In Graz liegen die Nerven im Straßenverkehr offenbar schneller blank als noch vor einigen Jahren. Mehr als 70 Prozent der Befragten einer repräsentativen Studie des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV) haben das Gefühl, dass die Spannungen in den vergangenen fünf Jahren zugenommen haben. Befragt wurden 2.260 Personen.

Mehr als 80 Prozent sehen dafür mehrere Gründe: vielfältigere Verkehrsmittel wie E-Scooter und Lastenräder, ein gestiegenes Verkehrsaufkommen, mehr Stress sowie zunehmende Unaufmerksamkeit und Ablenkung. Verkehrspsychologin Raffaela Neustifter vom KfV kennt noch einen weiteren Auslöser: den Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Wer selbst ein riskantes Manöver fährt, hält es oft für notwendig. Macht es jemand anderer, gilt dasselbe Verhalten rasch als rücksichtslos. Stress verändert laut Neustifter außerdem die Wahrnehmung. Menschen werden schneller ärgerlich und beziehen Situationen im Verkehr eher persönlich – ein kurzer Blick, ein knappes Einscheren, und schon kocht es im Bauch.

Zwischen Auto, Rad und E-Scooter

Die häufigsten Konflikte gibt es zwischen Autofahrern und Radfahrern. Auf Platz zwei folgen Auseinandersetzungen zwischen Autofahrern. Das Auto kann dabei wie ein „Schutzschild“ wirken: Im direkten Kontakt würden Verkehrsteilnehmer andere vermutlich weniger stark beschimpfen als aus dem Fahrzeug heraus.

Fußgänger geraten ebenfalls häufig in Konfliktsituationen. Gegenüber Autos, Fahrrädern und E-Scootern sind sie meist die schwächere Gruppe. Als stärkste Verursacher von Verkehrsspannungen nennen die Befragten E-Scooter-Fahrer, gefolgt von Fahrradfahrern, Autofahrern und E-Bikern. Konflikte mit E-Scootern und E-Bikes haben laut Befragung in den vergangenen fünf Jahren am stärksten zugenommen.

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E-Scooter werden besonders häufig als Auslöser von Konflikten wahrgenommen. Bei Autos sorgen vor allem zu schnelles Fahren sowie fehlendes oder falsches Blinken für Ärger. Radfahrer fallen durch Fahren auf Gehsteigen, fehlende Handzeichen und riskantes Durchschlängeln auf. Ein paar Meter weiter, ein kurzes Hupen – und die Stimmung ist dahin.

Drängeln, Hupen, Ausbremsen

Eine weitere KfV-Studie untersuchte mit österreichweiten Telefoninterviews 1.500 Pkw-Lenkerinnen und -Lenker aller Altersgruppen. Aggressives Fahren wird demnach häufiger wahrgenommen als in den Jahren zuvor. Als größtes Ärgernis gelten dichtes Auffahren und Drängeln.

Aggression am Steuer zeigt sich auch durch Rasen, Ausbremsen, riskantes Einscheren und Überholen, fehlendes Blinken sowie die Missachtung von Fußgängern und Radfahrern. Dazu kommen starkes Hupen, quietschende Reifen, Schimpfen und Gestikulieren. Besonders deutlich wird aggressives Fahrverhalten laut KfV durch dichtes Auffahren, gefährliches Einscheren und fehlende Anhaltebereitschaft vor Schutzwegen.

Auslöser gibt es genug: Staus und stockender Verkehr, Zeitdruck, Hektik und Schlafmangel, Multitasking während der Fahrt, Baustellen oder als zu lang empfundene Rotphasen. Auch dichter Lkw-Verkehr und große Fahrzeuge in engen Ortsgebieten bringen viele Lenker auf die Palme. Besonders hohe Aggressionswerte wurden bei Männern und bei Einwohnern größerer Städte festgestellt.

Wie schon bei der KfV-Befragung zu Verkehrsspannungen klaffen Eigen- und Fremdwahrnehmung weit auseinander. Als aggressiv oder für Konflikte verantwortlich werden meist die anderen eingeschätzt. Das Problem ist nicht bloß schlechte Laune: Aggression kann zu riskantem Fahrverhalten, mehr Fahrfehlern, Unaufmerksamkeit und einem erhöhten Unfallrisiko führen. Die Wahrscheinlichkeit einer Unfallbeteiligung steigt unabhängig davon, wie viele Kilometer jemand pro Jahr fährt.

Was im Alltag helfen kann

Neustifter empfiehlt, beim eigenen Verhalten anzusetzen – denn das lässt sich selbst kontrollieren. Rücksicht sollte nicht davon abhängen, wie die anderen unterwegs sind. Die einfache Frage zwischendurch: Verhalte ich mich gerade vorbildlich? Und habe ich mich bei jemandem bedankt?

Wohlwollende Kommunikation kann durch Augenkontakt und Handzeichen unterstützt werden. Beleidigende Gesten helfen hingegen nicht. Ein ruhigerer Fahrstil senkt den eigenen Stress, während aggressives Fahren meist nur eine minimale Zeitersparnis bringt. Alle Verkehrsteilnehmer wollen sicher von A nach B; es geht nicht darum, Recht zu haben, sondern sicher anzukommen.

Das KfV rät, einen Zeitpuffer einzuplanen und lieber früher loszufahren. Stoßzeiten und erwartbare Verkehrsspitzen lassen sich, wenn möglich, vermeiden. In Stresssituationen heißt es: tief durchatmen, ruhig bleiben und überlegt, vernunftbetont sowie lösungsorientiert handeln. Andere Verkehrsteilnehmer sollten als gleichberechtigte Partner und nicht als Konkurrenten gesehen werden.

Fußgänger, Radfahrer und andere besonders schutzbedürftige Verkehrsteilnehmer verdienen zusätzliche Aufmerksamkeit. Beim Spurwechsel und Abbiegen sollte konsequent geblinkt werden. Und wer in der Freizeit durch Sport, Bewegung und frische Luft für Entspannung sorgt, steigt vielleicht etwas gelassener ins Auto, aufs Rad oder auf den Scooter.

Wer andere Verkehrsteilnehmer aggressiv bedrängt, kann sich wegen Nötigung im Straßenverkehr strafbar machen. Bei einer rechtskräftigen Verurteilung droht eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr.

Verkehrssicherheit braucht mehr als gute Vorsätze

Der Blick über Graz hinaus zeigt, dass Verkehrssicherheit auch eine Frage von Forschung, Planung und Kontrolle ist. Das deutsche Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) legt seiner Arbeit das Verkehrssicherheitsprogramm 2021–2030 mit dem Leitbild „Vision Zero“ zugrunde. Ziel sind keine Todesfälle und Schwerverletzten mehr im Straßenverkehr. Dafür fördert und finanziert das BMDV verschiedene Programme, darunter Forschung.

Die Innovationsinitiative mFUND unterstützt Projekte zur Digitalisierung von Verkehrssystemen und zur Erhöhung der Verkehrssicherheit. Für die Radverkehrsförderung ist der Nationale Radverkehrsplan 3.0 (NRVP 3.0) eine zentrale Grundlage. Das BMDV unterstützt Maßnahmen zur Sicherheit von Radfahrenden, Pedelec-Nutzenden, E-Scooter-Fahrenden und Motorradfahrenden; im Radverkehr werden sowohl investive als auch nicht investive Sicherheitsmaßnahmen gefördert.

Die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) ist die technisch-wissenschaftliche, praxisorientierte Forschungseinrichtung des Bundes für das Straßenwesen. Sie führt jährlich rund 260 eigene Forschungsprojekte durch und betreut mehr als 300 externe wissenschaftliche Projekte. Ergebnisse veröffentlicht sie kostenlos als Berichte und Kurzinformationen der Reihe „Forschung kompakt“ im elektronischen BASt-Archiv ELBA.

Hinzu kommen kostenlose Broschüren und Leitfäden zur Verkehrssicherheit, etwa zur Kindersicherheit im Auto und zu Schulwegplänen. Eine BASt-Datenbank enthält Maßnahmen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit. Der Maßnahmenkatalog gegen Unfallhäufungen unterstützt insbesondere Unfallkommissionen bei der Untersuchung und gezielten Bekämpfung von Unfallhäufungen; er basiert auf aktuellen wissenschaftlichen und praktischen Erkenntnissen.

Auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR), 1969 als Interessenverband gegründet, empfiehlt Politik und Industrie auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse und gesellschaftlicher Anforderungen Verkehrssicherheitsmaßnahmen. Der DVR entwickelt Kampagnen, Schulungen und Präventionsprogramme, bereitet Themen in der Schriftenreihe „Verkehrssicherheit“ für interessierte Personen und Anwender aus der Verwaltung auf und erstellt Praxishilfen für Einrichtungen des Bundes und der Länder. Dazu gehören auch Broschüren zur sicheren Mobilität mit Rollstuhl und motorisiertem Krankenfahrstuhl.

Die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) erstellt das technische Regelwerk für das Straßen- und Verkehrswesen in Deutschland. Forschungsergebnisse fließen in dessen Aktualisierung ein; Informationen zum jeweils gültigen Regelwerk stehen auf der FGSV-Website, einzelne Publikationen können kostenlos über den FGSV-Verlag abgerufen werden.

Wo es kracht, lässt sich außerdem im interaktiven Unfallatlas der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder nachsehen. Er zeigt polizeilich registrierte Unfälle mit Personenschaden auf regionaler Ebene, die Unfallorte sind straßengenau nachvollziehbar. Georeferenzierte Daten können unter Beachtung der Nutzungsbedingungen als Shapefile oder CSV-Datei heruntergeladen werden. Aktualisiert wird der Atlas einmal jährlich. Die Daten für 2024 sollten voraussichtlich im Sommer 2025 eingepflegt werden.

Eine weitere Forschungseinrichtung ist die Unfallforschung der Versicherer (UDV) im Gesamtverband der Versicherer (GDV). Sie veröffentlicht Forschungsberichte mit Erkenntnissen, Empfehlungen sowie Informationen zu Methodik und empirischen Grundlagen, außerdem „Unfallforschung kompakt“ mit Zusammenfassungen von Methodik, Ergebnissen und Empfehlungen, „Unfallforschung kommunal“ für Verwaltungen und „Unfallforschung kurzgefasst“ als zweiseitige Factsheets. Die Veröffentlichungen sind in der Regel auch auf Englisch verfügbar.

Der Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit der LISt Gesellschaft für Verkehrswesen und ingenieurtechnische Dienstleistungen mbH.