die einst von Stallknechten zu einer Fabrikdynastie aufstieg. Und wer weiß, vielleicht entdeckt man bei einem Spaziergang durch die umliegenden Wälder noch mehr unerwartete Geschichten.
Doch der Glanz der Vergangenheit ist dunkler, als man denkt. Die Geschichte der Simsons ist untrennbar mit der Verfolgung und Enteignung während der NS-Zeit verbunden. 1927 wurde Fritz Sauckel, ein Mann, der wenig Gutes im Schilde führte, zum Gauleiter der NSDAP in Thüringen ernannt. Es begann eine Verleumdungskampagne gegen die Simson-Brüder, die das Unternehmen in dritter Generation führten. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 kam ein vermehrter Verfolgungsdruck auf die Familie. Sauckel ließ eine Ermittlungskommission im Innenministerium einrichten, um gegen die Simsons fingierte Vorwürfe zu erheben – ein perfides Spiel, um das Unternehmen zu enteignen und selbst die Kontrolle zu übernehmen.
Die dunkle Wende der Geschichte
Am 31. August 1934 berichtete Sauckel an Hitler, dass er es geschafft hatte, die „korrupten Juden“ aus dem Geschäftsbetrieb auszuschalten. Seine Bedenken, dass die Simsons ihre wirtschaftliche Macht zurückgewinnen könnten, zeugen von einer tiefsitzenden Angst vor dem Erfolg der Familie. Trotz aller Angriffe gelang es Sauckel zunächst nicht, die Simson-Werke juristisch zu übernehmen. Im Schauprozess gegen Arthur Simson und andere gab es schlichtweg keine Beweise für die Vorwürfe, die gegen sie erhoben wurden.
Doch die Machenschaften des NS-Regimes hatten ihren Preis. 1935 wurde Arthur Simson unter Androhung von Gewalt in Gestapo-Haft gezwungen, die entschädigungslose Enteignung zu unterschreiben. Nach seiner Freilassung floh er in die Schweiz. Schließlich wanderten Arthur und Julius Simson mit ihren Lebenspartnerinnen in die USA aus und kehrten nie wieder zurück. 1944 erhielten sie die amerikanische Staatsbürgerschaft – eine ironische Wendung, denn der deutsche Staat hatte zuvor ihr Vermögen beschlagnahmt und sie ausgebürgert.
Die Arisierung und ihre Folgen
Die Enteignung der Simson-Werke in Suhl war nicht nur ein persönliches Drama, sondern hatte auch Signalwirkung. Über 40 Zeitungen in Europa und den USA berichteten darüber. L’Information veröffentlichte am 24. Dezember 1935 einen Artikel über die öffentliche Besitzergreifung durch den nationalsozialistischen Staat. Mit dem Betriebsvermögen gründete Sauckel die Wilhelm-Gustloff-Stiftung, die unter anderem das Gustloff-Werk II, eine Waffenfabrik beim KZ Buchenwald, umfasste. Im Werk in Suhl arbeiteten nach 1939 rund 6.000 Beschäftigte, die hauptsächlich Waffen für den Zweiten Weltkrieg produzierten. Der Name ‚Simson‘ wurde aus dem Werk getilgt, ein weiteres Stück Identität, das der Familie genommen wurde.
Diese Geschichte ist Teil eines größeren Bildes, in dem das NS-Regime die wirtschaftliche Drangsalierung der jüdischen Bevölkerung durch systematische Enteignung vorantrieb. Jüdische Unternehmer sahen sich gezwungen, ihre Geschäfte oft weit unter Wert an „arische“ Unternehmer zu verkaufen. Nach der „Kristallnacht“ begann dann die letzte Phase der Arisierung jüdischen Besitzes, die in die Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben mündete. Diese Verordnung verbot Juden das Betreiben von Einzelhandelsgeschäften und Handwerksbetrieben. Die Geschichte der Simsons ist somit nicht nur eine Geschichte von Erfolg und Verlust, sondern auch ein Mahnmal für die Schrecken einer Zeit, die wir nicht vergessen dürfen.
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