Ein Abend über die letzten ursprünglichen Waldgebiete Europas steht bevor: Die Vortragsreihe „Wildnis verstehen“ des Nationalparks Kalkalpen macht am Mittwoch, 11. November 2026, um 19 Uhr in der Villa Sonnwend in Roßleithen Station. Der Eintritt ist frei.

Heinz Fessel nimmt das Publikum mit auf eine Reise durch verschiedene europäische Urwaldreservate. Ein Schwerpunkt liegt auf den ukrainischen Waldkarpaten, doch der Weg führt ebenso durch die Naturwälder der österreichischen Mitte, zu den Urwäldern und Schluchten des Balkans und weiter nach Osteuropa.

Von Holzkirchen bis zu Karpatenwaschmaschinen

Zu sehen gibt es nicht nur Waldlandschaften. Fessel stellt auch kulturelle Besonderheiten der bereisten Regionen vor – darunter Holzkirchen und traditionelle Karpatenwaschmaschinen. Seit vielen Jahren erkundet und fotografiert er die letzten wilden Waldgebiete Europas.

Beruflich ist Fessel Brandschutzbeauftragter und Kommandant einer Betriebsfeuerwehr in Rottenmann. Ehrenamtlich betreut er für den Naturschutzbund ein Flachmoor im Paltental. Zwei sehr unterschiedliche Welten, die an diesem Abend irgendwie zusammenfinden: Einsatzpläne und Feuerwehrausrüstung auf der einen, uralte Bäume, Schluchten und nasse Moorränder auf der anderen Seite.

Die letzten Urwälder werden weniger

Europas Urwälder sind weitgehend verschwunden. Allein in den vergangenen zehn Jahren gingen hunderttausende Hektar verloren. Als Ursachen werden intensive und zunehmende Holznutzung, unzureichender politischer Wille sowie zu geringes nationales und europäisches Engagement für den Waldschutz genannt.

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Europa verfügt einschließlich Osteuropa und des europäischen Teils Russlands über rund 227 Millionen Hektar Wald. Das entspricht 33 Prozent der Landfläche. Als Ur- oder Naturwälder gelten davon nur rund 4,6 Millionen Hektar beziehungsweise 2,2 Prozent. In den EU-Mitgliedstaaten sind es etwa 3,6 Millionen Hektar oder 2,4 Prozent der Wälder – insgesamt also weniger als drei Prozent der Gesamtwaldfläche.

Urwälder erkennt man unter anderem an sehr alten Bäumen, hohen Holzvorräten und großen Mengen Totholz. In alten Beständen können mehr als 1.000 Vorratsfestmeter Holz pro Hektar vorkommen; benachbarte Verjüngungsflächen weisen dagegen deutlich geringere Vorräte auf. Gerade dieses Nebeneinander wirkt aufgeräumten Wirtschaftswäldern oft fremd: liegende Stämme, abgestorbene Äste, junge Bäume und mächtige Altbestände – nichts davon passt in eine gerade Linie.

Ohne die borealen Urwaldgebiete Nordskandinaviens und des europäischen Russlands zu berücksichtigen, liegen etwa 80 Prozent der europäischen temperaten Urwälder im Karpatenbogen in der Ukraine, in Rumänien und der Slowakei. Rumänien besitzt unter den EU-Mitgliedstaaten die größten Bestände temperater, laubholzgeprägter Urwälder. Nach aktuellen Schätzungen liegen dort etwa zwei Drittel der verbliebenen temperaten Urwälder Europas.

Zwischen Holz, Klima und Artenvielfalt

In der Debatte über die Waldnutzung stehen Holzproduktion, Klimaschutz und Biodiversitätsschutz einander gegenüber. Ob bewirtschaftete Wälder grundsätzlich besser für Biodiversität und Klimaschutz sind, wird dabei infrage gestellt. Kritisiert werden auch Argumentationen, die den Klimaschutz heranziehen, um den Schutz der Artenvielfalt zurückzuweisen.

Eine verstärkte Nutzung von Holz wird häufig als klimaneutraler Baustoff und Energieträger dargestellt. Laut der Analyse trägt dieses Leitbild jedoch zu intensiverer Waldnutzung, steigenden globalen Rohholzmengen, sinkenden Holzvorräten und einem weiteren Verlust europäischer Urwälder bei. Im vergangenen Jahrzehnt schrumpfte die globale Waldfläche demnach um fast zehn Prozent; die Holzvorräte gingen noch stärker zurück, vor allem durch die Rodung von Primärwäldern.

Weitere Verluste entstehen durch klimabedingte Waldbrände, Dürre und das anschließende Absterben großer Waldflächen. Betroffen sind auch die Wälder in Deutschland. Folgen des Waldstresses – geringeres Wachstum, eine höhere Anfälligkeit für Krankheiten und Parasiten sowie Beeinträchtigungen der Bodenökosystemleistungen – seien bislang nicht vollständig erfasst und bilanziert. In den Jahren 2018 bis 2020 entfiel jährlich fast ein Viertel der globalen Treibhausgasemissionen auf Waldbrände.

Auch die Holzverbrennung wird kritisch betrachtet. Dänemark und Großbritannien stellten Kohlekraftwerke teilweise auf Holz um, weil Holz politisch als klimabilanziell positiv eingestuft wurde. Das dafür verwendete Material stamme unter anderem aus Großkahlschlägen in den USA, Kanada, den baltischen Staaten und Russland; teils würden sogar Baumstümpfe genutzt. Da wird aus dem vermeintlich sauberen Brennstoff schnell eine ziemlich schmutzige Rechnung.

Eine Autorengruppe um Rainer Luick von der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg untersuchte in zwei Aufsatzteilen die Funktionen von Urwäldern, Naturwäldern und Wirtschaftswäldern – für die biologische Vielfalt, als Kohlenstoffsenken und als Kohlenstoffspeicher. Der erste Teil beschreibt die Verbreitung europäischer Ur- und Naturwälder und weist die These zurück, diese könnten keinen wesentlichen Beitrag zum Biodiversitätsschutz leisten. Außerdem werden die Beiträge verschiedener Waldtypen zum Klimaschutz verglichen.

Der zweite Aufsatzteil befasst sich mit der Entwicklung der Holzvorräte und der Holzverwendung in Deutschland. Bewertet werden die CO₂-Senkenleistung verschiedener Holzverwendungen und ihre Verbindung zum Biodiversitätsschutz. Kritisch diskutiert werden die Klimarelevanz von Holz als Ersatz für andere Ressourcen und die angenommene CO₂-Neutralität von Holz als Energieträger. Die klima- und forstpolitischen Ziele der EU und Deutschlands überschätzen laut Artikel sowohl die CO₂-Senkenleistung der Wälder als auch deren Fähigkeit, dauerhaft Holz bereitzustellen.

Die Karpaten als grünes Gedächtnis Europas

Nach der letzten großen Eiszeit war Mitteleuropa großflächig von Buchenwäldern bedeckt. Ab dem Mittelalter wurden die Wälder über Jahrhunderte für Siedlungen und Landwirtschaft gerodet. Die Karpatenwälder gelten als letzter großer Rest dieser ursprünglichen mitteleuropäischen Waldlandschaften. Sie erstrecken sich über acht Länder, speichern Kohlenstoff und produzieren Sauerstoff. Bären, Wisente und Luchse finden dort Lebensraum.

Doch täglich wird laut den vorliegenden Informationen Holz illegal entnommen, Tiere werden gewildert. Pro Stunde verschwindet demnach eine Waldfläche von etwa fünf Fußballfeldern. Nur rund 3,5 Prozent der Karpatenwälder sind noch vom Menschen unberührt.

In Rumänien liegen uralte Buchenwälder im Nationalpark Cheile Nerei-Beușnița und im Codrul Secular Șinca. Einige Bäume sind bis zu 500 Jahre alt. Eine Buche erreicht 55,1 Meter und gilt als höchste Buche Europas. Wegen ihrer Unberührtheit und biologischen Vielfalt stehen die Wälder unter UNESCO-Welterbeschutz – doch illegale Holzgewinnung bedroht auch diese Schutzgebiete.

Im slowakischen Nationalpark Poloniny wachsen ursprüngliche Buchenwälder. Im Naturreservat Havešová erreichen Buchen bis zu 56 Meter Höhe. Das Vihorlat-Gebirge beherbergt Eichen, Buchen, Eschen und Ahorne; Wildkatzen und Bären finden dort Zuflucht. Beide Gebiete gehören zum UNESCO-Welterbe „Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas“.

Im Westen der Ukraine liegt Stuzhytsia-Uzhok, ein fast vollständig aus Buchen bestehender Urwald. Dort befindet sich das älteste europäische Rotbuchenreservat. Das Gebiet nahe der slowakischen und polnischen Grenze vermittelt ein Bild der früheren mitteleuropäischen Urwälder. Trotz des Schutzstatus von fast der Hälfte der Karpatenwälder macht die Holzmafia laut den Angaben auch vor Nationalparks nicht Halt. Damit sind die Funktionen der Wälder als Kohlenstoffspeicher und Lebensraum für Pflanzen und Tiere gefährdet.

Schutz auf dem Papier, Druck im Wald

Aus der Konvention über die biologische Vielfalt ergeben sich laut der Analyse rechtlich bindende Vorgaben zum Schutz der verbliebenen Ur- und Naturwälder. Die Schutzbilanz der EU wird dennoch als unzureichend bewertet: Es gebe wenige wirksame Maßnahmen und kaum Sanktionen bei Verstößen gegen EU-Recht.

In Rumänien wurden seit dem EU-Beitritt 2007 hunderttausende Hektar Ur- und Naturwälder durch legale und illegale Nutzung zerstört. Großflächige Kahlschläge nahmen nach dem EU-Beitritt in den Karpaten zu, auch in Urwaldregionen sowie in Nationalparks und Natura-2000-Gebieten. In abgelegenen Tälern bleiben solche Eingriffe vielfach von der Öffentlichkeit unbemerkt; Wiederaufforstungen seien dort nicht festzustellen.

Deutschland besitzt keine Urwälder mehr. Der Naturschutz konzentriert sich daher auf den Schutz ökologisch wertvoller Wirtschaftswälder sowie auf die Ausweisung künftiger Wildnisgebiete und Prozessschutzflächen. Für 2020 bestanden quantitative Ziele für Prozessschutzflächen; diese wurden laut Artikel trotz des geringen vorgesehenen Anteils an der Waldfläche deutlich verfehlt.

In Deutschland und Europa wird kontrovers diskutiert, ob Wälder aus Klimaschutzgründen stillgelegt und weitere Waldschutzgebiete ausgewiesen werden können. Für die Karpaten werden länderübergreifende Schutzmaßnahmen gefordert. Außerdem gibt es einen Aufruf zur Unterstützung einer Petition.

Wenn Heinz Fessel am 11. November durch diese Landschaften führt, geht es deshalb um mehr als schöne Bilder aus abgelegenen Tälern. Es geht um Holzkirchen, Buchenriesen und Schluchten – und um Wälder, in denen jeder umgestürzte Stamm, jedes Stück Totholz und jedes leise Rascheln im Unterholz seine eigene Geschichte erzählt.