Dialog war für Josef Kopeinig nie bloß höfliches Reden. Bei seinem Vortrag am 28. Oktober 2026 in der Reihe „Religion, Kirche und Gesellschaft“ beschrieb der Theologe ihn als „Grundmelodie unseres Zusammenlebens“. Ein Bild, das hängen bleibt: Nicht einer setzt sich durch, sondern mehrere Menschen versuchen, gemeinsam einen Ton zu finden.

Kopeinig, Jahrgang 1941, sprach aus jahrzehntelanger Erfahrung. Bis Ende Juni 2026 war er Rektor des Katholischen Bildungshauses Sodalitas in Tainach/Tinje. In seinen Vortrag nahm er persönliche Erlebnisse, zahlreiche Quellen und geflügelte Worte mit – also nicht nur Theorie, sondern auch Geschichten, an denen man sich reiben kann.

Zuhören, ohne sofort zu gewinnen

Ein gelingender Dialog beginnt für Kopeinig mit dem Zuhören und damit, auf das Gegenüber einzugehen. Dazu gehört auch die unbequeme Einsicht, dass der Gesprächspartner recht haben könnte. Andere Menschen sehen die Welt aus ihrer eigenen Perspektive – nicht automatisch falsch, nur weil sie anders ist.

Als grundlegende Voraussetzung nannte Kopeinig die Liebe zum Mitmenschen. Seine klare Zuspitzung: Wer nicht zur Liebe fähig ist, ist auch nicht zum Dialog fähig. Im Gespräch gebe es keine Sieger und Besiegten. Menschen würden vielmehr durch gemeinsame Erkenntnisse bereichert. Dahinter stehe der ehrliche Wille, gemeinsam etwas für die Gesprächspartner und möglichst auch darüber hinaus zu erreichen.

Die Vortragsreihe wird am 18. November 2026 um 19:15 Uhr fortgesetzt. Dann spricht der Historiker Dr. Mario Rauch über „Die Welt der Bibel. Ein kulturgeschichtlicher Streifzug durch das Alte Testament“.

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Ein Haus mit vielen Aufgaben

Das Bildungshaus Sodalitas ist nicht nur mit Vorträgen verbunden. Zum Team gehören Direktorin Mija Janesch, BA (Tel. 0043 (0)4239-2642, janesch@sodalitas.at), der theologische Referent Mag. Anton Rosenzopf-Jank (Tel. 0043 (0)676/8772-1001, rosenzopf-jank@sodalitas.at) sowie Josef Valeško, Pfarrer, Konsistorialrat und Rektor (Tel. 0043 (0)676/8772-8730, valesko@sodalitas.at).

Für Bildungsfragen ist Veronika Kušej, MAS, als Bildungsreferentin erreichbar (Tel. 0043 (0)4239-2642-77, kusej@sodalitas.at). An der Rezeption und in der Verwaltung arbeiten Bernardka Stern-Pruntsch, Buchhalterin und Rezeption (Tel. 0043 (0)4239-2642-74, stern@sodalitas.at), Romana Opetnik, Marketing und Sekretärin (Tel. 0043 (0)4239-2642-75, office@sodalitas.at), sowie Daniel Thaler an der Rezeption (Tel. 0043 (0)4239-2642-71, recepcija@sodalitas.at).

Auch hinter Küche, Haustechnik, Service und Reinigung steht ein großes Team: Chefköchin Anja Kogelnik (Tel. 0043 (0)4239-2642-73), Köchin Stefanie Zunder (Tel. 0043 (0)4239-2642-73), Küchengehilfinnen Asmira Kremenovič und Olga Šajnovič, Haustechniker Almir Hodžić, die Servicemitarbeiterinnen Zlatina Riepl und Agnes Thang sowie die Reinigungskräfte Nada Hobel, Danijela Beloševič und Branka Zec.

Dialog zwischen Religionen

Im weiteren Sinn bezeichnet interreligiöser Dialog die Begegnung und Kommunikation zwischen Angehörigen verschiedener Religionen. Seine Bedeutung hängt mit weltpolitischen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen seit dem Zweiten Weltkrieg zusammen – ebenso mit den veränderten Beziehungen zwischen Religionen.

Dringlicher wird die Frage dort, wo politische und soziale Konflikte religiös legitimiert oder instrumentalisiert werden. Öffentliche Polarisierung zeigte sich unter anderem beim Minarettbauverbot in der Schweiz 2009, in der Sarrazin-Debatte 2010 und angesichts von Radikalisierungstendenzen, insbesondere des Salafismus unter jungen Muslimen. Manche halten den Dialog deshalb für gescheitert oder nutzlos. Andere verlangen gerade wegen sozialer Integration und gesellschaftlichen Friedens mehr davon.

Seit den 1960er Jahren ersetzte der Dialog in der römisch-katholischen Kirche und in der ökumenischen Bewegung zunehmend frühere Strategien der Abgrenzung. Dazu trugen das wachsende Selbstbewusstsein nichtchristlicher Religionen infolge weltweiter Unabhängigkeitsbewegungen und die zunehmende Eigenständigkeit christlicher Kirchen auf der Südhalbkugel bei. Das Zweite Vatikanische Konzil und der Ökumenische Rat der Kirchen, kurz ÖRK, reagierten mit einschlägigen Dokumenten.

Religionsgespräche hatte es freilich schon früher gegeben – im Mittelalter häufig als Zwangsdisputationen mit Juden und Muslimen. Neu war nun die Anerkennung der grundsätzlichen Gleichberechtigung der Dialogpartner und die Aufwertung des Dialogs zur normativen Beziehungsform. Die römisch-katholische Kirche entwickelte im Zweiten Vatikanischen Konzil eine inklusive Position. Der ÖRK öffnete sich in mehreren Dokumenten stärker einem pluralen Ansatz, ohne den Inklusivismus vollständig aufzugeben. Wahrheit in anderen religiösen Traditionen wurde mit der Formel „nebeneinander und gemeinsam auf dem Weg zu Gott“ anerkannt.

Zwischen Nähe und echtem Unterschied

In den folgenden Jahrzehnten entstanden zwei sogenannte „Kopernikanische Wenden“: eine innerchristliche, verbunden mit Edmund Schlink, und eine religionstheologische, verbunden mit John Hick. Beide Ansätze wandten sich gegen die Vorstellung, die eigene Konfession oder Religion besitze allein die gesamte Wahrheit.

Die innerchristliche Wende betonte die ständige Umkehr zum Zentrum Christus. Die religionstheologische Wende bezog sich auf Gott, das Göttliche, die „Letzte Wirklichkeit“ oder das Heil als transzendenten Bezugspunkt aller Religionen. Das klingt sperrig, berührt aber eine praktische Frage: Wie kann man dem anderen wirklich zuhören, ohne die eigene Überzeugung an der Garderobe abzugeben?

Interreligiöser Dialog passiert auf mehreren Ebenen – bei nachbarschaftlichen Begegnungen und in der Kontaktpflege, bei gemeinsamen Aktivitäten zum Kennenlernen und Zusammenleben, bei theologischen Debatten und Tagungen auf Expertenebene und in besonderen Fällen auch im Austausch religiöser Erfahrungen. Dialog ist dabei mehr als ein Gespräch. Er beruht auf gegenseitiger Akzeptanz, Respekt und Anteilnahme; die Beteiligten werden grundsätzlich als gleichberechtigt angesehen. Respekt schließt Unterschiede ausdrücklich ein.

Gemeinsame Grundlagen müssen daher vor allem in Kommunikationsform, Stil und Qualität sowie in gesellschaftlichen Regeln liegen, nicht zwingend in inhaltlichen Übereinstimmungen. Auch strukturelle Macht- und Ungleichheitsverhältnisse sollen transparent behandelt werden. Schönreden hilft da wenig.

Theologisch wird Dialog als Beziehungsgeschehen verstanden. Umstritten ist, ob Wahrheit unabhängig vom Dialog bereits feststeht oder sich erst in der Beziehung der Beteiligten erschließt. Judentum, Christentum und Islam gelten als unterschiedliche, nicht austauschbare Anlässe und Quellen, von Gott zu sprechen. Ihre religiösen Grundlagen stehen als unverfügbare Quellen eines verbindlichen Gottes-Mensch-Verhältnisses nicht zur Disposition.

Einzelne Glaubensaussagen sollen nicht isoliert, sondern im Zusammenhang des jeweiligen religiösen Gesamtsystems betrachtet werden. Jede Religion prägt gemeinsame Begriffe und Aussagen durch ihr eigenes Gesamtsystem und ihre konkrete Geschichte. Diese Grundlagen sind zugleich der Maßstab dafür, was innerhalb einer Religion als Wahrheit gilt. Dass eine Religionsgemeinschaft von der Wahrheit ihrer Lehre und Praxis überzeugt ist und diese weitergeben will, gilt als Voraussetzung interreligiöser Kommunikation. Dialog und christliches Zeugnis sind deshalb keine Gegensätze.

Exklusiv, inklusiv, plural – und darüber hinaus

Lange wurde die Debatte durch das Dreierschema von Exklusivismus, Inklusivismus und Pluralismus geprägt. Der Exklusivismus, verbunden unter anderem mit Kirchenvätern, lutherischer Orthodoxie und Karl Barth, beansprucht den alleinigen Besitz der Wahrheit und spricht anderen Religionen wesentliche Wahrheitserkenntnis ab. Er gilt deshalb als dialogresistent.

Der Inklusivismus, verbunden unter anderem mit Karl Rahner und dem Zweiten Vatikanischen Konzil, erkennt anderen Religionen Teilwahrheiten zu. Zugleich hält er daran fest, dass Heil und Wahrheit in unüberbietbarer Form in der eigenen Tradition zu finden sind.

Der Pluralismus, vertreten unter anderem von Wilfred C. Smith, John Hick, Paul Knitter und Perry Schmidt-Leukel, betrachtet die Vermittlung von Heil und Wahrheit in den Weltreligionen als gleichwertig. Unterschiedliche Wahrheitsansprüche werden auf einen gemeinsamen Urgrund oder eine „Letzte Wirklichkeit“ bezogen. Gegensätzliche Glaubensaussagen erscheinen dabei überwiegend als Folge begrenzter menschlicher Erkenntnis.

Kritiker wenden ein, dass konkrete Glaubensaussagen dadurch inhaltlich entleert und religiöse Unterschiede eingeebnet werden könnten. Offen bleibt auch, ob ein solcher Pluralismus das Fremde wirklich als Fremdes respektiert. Neuere Ansätze versuchen, die Grenzen des alten Dreierschemas zu überwinden. Der „aufgeklärte Inklusivismus“ verbindet die Anerkennung anderer Religionen mit dem Bewusstsein, dass jede Perspektive selbstbezogen bleibt. Die „Komparative Theologie“ verbindet den Wahrheitsanspruch des eigenen Glaubens mit einer positiven Würdigung anderer Religionen.

In der Weltanschauungsarbeit werden Dialog und Apologetik als miteinander verbunden verstanden. Apologetik meint dabei die kontextbezogene Erklärung und Vermittlung des christlichen Glaubens, besonders an dessen gesellschaftlichen und religiösen Grenzen.

Dialog gilt als grundlegende christliche Handlungsperspektive. Er knüpft an die Vorstellung an, dass der Mensch als Ebenbild Gottes auf Beziehung und Kommunikation ausgerichtet ist. Dass Beteiligte sich im Gespräch verändern können, folgt aus der Annahme, dass Wahrheit nicht verfügbar oder vollständig beherrschbar ist. Ein imperialer oder herrschaftlicher Gestus soll vermieden werden; als angemessene christliche Autorität gilt die „Autorität der Bitte“, verbunden mit dem Aufruf zur Versöhnung mit Gott.

Religionen bleiben als soziale Realitäten ambivalent. Sie können Fanatismus fördern oder politisch instrumentalisiert werden, zugleich aber Sinn stiften, Orientierung geben sowie Versöhnung und Heilung ermöglichen. Dialog wird so zur Friedensarbeit – ohne Rückzug ins Vertraute, aber auch ohne künstliche Harmonisierung oder Verschmelzung der Religionen.

Widersprüchliche Wahrheitsansprüche können nicht gleichzeitig wahr sein. Solche Gegensätze anzuerkennen, ist eine Voraussetzung dafür, religiöse Differenzen auszuhalten und angemessen zu bearbeiten. Welche religiösen Positionen mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vereinbar sind, soll in solidarischer Gemeinschaft und auf Grundlage einer „überzeugten Toleranz“ geklärt werden.

Der Kontext für den Vortrag in Hermagor am 2. November 2026 ist damit weit gespannt: vom Zuhören im konkreten Gespräch bis zu den großen Fragen von Wahrheit, Macht, Religion und Frieden. Die Ausführungen zum interreligiösen Dialog wurden von Friedmann Eißler im Dezember 2014 verfasst.