Gmünd, 30. Oktober 2026 – Die Europäische Union und Kanada wollen in unsicheren Zeiten enger zusammenrücken. Beim zweitägigen Gipfel in Montreal, dem 21. gemeinsamen EU-Kanada-Gipfel am Donnerstag und Freitag, stehen zahlreiche Vorhaben für eine vertiefte Partnerschaft auf dem Tisch. Im Mittelpunkt der Gespräche stehen der kanadische Premierminister Mark Carney und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Bundeskanzler Friedrich Merz ist wegen einer Asienreise nicht dabei. Er sprach von einem „neuen Kapitel“ und einer „Allianz für die Zukunft“. Gleichzeitig lehnt Merz weiterhin den Begriff „assoziierte Mitgliedschaft“ für Kanadas geplante engere Beziehung zur EU ab. Von der Leyen hält an diesem Modell fest – vorerst allerdings ohne den umstrittenen Ausdruck in der Gipfelerklärung.

Allianz ja, Bezeichnung nein

Mehrere EU-Regierungen stoppten den Vorstoß der Kommissionspräsidentin. Der Begriff „assoziierte Mitgliedschaft“ wurde aus dem Entwurf der Schlussfolgerungen gestrichen. Die Bundesregierung kritisiert, dass die EU-Mitgliedstaaten vorab nicht ausreichend konsultiert worden seien. Deutschland verwendet die Bezeichnung auf Initiative von Merz bereits im Zusammenhang mit dem EU-Beitrittsprozess der Ukraine.

Bis zum nächsten Gipfel 2027 soll nun ein Konzept für eine engere Anbindung Kanadas an die EU ohne Vollmitgliedschaft ausgearbeitet werden. Regelmäßige Treffen sollen die gemeinsame Vertretung von Interessen nach außen verbessern. Von der Leyen verfolgt weiterhin das Modell einer „Assoziierung ohne Beitritt“: Die Partnerschaft soll enger sein als bisherige Formen der Zusammenarbeit und grundsätzlich auch anderen engen Partnern außerhalb Europas offenstehen.

Der politische Druck kommt auch aus Washington. Das Vertrauen in die USA als traditionell wichtigsten Verbündeten ist durch die Politik von US-Präsident Donald Trump gesunken. Trump bezeichnete den Vorstoß für eine assoziierte EU-Mitgliedschaft Kanadas als „lächerlich“. Sollte Europa aus seiner Sicht gegen US-Interessen handeln, drohte er mit hohen Zöllen oder einer Einschränkung des Handels mit Europa.

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Rohstoffe, Energie und Handel

EU und Kanada wollen ihre Abhängigkeit von anderen Ländern, insbesondere China und den USA, verringern. Bei der Energiesicherheit ist eine engere Zusammenarbeit geplant. Eine Machbarkeitsstudie soll prüfen, ob LNG-Exporte aus Kanada nach Europa ausgeweitet werden können. Außerdem soll das Abkommen über die nukleare Zusammenarbeit zwischen Kanada und Euratom modernisiert werden.

Kanada und die Europäische Investitionsbank haben Verhandlungen über ein Abkommen zur Erleichterung europäischer Investitionen in kanadische Rohstoffvorkommen abgeschlossen. Im Mittelpunkt stehen kritische Rohstoffe wie seltene Erden – gebraucht für Elektromotoren, Halbleiter, Batterien, Clean-Tech und die Verteidigungsindustrie. Nach Angaben der EU stiegen die europäischen Importe kritischer Rohstoffe aus Kanada von 2024 bis 2025 um 62 Prozent.

Auch Handelshemmnisse sollen fallen, Investitionen leichter werden und die Versorgung mit wichtigen Gütern stabiler. Ein Digitalhandelsabkommen ist geplant, damit grenzüberschreitende Geschäfte einfacher und rechtssicherer werden. Der Handel mit Waren und Dienstleistungen zwischen der EU und Kanada nahm von 2016 bis 2025 um 80 Prozent zu. Grundlage ist vor allem das Freihandelsabkommen Ceta.

Ceta wird seit 2017 vorläufig angewendet, ist wegen ausstehender Ratifizierungen in mehreren EU-Staaten aber noch nicht vollständig in Kraft. Die EU ist Kanadas zweitgrößter Handelspartner. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) weist darauf hin, dass neun EU-Mitgliedstaaten das Abkommen noch vollständig ratifizieren müssen. Außerdem sollten Prüf- und Konformitätsbewertungen gegenseitig anerkannt werden, damit Unternehmen weniger Kosten und Bürokratie tragen.

Digitalisierung, Forschung und Fachkräfte

Beim Digitalen geht es nicht nur um Papierkram. EU und Kanada wollen den gegenseitigen Zugang zu digitalen Märkten erleichtern, unter anderem für Cloud- und KI-Dienstleistungen sowie die dafür nötige Infrastruktur. Bei künstlicher Intelligenz ist eine engere Zusammenarbeit bei internationaler Regulierung und Sicherheit vorgesehen. Kanada soll zudem in die europäische Hochleistungsrecheninfrastruktur eingebunden werden.

In der Forschung ist eine stärkere Einbindung Kanadas in das Erasmus+-Programm geplant. Hindernisse für Fachkräfte und Forschende sollen abgebaut, berufliche Qualifikationen einfacher anerkannt werden. Kanada beteiligt sich bereits seit 2024 an der zweiten Säule des EU-Forschungsprogramms Horizon Europe. Die DIHK befürwortet die engere Erasmus+-Anbindung ausdrücklich.

Weitere Möglichkeiten sieht die Kammer bei Forschung und Innovation, der Gewinnung und Qualifizierung von Fachkräften sowie bei der Arktis-Zusammenarbeit. Ein umfassendes EU-Kanada-Digitalabkommen könnte nach Einschätzung der DIHK grenzüberschreitende Geschäfte erleichtern und mehr Rechtssicherheit schaffen.

Sicherheit, Ukraine und Nahost

Die geplante Partnerschaft reicht weit über Handelsfragen hinaus. EU und Kanada wollen bei Verteidigung, Cyberabwehr und dem Schutz kritischer Infrastruktur enger kooperieren. Beide Seiten bekräftigen ihre Unterstützung für die Ukraine. Kanada beteiligt sich bereits am EU-Programm „Safe“, das günstige Darlehen für die gemeinsame Beschaffung von Rüstungsgütern ermöglicht.

Auch am EU-Unterstützungskredit für die Ukraine soll sich Kanada beteiligen. Bei Lösungen für den Nahostkonflikt wollen EU und Kanada ebenfalls zusammenarbeiten. An einer engeren geopolitischen Allianz wird weitergearbeitet – trotz des Streits über die passende Bezeichnung.

Anlässlich des Gipfels am 29. und 30. Oktober 2026 in Montreal fordert die Deutsche Industrie- und Handelskammer eine deutlich engere wirtschaftliche Anbindung Kanadas an die EU. Das könnte deutschen Unternehmen neue Geschäftschancen eröffnen, meint DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. Die geopolitischen Umbrüche seien Anlass, die wirtschaftliche Partnerschaft zwischen Europa und Kanada weiterzuentwickeln.

Die DIHK schlägt darüber hinaus vor, dass EU, Kanada und die Staaten des transpazifischen Handelsabkommens CPTPP eine Allianz zur Stärkung des regelbasierten Welthandels bilden. Ceta biete dafür ein starkes Fundament, werde aber noch nicht vollständig genutzt. Gefordert werden der Abbau von Handelshemmnissen, eine bessere Abstimmung von Regeln und neue Geschäftsmöglichkeiten für Unternehmen.

Eine vertiefte Rohstoff- und Energiepartnerschaft könnte helfen, die Versorgung breiter aufzustellen und strategische Abhängigkeiten zu verringern. Die DIHK setzt auf konkrete gemeinsame Projekte und Investitionen, von denen Unternehmen auf beiden Seiten des Atlantiks profitieren und die Wettbewerbsfähigkeit sowie Wirtschaftssicherheit stärken sollen. Ihre Vorschläge hat sie im Impulspapier „EU-Kanada-Beziehungen stärken“ zusammengefasst – veröffentlicht am 29. Oktober 2026.