Das „fahrende Volk“ hat wieder in Neusiedl am See im Burgenland seine Zelte aufgeschlagen. Hinter dem Outletcenter in Parndorf ist ein Lager errichtet worden, das für Aufregung sorgt. Die Gruppe, bestehend aus Roma und Sinti, sorgt seit Jahren für Diskussionen in Österreich. Die Polizei von Neusiedl am See hat bereits eine Warnung herausgegeben. Die Bevölkerung wird eindringlich aufgefordert, keine Haustürgeschäfte abzuschließen, denn oft wird minderwertige Ware zu überhöhten Preisen angeboten.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Polizei dringend davon abrät, Arbeiten am eigenen Haus, wie beispielsweise Fassaden- oder Dachrinnenreinigungen, in Anspruch zu nehmen. Sogar bei vermeintlich harmlosen Bitten um Wasser sollte man vorsichtig sein und keine fremden Personen ins Haus lassen. Hier gilt es, die Haus- und Wohnungstüren immer verschlossen zu halten. Bei Verdacht auf unseriöse Aktivitäten empfiehlt die Polizei, Fahrzeugkennzeichen zu notieren und eine Beschreibung der Personen parat zu haben. Im Zweifelsfall sollte man nicht zögern, Kontakt zur Polizei aufzunehmen.

Die Geschichte der Roma im Seewinkel

Im Seewinkel gibt es eine lange und bewegte Geschichte der Roma. Einst waren zahlreiche Siedlungen in der Region beheimatet, doch die Nationalsozialisten vertrieben die meisten Roma. Die Spurensuche führt bis nach Jois und Gols, wo die Erinnerung an diese tragische Vergangenheit aufrechterhalten wird. In Jois, zum Beispiel, gibt es zwei Tafeln, die an die Roma erinnern, und hier befand sich die größte Romasiedlung im Seewinkel. Der pensionierte Pfarrer Franz Hillinger hat sich für die Erinnerung an die Roma eingesetzt und die Geschehnisse der Vergangenheit lebendig gehalten.

Im Jahr 1933 lebten etwa 120 Roma in Jois. Hillinger erzählt von seiner Schulfreundin Maria, die Roma war und während der Vertreibung auf Lastwagen geladen wurde. Die erste „Anti-Zigeuner“-Aktion fand im Juni 1939 statt, in der viele Roma verfolgt wurden. In Gols beschäftigt sich der Hobbyhistoriker Fritz Radlspaeck intensiv mit der Geschichte der Roma und den Opfern des Nationalsozialismus. In den 1920er und 1930er Jahren hielten sich im Durchschnitt 15 bis 20 Roma in Gols auf, bis ein Bescheid erlassen wurde, um 1.000 im Burgenland geborene Roma zusammenzufangen. Tragisch ist, dass viele Roma in verschiedenen Lagern ermordet wurden oder dort starben.

Erinnerungskultur und Aufarbeitung

Um das Andenken an die Roma zu fördern, gibt es im Dorfmuseum in Mönchhof seit 2016 eine Tafel über das Schicksal der Roma. Gols und Mönchhof hatten starke gemeinsame Interaktionen und Verwandtschaften, und es gibt auch Roma-Verwandte in Podersdorf, Frauenkirchen und Pamhagen. Die Aufarbeitung der Geschichte soll dazu beitragen, das Erinnern an die Roma zu fördern. Die Frage bleibt, wie viele Orte im Seewinkel dem Beispiel von Jois folgen und Gedenkstätten errichten werden.

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Ein wichtiges Projekt in diesem Kontext ist DERLA (Digitale Erinnerungslandschaft Österreich), das Erinnerungsorte und -zeichen für NS-Opfer dokumentiert. Es verknüpft Dokumentation mit Vermittlungsangeboten für Schulen, die den Genozid an österreichischen Roma und Sinti thematisieren. Diese Angebote basieren auf Erinnerungszeichen oder „Orten ohne Zeichen“. Ein Beispiel ist die Geschichte von Sidonie Adlersburg, einem neunjährigen Mädchen, das 1943 aus einem Lager in Hopfgarten nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde. SchülerInnen beschäftigen sich mit ihrer Geschichte durch Podcasts und Grundlagentexte. Das Ziel ist es, die Geschichte des Roma-Mädchens kennenzulernen und Möglichkeiten zur Erinnerung zu erarbeiten.

In Neusiedl am See wird die Gegenwart des fahrenden Volkes also von einer schweren historischen Last begleitet. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation entwickeln wird und ob es einen Dialog zwischen der ansässigen Bevölkerung und den Roma und Sinti gibt.