Was hat der Glaube mit Geld zu tun? Ziemlich viel, wenn man genauer hinschaut. In Bregenz geht eine Veranstaltung dieser Frage aus muslimischer und christlicher Sicht nach: Es geht um wirtschaftliches Wachstum, soziale Verantwortung und Gerechtigkeit, aber auch um die Frage, wie religiöse Überzeugungen wirtschaftliches Handeln und Gewinnstreben beeinflussen.

Am Dienstag, 17. November 2026, sprechen im vorarlberg museum Dr. Mohamed Bassam Kabbani und Dr. theol. Georg Pfleiderer über religiöse Wirtschaftsprinzipien in modernen Finanzsystemen und Sozialstaaten. Zur Sprache kommen außerdem ethische Fragen und das Verhältnis von Profit und Verantwortung. Moderiert wird der Abend von Annette Raschner, Redakteurin des ORF-Landesstudios Vorarlberg.

Ein Abend zwischen Glauben, Markt und Verantwortung

Kabbani studierte Elektrotechnik sowie Islam- und Religionswissenschaft und promovierte in Islamwissenschaft an der Universität Wien. Er war akademischer Leiter eines privaten Hochschullehrgangs für islamisch-religionspädagogische Weiterbildung, ist Lektor an der Universität Wien und für die pädagogische Weiterbildung islamischer Religionslehrkräfte zuständig. Außerdem unterrichtet er als islamischer Religionslehrer am TGM Wien.

Pfleiderer studierte evangelische Theologie in München, Tübingen und Heidelberg. Von 1994 bis 1996 hatte er ein Habilitationsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft, teilweise am King’s College London. Forschungsaufenthalte führten ihn 2004 nach Princeton und 2008 nach Berkeley. Heute ist er Ordinarius für Systematische Theologie und Ethik an der Universität Basel. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Wirtschaftsethik sowie das Verhältnis von Christentum und Kapitalismus, darunter die Max-Weber-Forschung.

Ein Name liegt dabei geradezu auf der Hand: Max Weber. Sein Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus erschien zunächst im November 1904 und Juni 1905 als zwei Aufsätze, 1920 in überarbeiteter und ergänzter Fassung. Eine Ausgabe erschien 1934. Neben Wirtschaft und Gesellschaft zählt die Schrift zu Webers wichtigsten soziologischen Beiträgen und gilt als Grundtext der Religionssoziologie.

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Weber beschäftigte sich schon zuvor mit den Ursachen, Erscheinungsformen und Folgen des Kapitalismus. Anregungen erhielt er laut Dirk Kaesler unter anderem durch Werner Sombarts Der moderne Kapitalismus von 1902, die zeitgenössische Diskussion über Zusammenhänge zwischen Religion und wirtschaftlicher Entwicklung sowie eine empirische Studie seines Schülers Martin Offenbacher. Weber verfasste die Schrift vor und nach seiner USA-Reise von August bis November 1904. Die Reise prägte vor allem seinen späteren Aufsatz über „Kirchen“ und „Sekten“, nicht unmittelbar die Protestantische Ethik.

Warum gerade der Okzident?

Weber wollte wissen, warum die moderne Kultur und der moderne Kapitalismus gerade im Okzident entstanden. Warum setzten vergleichbare Entwicklungen nicht oder nicht früher in China, Indien oder anderen Regionen ein? Als entscheidende Voraussetzung nannte er einen besonderen okzidentalen Rationalismus. Ihn interessierte die Entstehung und Eigenart dieser rationalen Kultur und ihrer modernen Ausprägung – nicht eine vollständige Kulturanalyse, sondern die Herausbildung eines bestimmten Menschentyps aus religiösen und wirtschaftlichen Bedingungen.

Nach Weber bestand eine enge Verbindung zwischen protestantischer Ethik und der Entstehung des modernen Kapitalismus in Westeuropa. Vor allem der Calvinismus habe mit seiner religiösen Ethik Kapitalakkumulation und die Reinvestition von Gewinnen begünstigt. Kapitalbesitz und Unternehmertum seien überwiegend protestantisch geprägt gewesen; Protestanten hätten häufiger eine technische, Katholiken eher eine humanistische Schulbildung erhalten. In Deutschland stellte Weber eine vergleichsweise geringere Beteiligung von Katholiken am modernen Erwerbsleben fest.

Das bedeutet bei Weber allerdings nicht: Reformation gleich Kapitalismus. Den Reformatoren ging es nicht primär um ethische Reformprogramme, sondern um die Frage des Seelenheils. Weber suchte vielmehr nach möglichen „Wahlverwandtschaften“ zwischen bestimmten religiösen Glaubensformen und der Berufsethik. Als entscheidende historische Träger der späteren Entwicklung sah er vor allem Calvinismus, Pietismus, Methodismus und täuferische Bewegungen, insbesondere die Quäker.

Ernst Troeltsch untersuchte die Geschichte des Protestantismus und dessen Verhältnis zu kulturellen Entwicklungen. Werner Sombart analysierte die Entstehung des modernen Zeitgeistes und die Bourgeoisie als dessen sozialen Träger. Weber, Troeltsch und Sombart beeinflussten sich gegenseitig inhaltlich und methodisch.

Methodisch arbeitete Weber mit idealtypischen Begriffen, denen sich historische Tatsachen in unterschiedlichem Maß annähern. Er beschrieb die Kongruenz von Protestantismus und modernem Kapitalismus, zog Beispiele für moderne ethische Lebensmaximen heran – besonders Benjamin Franklin –, verglich sie mit mittelalterlichen Lebensauffassungen und untersuchte das kausale Verhältnis zwischen religiös geprägten Einstellungen und Kapitalismus. Auch der Berufsbegriff und seine religiöse Fundierung gehörten dazu.

Offen blieben für Weber unter anderem eine differenzierte Untersuchung calvinistischer, täuferischer und pietistischer Ethik, ähnliche Entwicklungen im Mittelalter und im antiken Christentum, die Frage nach dem Einfluss ökonomischer Bedingungen auf den asketischen Protestantismus sowie dessen Wirkung auf die sozialpolitische Ethik von der Familie bis zum Staat. Ebenso interessierte ihn der Einfluss auf die Entwicklung des philosophischen und wissenschaftlichen Empirismus.

Beruf, Disziplin und die Angst vor dem Ungewissen

Als Ausgangspunkte der protestantischen Ethik sah Weber Luthers Reformation und die daraus unter Calvin entwickelte innerweltliche Askese. Bei Luther veränderte sich die Bewertung des Berufs: Zunächst konnten Menschen in jedem Stand selig werden, ohne dass der konkrete Beruf eine besondere Bedeutung hatte. Später galt der Beruf als von Gott gestellte Aufgabe. Irdische Pflichten zu erfüllen und fleißig zu arbeiten, wurde zu einem zentralen Weg, Gott zu gefallen.

Mönchische Askese sollte nicht über die innerweltliche Sittlichkeit gestellt werden. Jeder erlaubte Beruf galt vor Gott als gleichwertig, ob geistlicher oder weltlicher Natur. Zugleich blieb Luther traditionalistisch: Der Einzelne solle in dem Stand und Beruf bleiben, in den Gott ihn gestellt habe, und sein Streben auf die Grenzen dieser Lebensstellung beschränken. Luther lehnte Zinsnehmen und kapitalistischen Erwerb ab. Das orthodoxe Luthertum vermittelte laut Weber vor allem Gehorsam gegenüber der Obrigkeit und Anpassung an die gegebene Lebenslage.

Im Calvinismus stand die Prädestinationslehre im Zentrum. Gott habe einige Menschen zum ewigen Leben, andere zum ewigen Tod bestimmt; die Gnade sei nicht wie im Luthertum durch Buße wiederzugewinnen, sondern endgültig vorherbestimmt. Für Gläubige stellte sich damit die quälende Frage, ob sie zu den Erwählten gehörten.

In der Seelsorge entwickelten sich zwei Ratschläge: Der Gläubige solle sich selbst als erwählt betrachten und Zweifel zurückweisen. Außerdem solle er Berufsarbeit als Mittel zur Selbstgewissheit und zur Verringerung der Angst betreiben. Kein Prediger, kein Sakrament, keine Kirche und keine andere Person könne ihm diese Gewissheit abnehmen. Die Gläubigen waren dadurch auf sich selbst gestellt und sollten selbst engen Freunden mit Misstrauen begegnen. Die Beichte verlor ihre frühere Funktion.

Weber beschrieb daraus eine tiefe innere Isolation. Bei manchen führte sie zu Selbsterniedrigung, bei anderen zu rastlosem und systematischem Handeln. Gute Werke konnten die Seligkeit nicht erwerben, galten aber als Zeichen der Erwählung. Ständige Selbstkontrolle wurde zur Pflicht – und daraus eine systematische Gestaltung der gesamten Lebensführung.

Die innerweltliche Askese verlagerte religiöse Bewährung aus dem Gottesdienst in den Alltag. Sparsamkeit, Enthaltsamkeit und diszipliniertes Handeln waren gefragt. Gottes Gnade sollte nicht durch Gebet, Beichte oder andere transzendente Handlungen erworben werden; sie galt als vorherbestimmt, konnte sich aber im Diesseits durch beruflichen Erfolg zeigen. Wer nicht arbeitete, verschwendete nach dieser Logik eine göttliche Gabe. Almosen konnten problematisch erscheinen, wenn sie den Empfänger von Arbeit abhielten.

Von Fugger bis Franklin

Weber verstand den „Geist des modernen Kapitalismus“ als historischen Begriff, zusammengesetzt aus verschiedenen Bestandteilen: dem Streben nach Gewinn und Rentabilität, kontinuierlicher und rationaler Arbeit im Betrieb und der formal friedlichen Ausnutzung von Tauschchancen – zugleich aber auch der Möglichkeit schrankenloser Erwerbsgier. Als zentrale Voraussetzungen nannte er rationale Betriebsorganisation, die Trennung von Haushalt und Betrieb und rationale Buchführung.

Jakob Fugger und Benjamin Franklin stehen bei Weber für unterschiedliche Haltungen. Fuggers Erwerbsstreben erscheint als kaufmännischer Wagemut und persönliche Neigung zum Gewinn. Franklin verband wirtschaftlichen Erfolg dagegen mit einer umfassenden Lebensethik: Zeit und Kredit galten als Geld, Geld sollte produktiv eingesetzt werden. Pünktlichkeit, Fleiß, Gerechtigkeit und Mäßigkeit förderten den Aufstieg. Arbeitszeit sollte nicht durch Vergnügen verloren gehen, Einnahmen und Ausgaben waren genau aufzuzeichnen, und selbst kleine Verluste konnten langfristig mögliche Gewinne schmälern.

In Franklin sah Weber den „Geist des modernen Kapitalismus“ verkörpert. Entscheidend war nicht bloß Geschäftsklugheit, sondern eine Berufspflicht gegenüber der eigenen Tätigkeit. Geld zu erwerben – immer mehr Geld – erschien als Selbstzweck, nicht als Mittel zum persönlichen Genuss. Franklin führte seine Auffassung unter anderem auf den Ausspruch seines streng calvinistischen Vaters zurück, ein tüchtiger Mensch in seinem Beruf werde vor Königen stehen.

Der Beruf wird damit zum absoluten Selbstzweck. In der vormodernen, traditionalen Auffassung diente Arbeit dagegen vor allem dazu, den eigenen Bedarf mit möglichst geringem Aufwand zu decken. Weber veranschaulichte das am Verhalten von Landarbeitern: Bei höherem Akkordlohn arbeiteten sie weniger, weil sie ihren Bedarf schneller decken konnten.

Zur Berufspflicht gehörten für Weber sowohl die Verwertung der Arbeitskraft als auch die Nutzung von Sachkapital. Der calvinistische Erwerbstrieb war für ihn besonders wichtig für die Kapitalbildung. Der gewerbliche Mittelstand, Träger des modernen kapitalistischen Geistes, verfügte meist nicht über große Finanzmittel. Ansammlung und Reinvestition von Kapital waren daher entscheidend.

Dem modernen kapitalistischen Unternehmen stellte Weber ein traditionalistisch geführtes Textilunternehmen gegenüber: fünf bis sechs Stunden tägliche Arbeitszeit, wenig Kundenpflege, Absprachen zur Vermeidung von Konkurrenz und ein bescheidener, aber sicherer Gewinn. Gewinnstreben und ethische Traditionsbindung konnten nebeneinander bestehen. Kapitalistische Wirtschaftsform und kapitalistischer Geist standen in einer passenden Beziehung, waren aber nicht gesetzmäßig voneinander abhängig. Für die Expansion des modernen Kapitalismus war nach Weber nicht allein die Herkunft von Geldvorräten ausschlaggebend, sondern vor allem die Entwicklung des kapitalistischen Geistes.

Was davon heute noch übrig ist

Weber führte die besondere Entwicklung des Okzidents auf eine systematisch-rationale Grundhaltung zurück: auf mathematisch und experimentell fundierte Naturwissenschaften, den rationalen Beweis bei den Griechen, eine rationalere Geschichtsschreibung, systematische Staatslehre seit Aristoteles, juristische Denkformen auf Grundlage des römischen Rechts und ein systematisch entwickeltes kanonisches Recht. Für den bürgerlichen Betriebskapitalismus waren mathematisch und experimentell präzise Naturwissenschaften, technisch verwertbares Wissen, rational strukturiertes Recht und berechenbare Verwaltung besonders wichtig.

„Rational“ und „irrational“ hängen bei Weber vom jeweiligen Betrachtungsmaßstab ab. Neben ökonomischen Bedingungen müsse deshalb die Fähigkeit zu bestimmten praktisch-rationalen Lebensführungen untersucht werden. Geprägt würden diese auch durch magische und religiöse Mächte sowie die daraus hervorgehenden ethischen Pflichten.

Als Beispiel nannte Weber pietistisch erzogene junge Frauen. Sie fühlten sich der Arbeit besonders verpflichtet, gingen sparsam mit ihrem Einkommen um, zeigten Selbstbeherrschung und Mäßigkeit – Eigenschaften, die ihre Leistungsfähigkeit erhöhten. Für Massachusetts nahm Weber an, dass der kapitalistische Geist vor der kapitalistischen Entwicklung verbreitet gewesen sei. Das könnte das übliche materialistische Kausalverhältnis umkehren: Nicht nur wirtschaftliche Verhältnisse formen den Geist, der Geist kann wirtschaftliche Entwicklung vorbereiten.

Richard Baxters Christian Directory analysierte Weber als Kompendium puritanischer Moraltheologie. Reichtum galt als Versuchung, das Ausruhen auf vorhandenem Besitz als verwerflich. Tätigkeit und Besitzvermehrung sollten Gottes Ruhm dienen, Arbeit galt als bewährtes asketisches Mittel. Gefordert war nicht Arbeit an sich, sondern rationale Berufsarbeit. Der Puritanismus förderte dadurch das Ethos des rationalen bürgerlichen Betriebs und der rational organisierten Arbeit. Besitz sollte erhalten und durch rastlose Arbeit vermehrt werden.

Wurzeln dieses Lebensstils reichten laut Weber teilweise bis ins Mittelalter zurück. Entscheidender als die bloße Kapitalbildung war die Entwicklung einer bürgerlichen, wirtschaftlich rationalen Lebensführung. Sie brachte den modernen Wirtschaftsmenschen als Träger der kapitalistischen Expansion hervor.

Zur Zeit Webers hatte sich die kapitalistische Ethik bereits weitgehend von ihren religiösen Grundlagen gelöst. Der kapitalistische Geist benötigte die religiöse Stütze nicht mehr. John Wesley hatte vorausgesehen, dass Religion zunächst Arbeitsamkeit und Sparsamkeit und dadurch Reichtum fördern könne. Mit zunehmendem Wohlstand könne die äußere Religionsform bestehen bleiben, während ihr religiöser Geist schwindet.

Nach der Veröffentlichung entstand eine etwa fünf Jahre dauernde Kontroverse. Bis zu Webers Tod 1920 blieb die zeitgenössische Wirkung vergleichsweise gering. Größere internationale Aufmerksamkeit erhielt Weber nach dem Zweiten Weltkrieg, besonders durch Talcott Parsons’ englische Übersetzungen. Der Heidelberger Soziologentag von 1964 machte deutschen Soziologen den Stand der internationalen Weber-Rezeption deutlich.

Henryk Grossmann widersprach Webers besonderer Gewichtung der protestantischen Ethik. Der Calvinismus sei als Lehre der Handwerkerschicht entstanden und habe den Kapitalismus nicht hervorgebracht; kapitalistische Strukturen hätten sich in Italien bereits etwa zwei Jahrhunderte zuvor entwickelt. Für die Erziehung zur Arbeitsdisziplin sei Zwang wichtiger gewesen als Religion. Religion diene allgemein als Instrument zur Disziplinierung der Massen. Bestimmte katholische Richtungen, darunter Jesuitismus und Jansenismus, könnten sich für eine kapitalistische Massenmoral besser geeignet haben als der Protestantismus.

Robert K. Mertons These von 1938 besagt, dass die naturwissenschaftliche Revolution des 17. und 18. Jahrhunderts vor allem von englischen Puritanern und deutschen Pietisten getragen wurde. Merton führte dies auf die asketische protestantische Lebensweise zurück.

Gerhard Lenski bestätigte 1958 in einer Untersuchung im Großraum Detroit mehrere von Weber formulierte Unterschiede. Protestanten stiegen häufiger im Wirtschaftssystem auf, besonders in der oberen Mittelschicht. Katholiken hatten im Allgemeinen mehr Kinder und waren eher traditionalistisch, Protestanten eher rationalistisch orientiert. Beiträge des Protestantismus zum materiellen Fortschritt seien überwiegend unbeabsichtigte Nebenwirkungen bestimmter Verhaltensweisen gewesen. Fleiß und Genügsamkeit konnten wirtschaftlichen Aufstieg fördern.

Bei modernen Protestanten stellte Lenski allerdings kaum noch eine ausgeprägte asketische Haltung fest. Der religiöse Berufsbegriff war zurückgetreten, an Bedeutung gewonnen hatte die intellektuelle Autonomie, besonders in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen. Katholische Orientierung betonte stärker Gehorsam und Treue gegenüber kirchlichen Lehren. Diese Unterschiede entsprachen Webers These von stärker technischer protestantischer und stärker humanistischer katholischer Bildung.

Richard Sennett bezeichnete Webers Darstellung als charakterologisch schlüssig, kritisierte aber historische und ökonomische Aspekte. Unter anderem bemängelte er, dass Weber den Konsum als treibende Kraft des Kapitalismus kaum berücksichtige. Das von Weber beschriebene Arbeitsethos erscheine als Disziplinierung und Selbstverleugnung, nicht als Quelle von Glück.

Davide Cantoni testete Webers Hypothese anhand von Daten zu 272 Städten des Heiligen Römischen Reiches für den Zeitraum 1300–1900. Seine 2009 veröffentlichten Ergebnisse ergaben keinen Einfluss des Protestantismus auf das Wirtschaftswachstum.

Peter L. Berger und David Martin deuteten die protestantische Glaubensausbreitung in Lateinamerika als mögliche Bestätigung zentraler Elemente der Weber- beziehungsweise Weber-Troeltsch-These. Der Wechsel von der katholischen Kirche zu protestantischen Pfingstgemeinden wird dort teilweise mit einer „moralischen Ökonomie“ verbunden: Langfristige Gewinne sollen durch innerweltliche Askese, Selbstdisziplin, höhere Arbeitsbereitschaft und eine geringere Orientierung am unmittelbaren Konsum entstehen. Wirtschaftlicher und sozialer Aufstieg wird von Gläubigen teilweise als Bestätigung ihres Glaubens verstanden.

Luc Boltanski und Ève Chiapello definieren den kapitalistischen Geist als eine Ideologie, die das Engagement für den Kapitalismus rechtfertigt. Sie unterscheiden drei historische Phasen: Ende des 19. Jahrhunderts den Unternehmer, Hochstapler und Eroberer; von 1930 bis 1960 das große, zentralisierte, bürokratische Industrieunternehmen; in der Gegenwart einen globalisierten, technologisch geprägten Kapitalismus.

Religion als Teil der Wirtschaft – und umgekehrt

Ein Forschungsbericht von 2020 des Max-Planck-Instituts zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, verfasst von Patrice Ladwig vom Max Planck–Cambridge Centre for Ethics, Economy and Social Change, nimmt den Faden in der Gegenwart auf. Untersucht werden die Wechselwirkungen von Religion, Moral und Wirtschaft vor dem Hintergrund neuer Wirtschaftsformen, globaler Verflechtungen und ökonomischer Veränderungen.

Wirtschaftliches Handeln, so der Bericht, wird nicht ausschließlich als rational und säkular verstanden, sondern ist in religiöse Praktiken und moralische Werte eingebettet. Besonders nach der Finanzkrise ab 2008 entstanden Debatten über Wirtschaftsformen jenseits reiner Kosten-Nutzen-Kalkulationen. Ökonomische Transformationen gehen häufig mit Veränderungen ethischer Vorstellungen einher; deshalb rücken auch moralische und ökologische Dimensionen wirtschaftlichen Handelns in den Blick.

Max Webers Arbeiten zur Wirtschaftsethik und Religion gelten als Klassiker. Die heutige Forschung schaut zusätzlich auf Börsen, IT-Unternehmen und wirtschaftliche Veränderungen im globalen Süden – also auf Räume, in denen Menschen oft außerhalb großer Konzerne, Aktienmärkte und sozialstaatlicher Systeme wirtschaften. Religiöse Veränderungen und wirtschaftlicher Wandel beeinflussen einander: Religiöse Praktiken können wirtschaftliches Handeln prägen, wirtschaftliche Veränderungen wiederum religiöse Gemeinschaften und deren Vorstellungen von sozialer und wirtschaftlicher Gleichheit verändern.

Rituale sind für die Forschung ein wichtiger Zugang, weil sie gesellschaftliche Werte und Normen in der sozialen Praxis sichtbar machen. Sie können wirtschaftlichen Wandel verstärken, indem neu erworbener Wohlstand öffentlich sichtbar wird und zum Erfolg motiviert. Sie können Besitz- und Verteilungsverhältnisse aber auch kritisieren oder korrigieren.

Der Bericht zeigt das anhand zweier Beispiele aus dem Buddhismus. In Europa und Nordamerika wird Buddhismus häufig mit Meditation und Askese verbunden. In Ost- und Südostasien bestehen dagegen vielfältige Verbindungen zwischen buddhistischen Ritualen, gesellschaftlichem Wandel und Wirtschaft.

Traditionelle Meditationstechniken werden dort zur Stressreduzierung und Effizienzsteigerung eingesetzt. Menschen sollen sich für den Arbeitsmarkt besser qualifizieren; in Haushalten, Unternehmen und religiösen Organisationen sollen Disziplin, Konzentration, Kreativität und Produktivität wachsen. Die taiwanische Fo-Guang-Shan-Bewegung hat klösterliche Techniken und Rituale ethischer Selbstkultivierung für Laien adaptiert. Neben Mitgefühl und Toleranz vermittelt sie ihren Anhängern, sich als effektive und materiell erfolgreiche Akteure in einer globalisierten kapitalistischen Wirtschaft zu verstehen.

Selbstkultivierungstechniken sind längst Teil einer globalen Industrie. Achtsamkeitsmeditation verbreitet sich in Europa und den USA, Yoga erlebt weltweit starken Zulauf. Beides wird auch zur Vermittlung von Selbstmanagement, Disziplin und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit genutzt. Vergleichbare religiöse Praktiken werden weltweit im Christentum und Islam in betriebliche Ausbildungssysteme integriert, um Engagement und Produktivität von Beschäftigten zu erhöhen. In Südkorea wurde die protestantische Arbeitsethik mit Geschäftspraktiken christlicher Unternehmen verbunden, die sowohl transnationale Expansion als auch missionarische Aktivitäten verfolgen.

Rituale können außerdem direkt mit der Verteilung von Gütern und Wohlstand verbunden sein. Prinzipien wie Investition, Umverteilung und Konsum tauchen dann auch im religiösen Bereich auf. Im südostasiatischen Buddhismus werden Klöster sowie die Ausbildung von Novizen und Mönchen überwiegend durch Spenden finanziert. Wohlhabende Gemeindemitglieder sehen sich häufig moralisch verpflichtet, größere Beträge an Klöster zu geben. Diese Spenden finanzieren die religiöse und weltliche Ausbildung junger Novizen und Mönche, die meist aus armen Bauernfamilien stammen.

2019 untersuchte Ladwig eine große Klosterschule in Luang Prabang im Norden von Laos. Angehörige der neuen Mittel- und Oberschicht spendeten unter anderem Gewinne aus dem Tourismussektor. Die Mittel dienten der Erweiterung des Klosters und dem Lebensunterhalt von rund 500 Schülern. In der laotischen Hauptstadt Vientiane dokumentierte Ladwig außerdem die Spenden einer erfolgreichen Geschäftsfrau und ihres Unternehmens zur Renovierung eines ländlichen Tempels.

Laos verfügt, wie viele Länder des globalen Südens, nur über ein rudimentäres staatlich finanziertes Sozialsystem. Familien und religiöse Institutionen übernehmen daher weiterhin Aufgaben der sozialen Unterstützung. Wirtschaftlicher Erfolg und daraus entstandener Wohlstand gelten in diesen Fällen nicht nur als privater Besitz. Teile des Kapitals fließen in eine rituelle Ökonomie und schaffen Formen religiös organisierter Umverteilung, die die Auswirkungen wachsender sozialer Ungleichheit teilweise ausgleichen können.

In Bregenz beginnt der Abend am Dienstag, 17. November 2026, um 19:00 Uhr; Einlass ist ab 18:30 Uhr. Veranstaltungsort ist das vorarlberg museum. Die Veranstaltung wird von Caritas Vorarlberg, der Katholischen Kirche in Bregenz, der Diözese Feldkirch, der Moscheegemeinde ATIB Bregenz, der Landeshauptstadt Bregenz und dem Vorarlberger Landestheater kooperativ getragen. Kontakt: zusammenleben(at)bregenz.at, Telefon 05574 410 1662.