Jagdhornbläsercorps Wandfluh hält seit 1973 eine klingende Tradition lebendig
Wenn im Mehrzweckgebäude von Bettlach die ersten Töne erklingen, ist es mit der Ruhe schnell vorbei: Rund ein Dutzend Bläserinnen und Bläser probt dort wöchentlich. Das Jagdhornbläsercorps Wandfluh hält seit 1973 die Tradition der jagdlichen Musik lebendig. Im Sommer, sofern das Wetter mitspielt, wechseln die Musikerinnen und Musiker zu Jagdhäusern entlang des Juras zwischen Grenchen und Solothurn. Geprobt wird dann im Freien, und die Kameradschaft kommt ebenfalls nicht zu kurz.
Die meisten Mitglieder sind aktive Jägerinnen und Jäger aus einem der neun Jagdvereine des Hegerings Leberberg. Gegründet wurde das Corps 1973 im damaligen Restaurant Löwen in Grenchen – von Rico Bacchetta, Ruedi Blaser, Gerhard Flury, Fritz Glauser, Heinz Strub und Thomy Wyss. Keines der Gründungsmitglieder musiziert heute noch aktiv. Das Corps selbst ist aber weiterhin zur Stelle.
Zwei Hörner, eine lange Geschichte
Gespielt werden zwei Instrumente. Das grössere Parforce-Horn, französisch «Tromp de Chasse», ist ein Vorläufer des Waldhorns. Bei der Parforcejagd diente es früher zur Signalgebung. Das kleinere Fürst-Pless-Horn ist wie das Parforce-Horn in B gestimmt und wurde im späten 19. Jahrhundert durch Hans Heinrich XI., Fürst von Pless, verbreitet.
Das Jagdhorn ist ein Blechblasinstrument mit kreisförmig gewundenem Messingrohr und gehört zur Familie der Hörner. Ursprünglich übermittelten Jäger damit über grosse Entfernungen Befehle und Richtungsanweisungen. Weil die Instrumente meist keine Klappen oder Ventile besitzen, ist ihr Tonumfang auf etwa fünf Töne begrenzt. Gerade diese klare, tragende Klangfarbe macht sie heute im jagdlichen Brauchtum und bei Hubertusmessen unverwechselbar. Moderne Jagdhörner werden zudem als reine Musikinstrumente in B- oder C-Stimmung eingesetzt.
Das Horn zählt neben einfachen Schlaginstrumenten zu den ältesten Musikinstrumenten. Einen eindeutigen Beginn oder eine einheitliche Entwicklungslinie der heutigen Jagdhorntradition gibt es allerdings nicht. In prähistorischer Zeit wurden Tierhörner als Signal- und Jagdhörner verwendet. Im 13. Jahrhundert v. Chr. bliesen Josuas Priester bei der Belagerung Jerichos auf Widderhörnern. Die Etrusker fertigten Hörner aus Terrakotta, die Germanen verwendeten Bronzeluren, und die Römer entwickelten die ersten gewickelten Metallhörner.
Die Technik, konische Rohre zu wickeln, geriet im frühen Mittelalter in Vergessenheit und tauchte im ausgehenden Mittelalter in Deutschland wieder auf. Mittelalterliche Tierhörner und leicht gebogene Blechhörner erzeugten meist einfache, eintönige Signale zur Verständigung. Im frühen Mittelalter zwischen 800 und 1000 war das weithin hörbare Jagdhorn verbreitet und galt als heilig: Nur der berechtigte Träger durfte es berühren oder blasen.
Als ältestes Jagdhorn gilt das Hifthorn, auch Hiefthorn oder regional Zinke genannt. Einfache Jäger bliesen es; es bestand aus Büffel- oder Stierhorn und wurde an einer Hornfessel getragen. Der aus Byzanz stammende Olifant kam im 11. und 12. Jahrhundert bei Edelleuten zum Einsatz. Er war aus Elfenbein gefertigt, etwa drei bis vier Kilogramm schwer und wurde an der rechten Hüfte getragen.
Darstellungen deutscher Parforcehörner lassen sich bis 1502 zurückverfolgen. Vermutlich gelangten diese Hörner anschließend nach Frankreich. Michael Praetorius beschrieb 1619 in Syntagma musicum verschiedene deutsche Horntypen, Marin Mersenne 1637 in Frankreich ähnliche Hörner. Das grosse Parforcehorn, auch Trompe de Chasse genannt, besitzt grosse Rohrwindungen und einen weiten Schalltrichter und wird vor allem bei der Parforcejagd in Frankreich verwendet.
Von Versailles bis ins Orchester
Unter Ludwig XIV. entwickelte sich an den französischen Königshöfen eine aufwendige Jagdkultur mit Prunk, Ballett und Feuerwerk. Zunächst kamen Halbhörner zum Einsatz, ab Ende der 1670er-Jahre auch 1½-windige C-Hörner mit einer Rohrlänge von 2,27 Metern. In Bauart, Klang und Tonumfang ähnelten sie dem heutigen deutschen B-Parforcehorn. Das 1½-windige, später auch 2½-windige C-Horn blieb über 1710 hinaus in Gebrauch.
In den folgenden 25 Jahren kam vermutlich aus Böhmen das 1½-windige 4,5-Meter-Horn nach Frankreich. Das 3½-windige D-Horn wurde erst entwickelt, nachdem sich zwischen 1785 und 1831 die englische Reitkappe in Frankreich verbreitet hatte. Die verschiedenen Hornarten wurden parallel verwendet. Ausschlaggebend waren Hutform und Brustumfang des Jägers – nicht die musikalischen Eigenschaften. Ein etwas kurioser Maßstab, aus heutiger Sicht.
Eine wichtige Figur dieser Entwicklung war der aus Niedersachsen stammende böhmische Graf Franz Anton Sporck. Er besuchte 1680 auf einer Reise Versailles, gestaltete nach seiner Rückkehr Schloss und Garten nach französischem Vorbild, gründete einen Hubertusorden und veranstaltete Jagden nach französischem Muster. Noch zu Lebzeiten erhielt er den Titel „Oberster Parforcejäger Europas“.
1682 schickte Sporck zwei Jäger zur Ausbildung nach Versailles. Nach ihrer Rückkehr standen ihnen vermutlich moderne Hörner aus Nürnberg und Wien zur Verfügung. Hornbauer dieser Regionen waren durch den Bau des corno da caccia bereits mit fortgeschrittener Horntechnik vertraut. Zu den bekannten Hornbauern gehörten J. H. Eichentopf, M. Leichamschneider sowie die Nürnberger Familien Ehe und Haas. Isaac Ehe (1586–1632) gilt als bedeutender Blechinstrumentenbauer und Begründer der Hornbauer-Dynastie.
Die Hörner besassen Rohrlängen von 3,69 bis 4,5 Metern in den Stimmungen F bis D. Durch die grössere Rohrlänge erweiterten sich Tonumfang und musikalische Möglichkeiten. Im Laufe der Zeit wurden die Hörner stärker mensuriert. Diese Instrumente gelangten nach Paris und zu Marquis de Dampierre und beeinflussten damit erneut die französische Hornentwicklung. Um 1720 ist das D-Horn auch in Frankreich nachweisbar; zunächst war es dort anders mensuriert und gewickelt und besass über weite Strecken ein zylindrisches Rohr.
Böhmen übernahm in dieser Zeit die führende Rolle in der europäischen Parforcehornmusik. Die Epoche dauerte bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Aus ihr stammt umfangreiche Literatur für das Es-Horn, zugleich entwickelte sich das Jagdhorn zum Orchester-Waldhorn weiter. Eine Blütezeit wurde unter Leopold Kozeluh erreicht, der 1792 Mozarts Nachfolger als Wiener Hofkapellmeister wurde.
Parforcejagden und Hundemeuten waren sehr kostspielig. Im deutschsprachigen Raum fanden deshalb ab dem späten 18. Jahrhundert nur noch wenige Parforcejagden statt. Die Französische Revolution beendete auch in Frankreich die höfische Jagdtradition. In Deutschland behielt das Parforcehorn seinen grossen traditionellen Durchmesser, während sich in Frankreich mit der modernen Trompetenmusik das 3½-windige D-Horn durchsetzte.
Neben dem Parforcehorn gibt es weitere Formen: den sichelförmigen Sauerländer Halbmond aus Messing, den bis heute Brackenjäger blasen, und das Clewingsche Taschenhorn, das – anders als grössere, an Hornfesseln oder umgehängt getragene Hörner – in einer Jackentasche Platz findet. Das heute im deutschsprachigen Raum gebräuchliche kleinere Jagdhorn ist das fünftönige Fürst-Pless-Horn, auch Pless-Horn genannt. Es steht in B-Stimmung und ist seit den 1880er Jahren verbreitet.
Neue Mitglieder und ein Gottesdienst für Hubertus
Das Interesse an Vereinsleben mit wöchentlichen Verpflichtungen ist gegenwärtig geringer als früher. Trotzdem kamen in den vergangenen Jahren neue, auch jüngere Mitglieder zum Corps. Mehrere der jüngeren Bläser haben die Jagdprüfung abgelegt und möchten die kulturelle Tradition der Jagdmusik weiterführen.
Anton Pürro aus Bellach ist seit mehr als 20 Jahren Mitglied und Präsident des Corps. Auftritte gibt es nicht nur bei der Jagd, sondern auch bei Hochzeiten, Ausstellungen, Geburtstagen und Waldbegehungen. Musikalischer Leiter ist Heinz Marti aus Rüti bei Büren.
In den vergangenen Monaten studierte das Corps die «Hubertusmesse» von Hermann Neuhaus ein. Am Sonntag, 8. November, um 9.30 Uhr wird sie in der römisch-katholischen Kirche Bellach aufgeführt. Gemeinsam mit Pfarrer Roger Brunner findet ein Gottesdienst zu Ehren des heiligen Hubertus statt.
Hubertus, der um 655–727 lebte, gilt unter anderem als Schutzpatron der Jäger und Förster. Nach einer Legende erschien ihm als Jäger ein Hirsch mit einem strahlenden Kreuz im Geweih. Dieses Erlebnis bewog ihn, die Jagd aufzugeben und sich guten Taten im Namen Christi zu widmen.
Die ausführlichere Überlieferung setzt seine Geburt mit 656 oder 658 an. Hubertus soll der älteste Sohn des Herzogs Bertrand von Toulouse gewesen sein. Als Jugendlicher kam er an den Hof Theuderichs III. von Burgund und wurde zum Pfalzgrafen erhoben. Wegen seiner Klugheit und erfolgreicher Missionen stieg er in hohe Reichsämter auf.
Er heiratete Floribana von Löwen; sie starb nach der Geburt ihres ersten Kindes Floribertus. Nach ihrem Tod wandte sich Hubertus zunächst verstärkt weltlichen Vergnügungen zu. Während einer Jagd in den Ardennen begegnete ihm ein Hirsch mit einem leuchtenden Kreuz zwischen dem Geweih. Als er das Tier erlegen wollte, hörte er eine Stimme, die ihn an das ewige Leben erinnerte.
Die Erscheinung veranlasste Hubertus, sich Gott zuzuwenden, seine Ämter niederzulegen und sein Vermögen an Arme zu verschenken. Zunächst lebte er als Einsiedler in den Ardennen. Anschliessend ging er zu Bischof Lambert von Maastricht, der ihn unterwies und zum Priester weihte.
Nach Lamberts Tod im Jahr 708 erhielt Papst Sergius laut Überlieferung in einer Vision die Weisung, Hubertus zu dessen Nachfolger zu ernennen. Hubertus widersetzte sich zunächst; ein Engel legte ihm jedoch eine bischöfliche Stola an, woraufhin er die Würde annahm. Der Überlieferung zufolge konnte er später mit dieser Stola viele Menschen heilen.
Hubertus kehrte nach Maastricht zurück und übernahm das Bischofsamt. Er missionierte besonders in den Ardennen, wo heidnische Bräuche weiterhin verbreitet waren. Die Reliquien des heiligen Lambert übertrug er in eine eigens errichtete Kirche. 721 verlegte Hubertus den Bischofssitz von Maastricht an diesen Ort, aus dem später die Stadt Lüttich entstand. Hubertus starb 727.
