Am 8. Mai war es endlich soweit: Der Heldenplatz in Wien verwandelte sich in einen pulsierenden Ort des Gedenkens und der Hoffnung. Über 10.000 Menschen strömten zusammen, um beim „Fest der Freude“ an das Ende des Nationalsozialismus zu erinnern. Die Atmosphäre war geprägt von einer tiefen Emotionalität und einem klaren Bekenntnis zu Demokratie, Frieden und Menschlichkeit. Es war nicht nur eine Feier, sondern auch ein eindringlicher Appell an die Verantwortung der Gesellschaft, die Erinnerungskultur lebendig zu halten.
Die Veranstaltung wurde vom Mauthausen Komitee Österreich organisiert und fand bereits zum 14. Mal statt. Dieses Jahr stand alles unter dem Thema „Täter und Täterinnen im Nationalsozialismus“. Bundespräsident Alexander Van der Bellen eröffnete die Feierlichkeiten zusammen mit dem MKÖ-Vorsitzenden Willi Mernyi, der eindringlich auf die Bedeutung einer aktiven Erinnerungskultur hinwies. „Es liegt an uns, die Schatten der Vergangenheit nicht verblassen zu lassen“, sagte er, während Musik von den Wiener Symphonikern unter der Leitung von Ingo Metzmacher den Heldenplatz erfüllte. Die Klänge waren einfach überwältigend.
Ein bewegendes Programm für alle Generationen
Familien, Jugendliche und Zeitzeugen fanden sich unter den Besuchern, jeder mit seiner eigenen Geschichte und persönlichen Verbindung zur Geschichte, die hier gefeiert wurde. Besonders berührend war die Rede von Zeitzeugin Lucy Waldstein, die von ihrer Flucht aus Wien im Jahr 1938 erzählte. Ihre Worte über Verlust und Hoffnung hinterließen einen bleibenden Eindruck. Am Ende des Abends erklang Beethovens „Ode an die Freude“ in respektvoller Stille – ein Moment, der alle Anwesenden zusammenbrachte.
Doch während in Wien das Erinnern gefeiert wurde, zeigt eine neue Memo-Studie der Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft (EVZ), dass es in Deutschland zunehmend Forderungen nach einem „Schlussstrich“ unter die Erinnerungskultur gibt. Laut dieser Studie, die am 29. April 2025 veröffentlicht wurde, halten nur 42,8% der Befragten es für wichtig, die Erinnerung an die NS-Verbrechen lebendig zu halten. Interessanterweise gibt es eine Mehrheit, die sich gegenwärtigen Problemen widmen möchte, während 44,8% sich darüber ärgern, dass den Deutschen die Verbrechen an den Juden weiterhin vorgehalten werden.
Widersprüchliche Gefühle und neue Herausforderungen
Erstaunlicherweise stimmen 38,1% der Befragten der Aussage zu, dass es „Zeit für einen Schlussstrich unter die Zeit des Nationalsozialismus“ sei. Diese Tendenz wird vor allem bei Menschen im mittleren Alter und AfD-Wählern sichtbar, während jüngere und höher gebildete Personen eher die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit befürworten. Veronika Hager von der EVZ-Stiftung bezeichnet die Ergebnisse als „erinnerungskulturellen Kipppunkt“. Man könnte fast sagen, dass hier ein Riss durch die Gesellschaft geht.
Die Diskrepanz zwischen der lebendigen Erinnerungskultur in Wien und den besorgniserregenden Umfragen in Deutschland zeigt, wie wichtig solche Veranstaltungen sind. Sie sind nicht nur eine Feier, sondern auch ein wichtiger Teil des Diskurses über unsere Vergangenheit. Es ist entscheidend, dass wir aus der Geschichte lernen und die Stimmen der Zeitzeugen hören, bevor sie verstummen. Denn wie wichtig es ist, zu erinnern, zeigt sich nicht nur an einem schönen Abend am Heldenplatz, sondern auch in den Herausforderungen, die vor uns liegen.
Heute ist der 9. Mai 2026 und während wir zurückblicken, ist es unerlässlich, dass wir weiterhin aktiv an der Erinnerung arbeiten, um die Werte von Menschlichkeit und Frieden zu verteidigen. Denn diese Werte sind die Grundlage für eine Gesellschaft, die aus der Geschichte lernt und sich nicht von den Schatten der Vergangenheit einholen lässt. Die Stimmen, die hier gehört wurden, sind Teil eines größeren Ganzen, das wir nicht vergessen dürfen.