FIFA öffnet nach gescheitertem Vier-Milliarden-Deal brisante Unterlagen für Council-Mitglieder
Bludenz, 3. November 2026. Die FIFA will Mitgliedern ihres Councils Zugang zu zentralen Dokumenten der umstrittenen Investorenpläne gewähren. Generalsekretär Mattias Grafström bat die Council-Mitglieder am Montag per Schreiben, ihr Interesse an den Unterlagen zu bekunden.
Damit reagiert der Weltverband auf den Druck der UEFA. Sie hatte von der FIFA vor zwei Wochen Antworten auf einen umfangreichen Fragenkatalog bis Montag gefordert. FIFA-Präsident Gianni Infantino hatte bis dahin keine Unterlagen zu seinem inzwischen aufgegebenen Vorhaben vorgelegt. Bei einer Krisensitzung des FIFA-Councils wenige Tage zuvor in Zürich waren laut dem deutschen Verbandschef Bernd Neuendorf nur „dünne“ Antworten gekommen.
Vier Milliarden Dollar im Raum
Der Plan sah vor, 20 Prozent der kommerziellen Rechte an Weltmeisterschaften und weiteren Wettbewerben für mehr als vier Milliarden US-Dollar an Investoren zu verkaufen. Ende Juli hatte die FIFA angekündigt, einen Teil ihrer kommerziellen Rechte veräußern zu wollen. Auslöser war die Mitteilung vom 28. Juli 2026 über die geplante Gesellschaft FIFA Forward Enterprise (FFE).
Die FFE sollte sämtliche kommerziellen Aktivitäten und Turnierorganisationen der FIFA bündeln. Anteile wären an externe Investoren gegangen. Geschäftsorientierte Führungskräfte sollten außerhalb der bisherigen Verbandsstrukturen für weiteres Wachstum sorgen, die Leitung mit „strukturierter Autonomie“ arbeiten und Abläufe optimieren. Die genaue Summe des geplanten Anteilsverkaufs blieb offen.
Den 211 Mitgliedsverbänden stellte Infantino dafür höhere Ausschüttungen in Aussicht: Ab 2027 sollten jährlich 5 Millionen statt bisher 2 Millionen US-Dollar fließen, von 2031 bis 2034 jeweils 5,5 Millionen US-Dollar. Im letzten vorgesehenen Zyklus bis 2038 waren insgesamt bis zu 24 Millionen US-Dollar vorgesehen. Zusätzlich sollte es eine Soforthilfe von 20 Millionen US-Dollar für zustimmende Verbände geben.
Bis zum 19. September hätten die Mitgliedsverbände über den Vorschlag entscheiden sollen. Zunächst wäre eine einfache Mehrheit nötig gewesen, anschließend hätte das FIFA-Council die Pläne genehmigen müssen. Dem Gremium gehört auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf an.
Widerstand auf mehreren Kontinenten
In der Nacht zum 1. August 2026 zog Infantino den Plan zurück. Massive Kritik und Boykottandrohungen aus Europa, Asien sowie Nord-, Mittel- und Südamerika hatten die Initiative ins Wanken gebracht. Über ihre Kontinentalverbände signalisierten rechnerisch 136 von 211 FIFA-Verbänden Ablehnung – eine Mehrheit war damit nicht mehr absehbar.
Die UEFA hatte sich besonders deutlich positioniert. Europäische Nationalteams sollten solange nicht an FIFA-Wettbewerben teilnehmen, wie die Vorschläge bestehen. Gefordert wurden die vollständige Aufgabe des Projekts und verbindliche Zusicherungen gegen eine künftige Öffnung von FIFA-Wettbewerben für private Investoren. Außerdem kritisierte die UEFA den intransparenten Prozess.
Auch der Kontinentalverband CONCACAF lehnte den Deal einstimmig ab. Der asiatische Verband AFC erklärte seine Solidarität mit UEFA und CONCACAF und warnte vor einer Eskalation bis hin zu WM-Boykotten. Afrikas Verband CAF stand dem Projekt dagegen offen gegenüber. Er forderte seine 54 Mitgliedsverbände auf, den Vorschlag zu prüfen und sich am Konsultationsprozess zu beteiligen. CAF-Präsident Patrice Motsepe plante eine Sitzung des Exekutivkomitees. CAF war damit der erste Kontinentalverband, der Infantino nach der Ablehnung durch CONCACAF, UEFA und AFC unterstützte.
Zunächst wies die FIFA die Kritik zurück und bekräftigte den Konsultationsprozess. Rückmeldungen und Bedenken würden respektiert, hieß es, zugleich machte der Verband „fehlerhafte Berichterstattung in den Medien“ für Störungen verantwortlich. Infantino bezeichnete das Vorhaben als freiwilliges Angebot innerhalb eines demokratischen Beratungsprozesses. Die FFE hätte nur mit Zustimmung der Mehrheit der Nationalverbände und des FIFA-Councils die FIFA-Wettbewerbe verwalten und vermarkten dürfen. Infantino versprach sich davon die Erschließung bislang nicht realisierter wirtschaftlicher Werte.
Neuendorf sah das anders. Fußball dürfe nicht zum Spielball von Investoren werden, kritisierte der DFB-Präsident. Selbst Mitglieder des FIFA-Councils hätten erst durch die Presse von den Plänen erfahren. Später bezeichnete er den Rückzug als unausweichlich und den Versuch einer Öffnung von FIFA-Wettbewerben für private Investoren als gescheitert. Er forderte eine lückenlose Aufklärung. Infantino habe eigenmächtig, intransparent und unverantwortlich gehandelt.
Alte Idee, neuer Streit
Ganz neu war Infantinos Vorstoß nicht. Bereits 2018 verhandelte er mit einer japanischen Großbank und dem saudischen Staatsfonds über 25 Milliarden US-Dollar für große Klub-Weltmeisterschaften. Die UEFA lehnte das unter anderem zum Schutz der Champions League ab.
Auch in Deutschland hatte es frühere Pläne für einen Investoreneinstieg gegeben – über den Verkauf von Anteilen an einer Gesellschaft mit lukrativen Medienrechten. Hans-Joachim Watzke unterstützte dieses Modell damals, bewertete die FIFA-Pläne nun jedoch als Angriff auf den Fußball und als Überschreitung einer Grenze.
Infantino begründete die Rücknahme damit, dass das Projekt zu Spaltungen geführt habe. Nach Anhörung aller Positionen liege die Umsetzung unabhängig vom Unterstützungsgrad nicht mehr im Interesse des ursprünglichen Ziels. Er kündigte an, die beteiligten Parteien wieder zusammenbringen zu wollen, insbesondere zugunsten von Ländern mit großem Unterstützungsbedarf.
Die UEFA erkennt zwar an, dass der Plan zurückgezogen und Fehler eingeräumt wurden. Offen bleibt aus ihrer Sicht aber, wie die relevanten Entscheidungen getroffen wurden. Nach dem Scheitern bezeichnete sie den Vorschlag als „schäbigen und undurchsichtigen Deal“. Die FIFA-Führung habe das Vertrauen der UEFA und vieler anderer Mitglieder der Fußballfamilie verloren. Die Verantwortlichen müssten ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden.
Neuendorf verlangte gemeinsam mit der UEFA und anderen Konföderationen eine neue FIFA-Führungskultur: Entscheidungen müssten wieder transparent in den zuständigen Gremien beraten und getroffen werden. Der Streit ist damit nicht einfach weg. Infantino tritt im März zur Wiederwahl an, die Bewerbungsfrist für Gegenkandidaten endet am 18. November. Der Rückzug des Investorenplans hat deshalb auch Spekulationen über seine Zukunft als FIFA-Präsident ausgelöst – und die angekündigten Dokumente könnten nun zeigen, wer wann tatsächlich was wusste.
