Im voll besetzten Schloss Neupernstein in Kirchdorf an der Krems ging es beim Vortrag „Verbunden bleiben bei Demenz“ um eine Frage, die im Alltag oft zwischen Stress, Sorge und Ratlosigkeit untergeht: Wie bleibt Nähe erhalten, wenn Erinnerungen schwinden? Hildegard Nachum brachte dafür neue Blickwinkel mit. Julia Schedlberger vom mobilen Hospizteam betonte zur Begrüßung, dass Gefühle, Würde, Nähe und Menschlichkeit auch dann bestehen bleiben, wenn das Gedächtnis nicht mehr zuverlässig arbeitet.

Nachum beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Veränderungen im Alter. Sie empfiehlt, nicht ausschließlich von „Demenz“, sondern eher von „Veränderungen“ zu sprechen. Das lateinische „dementia“ bedeutet etwa „weg vom Geist“. Nachums Kritik daran: Der Begriff könne den Menschen auf seine geistigen Fähigkeiten reduzieren – Gefühle, Emotionen und Lebenserfahrungen gerieten dabei leicht aus dem Blick.

Wenn alte Wunden wieder auftauchen

Die heutige ältere Generation ist häufig durch Krieg, Flucht, Angst, Gewalt und Schmerz geprägt. Viele sogenannte Kriegskinder verdrängten diese Erfahrungen, weil es früher kaum psychotherapeutische Unterstützung gab. Laut Nachum funktionierten solche Verdrängungsstrategien oft so lange, wie die Betroffenen kognitiv fit waren. Bestimmte Auslöser können belastende Erinnerungen später wieder hervorrufen.

Dass das Gehirn sich ab dem 30. Lebensjahr auf natürliche Weise abbaut, sei zunächst kein Grund zur Panik. Das Namensgedächtnis lasse laut Vortrag häufig bereits ab etwa 50 Jahren nach. Normale Altersvergesslichkeit ist aber nicht mit einer Demenzerkrankung gleichzusetzen. Wer sich wegen des Verhaltens eines Angehörigen sorgt, sollte sechs Monate lang ein Tagebuch führen und Warnzeichen notieren: Schwierigkeiten bei vertrauten Handlungen, Sprachprobleme, räumliche oder zeitliche Orientierungslosigkeit sowie häufiges Verlegen von Gegenständen.

Eine Frage wie „Was gab es heute zu essen?“ kann Betroffene unnötig unter Druck setzen. Besser sei: „Wie hat dir heute das Essen geschmeckt?“ Das klingt nach einer kleinen Änderung, macht im Gespräch aber einen großen Unterschied. Es geht nicht um eine Gedächtnisprüfung, sondern um das Gefühl hinter der Antwort.

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Die eigene Wirklichkeit ernst nehmen

Nachum stellte die Validation nach Naomi Feil vor. Diese Kommunikationsmethode richtet sich an desorientierte ältere Menschen, besonders an Menschen mit Demenz. Sie korrigiert Aussagen nicht ständig, sondern nimmt die Gefühle und Bedürfnisse dahinter ernst. Validation bedeutet dabei nicht, falsche Tatsachen zu bestätigen oder zu lügen. Anerkannt wird die emotionale Wahrheit – also etwa Angst, Heimweh, Scham oder der Wunsch, gebraucht zu werden.

Feil, eine US-amerikanische Sozialarbeiterin, wurde am 22. Juli 1932 in München geboren und wuchs ab 1937 in Cleveland auf dem Gelände eines Altenheims auf. Sie studierte Sozialarbeit an der Columbia University und entwickelte ihre Methode zwischen 1963 und 1980 als Alternative zur damals verbreiteten Realitätsorientierung. Ihr erstes Buch erschien 1982, das Buch „Validation“ kam 1989 in den USA heraus. Später gründete sie das Validation Training Institute; ihre Tochter Vicki de Klerk-Rubin führt die Arbeit fort. Naomi Feil starb am 24. Dezember 2023 im Alter von 91 Jahren.

Die Realitätsorientierung versucht, Menschen mit Demenz an Datum, Ort und Personen zu erinnern. Bei beginnender Demenz können Uhren, Kalender und Orientierungshilfen durchaus nützlich sein. Häufiges Korrigieren stark desorientierter Menschen kann jedoch Scham, Angst und Abwehr auslösen. Validation arbeitet eher mit der inneren Welt der betroffenen Person. Die Vergangenheit wird nicht als Fehler behandelt, sondern als möglicher Ausdruck eines aktuellen Bedürfnisses.

Feils Grundannahme lautet: Verwirrtes Verhalten hat einen Sinn. Wer von Verstorbenen, der früheren Arbeit oder vergangenen Situationen spricht, drückt möglicherweise den Wunsch nach Geborgenheit, Anerkennung oder dem Gefühl aus, gebraucht zu werden, aus. Die Methode bezieht sich auf Erik Eriksons Entwicklungsmodell und die klientenzentrierte Gesprächsführung nach Carl Rogers. Feils psychologisches Erklärungsmodell ist fachlich umstritten, weil Demenz primär eine Erkrankung des Gehirns ist. Die kommunikativen Techniken können aber unabhängig davon eingesetzt werden.

Im Alltag lässt sich die Haltung auf einen einfachen Gedanken verdichten: Nicht das Verhalten selbst ist das Problem, sondern ein möglicherweise unerfülltes Bedürfnis dahinter. Jeder Mensch soll individuell und ohne Bewertung behandelt werden und bleibt wertvoll – unabhängig vom Grad seiner Verwirrtheit. Ältere Menschen können nicht zur Verhaltensänderung gezwungen werden; Veränderung geschieht nur, wenn die betroffene Person selbst dazu bereit ist. Nachlassendes Kurzzeitgedächtnis kann dazu führen, dass frühere Erinnerungen stärker in den Vordergrund treten. Ausgesprochene und anerkannte schmerzhafte Gefühle können schwächer werden, ignorierte Gefühle hingegen stärker.

Ein Tanz, kein Verhör

Angehörige müssen sich an die betroffene Person anpassen, nicht umgekehrt. Nachum verglich das mit einem Tanzpartner, der führt, während man sich dessen Rhythmus anpasst. Menschen mit kognitiven Einschränkungen seien oft besonders sensibel für Emotionen. Liebe, Schutz und ein Sinn im Leben gehören laut Nachum zu den zentralen menschlichen Grundbedürfnissen. Pflegebedürftige können diese Bedürfnisse häufig nicht mehr selbst erfüllen. Angehörige und andere Begleiter können dabei helfen.

Senioren sollten weiterhin Aufgaben bekommen und das Gefühl behalten, gebraucht und gehört zu werden. Nachum warb dafür, Menschen mit ihren Geschichten und Erfahrungen wahrzunehmen – und ihnen wirklich zuzuhören. Das klingt unspektakulär. In einem hektischen Pflegealltag ist es das keineswegs.

Validation kennt vier Kommunikations- und Verhaltensweisen, keine medizinischen Demenzstadien. Nicht jeder Mensch durchläuft alle Phasen, die Übergänge sind fließend und können sich sogar im Tagesverlauf verändern:

  • Mangelhafte, oft unglückliche Orientierung: Die Person ist teilweise orientiert, hält an Regeln und Gewohnheiten fest und leugnet Gedächtnisprobleme. Ängste können auf andere projiziert werden, etwa in Form von Diebstahlsbeschuldigungen. Zentrieren, sachliche W-Fragen, Umformulieren, Erinnern und das Ansprechen bevorzugter Sinneswahrnehmungen können helfen. Körperlicher Abstand und wenig Berührung sind eher passend.
  • Zeitverwirrtheit: Der Bezug zur Gegenwart nimmt ab, die Person lebt zunehmend in der Vergangenheit. Gefühle werden oft direkter ausgedrückt; es geht etwa um verstorbene Eltern, frühere Arbeit oder frühere Aufgaben. Berührung, Augenkontakt, eine ruhige tiefe Stimme, Mehrdeutigkeit, Bedürfnisse und Musik können Brücken bauen.
  • Sich wiederholende Bewegungen: Sprache tritt in den Hintergrund. Klopfen, Wischen, Wiegen, Summen oder andere Laute werden zum Ausdruck. Spiegeln, Berührung, Augenkontakt, Musik und Singen können Verbindung schaffen.
  • Vegetieren: Die Person zieht sich weitgehend nach innen zurück, hält oft die Augen geschlossen und reagiert kaum sichtbar. Behutsame Berührung, vertraute Musik, eine ruhige Stimme und bloße Anwesenheit vermitteln Geborgenheit und das Gefühl, nicht allein zu sein.

Vor einem Gespräch kann es helfen, ruhig zu atmen und Ärger, Zeitdruck sowie eigene Sorgen kurz zurückzustellen. W-Fragen – wer, was, wo, wann und wie – laden zum Erzählen ein. Warum-Fragen verlangen hingegen oft eine logische Begründung und können Druck erzeugen. Beim Umformulieren wird der Kern einer Aussage mit eigenen Worten und ähnlichem Ton wiederholt. Fragen wie „Was ist das Schlimmste daran?“ oder nach Situationen, in denen ein Problem nicht auftritt, können weiterführen.

Auch biografische Erinnerungen, bevorzugte Sinneswahrnehmungen, Stimme und Blick spielen eine Rolle. Ruhig, freundlich und möglichst auf Augenhöhe sprechen, ehrlichen Augenkontakt halten. Eine Berührung an Wange, Schulter oder Nacken kann ein Anker sein – aber nur behutsam und niemals gegen den Willen der Person. Bei Ablehnung wird sie sofort zurückgenommen. Bei unverständlichen Aussagen kann man mit Begriffen wie „er“, „es“ oder „das“ im Gespräch bleiben, ohne Verständnis vorzutäuschen. Körperhaltung, Bewegungsrhythmus, Atmung oder Mimik dürfen vorsichtig gespiegelt werden, nicht nachäffend.

Die Beispiele aus der Praxis sind manchmal schmerzhaft klar: Bei einer Diebstahlsbeschuldigung können Fragen nach dem letzten Gebrauch, dem Inhalt der Geldbörse und der größten Sorge zeigen, dass dahinter die Angst vor dem Verlust der Selbstständigkeit steckt. Wartet eine Frau auf ihren Vater aus dem Bergwerk, können Erinnerungen an seine Arbeit und ihre Versorgung aufgegriffen und mit einer sinnvollen Tätigkeit verbunden werden. Bei Abwehr beim Anziehen helfen das Benennen von Scham und Kontrollverlust sowie eigene Handlungsschritte. Wiederholtes Klopfen lässt sich mit rhythmischem Spiegeln, biografischem Wissen und einem vertrauten Lied aufnehmen.

Musik, Bewegung und vertraute Abläufe

Bewegung kann Stress reduzieren. Vertraute Musik wirkt beruhigend; Nachum sagte dazu: „Musik kann nicht dement werden.“ Bekannte Lieder können Glückshormone fördern und Angstbotenstoffe verringern. Als Geschenkidee für die Weihnachtszeit empfahl sie Lieblingsmusik aus früheren Lebensphasen – ein alter Ton, ein Refrain, und plötzlich ist da wieder etwas Vertrautes.

Bei Menschen mit fortschreitenden Veränderungen, die in einem Pflegeheim leben, kann es sinnvoll sein, Weihnachten dort zu feiern. So bleiben vertraute Abläufe erhalten. Auch in einer sehr späten Phase können sanfte Berührung, vertraute Musik und bloße Anwesenheit Sicherheit vermitteln.

Validation wird in stationären Demenz-Wohnbereichen, in der Tagespflege, der ambulanten Demenzbetreuung, der palliativen Demenzpflege, auf gerontopsychiatrischen Stationen und in der Beratung pflegender Angehöriger eingesetzt. Die Weiterbildung zum Validation-Anwender umfasst einen zehntägigen Grundkurs. Validation-Lehrer absolvieren eine mehrjährige Ausbildung mit Zertifizierung durch das Validation Training Institute.

Verwandte Ansätze sind die Integrative Validation nach Nicole Richard, die seit den 1990er-Jahren in Deutschland verbreitet ist und aktuelle Gefühle und Antriebe benennt, ohne tiefenpsychologische Deutung. Basale Stimulation arbeitet mit Berührung, Bewegung und Sinnesreizen und kann besonders in späten Demenzphasen ergänzend eingesetzt werden. Biografiearbeit hilft, frühere Erfahrungen zu verstehen; Aktivierung und Beschäftigung sorgen unabhängig von belastenden Situationen für positive Alltagserlebnisse.

Keine Methode für jeden Notfall

Validation bestätigt keine falschen Tatsachen und ist kein Trick, um Menschen schneller zum Waschen, Essen oder Mitmachen zu bewegen. Plötzliche Verhaltensänderungen können körperliche Ursachen haben – Schmerzen, Infektionen, Verstopfung, Austrocknung oder Medikamentennebenwirkungen. Ein akuter Verwirrtheitszustand, ein Delir, ist ein medizinischer Notfall. Auch plötzliche Ess- oder Trinkverweigerung muss ärztlich abgeklärt werden. Bei Halluzinationen soll die Angst ernst genommen werden, ohne den Inhalt zu bestätigen.

Die Methode ersetzt weder Sicherheitsmaßnahmen, etwa bei nächtlicher Weglaufgefahr, noch medizinische Abklärung oder professionelle Entlastung. Dauerbelastung kann die Fähigkeit zur ruhigen Kommunikation einschränken. Kostenlose Pflegekurse nach § 45 SGB XI, Alzheimer-Gesellschaften, Demenz-Netzwerke, Beratungsstellen und Volkshochschulen bieten Unterstützung. Zertifizierte Ausbildungen richten sich überwiegend an Pflege- und Betreuungskräfte. Medizinische Behandlungspflege bleibt Aufgabe eines ambulanten Pflegedienstes.

Alle beteiligten Pflege- und Betreuungspersonen sollten möglichst einheitlich vorgehen und biografische Informationen sowie hilfreiche Formulierungen austauschen. Bei nächtlicher Unruhe, Weglaufgefahr, wachsender Pflegebedürftigkeit und dauerhafter Überlastung ist professionelle Hilfe sinnvoll. Validation hält den Demenzverlauf nicht auf und ist kein Heilmittel. Eine Cochrane-Übersicht aus dem Jahr 2003 untersuchte drei randomisierte Studien mit insgesamt 116 Teilnehmenden; die Daten reichten nicht aus, um die Wirksamkeit sicher zu beurteilen. Zwei Studien zeigten einzelne positive Effekte, konnten aber nicht zusammengeführt werden.

Befürworter sehen Validation vor allem als Haltung und Kommunikationsform, deren Nutzen schwer mit klassischen Studien zu messen ist. In Pflegepraxis und Ausbildung ist sie weit verbreitet. Die S3-Leitlinie Demenzen betont allgemein psychosoziale Interventionen und personenzentrierte Betreuung. Die Arbeit von Naomi Feil ist weltweit verbreitet, die Methode wird in der Pflege ebenso eingesetzt wie in der Beratung von Familien – gerade dort, wo ein Gespräch manchmal nur noch aus Blicken, einem Summen und einer Hand auf der Schulter besteht.

Weitere Informationen und Tipps enthält das Buch „Verbunden bleiben bei Demenz“ von Hildegard Nachum und Ulrike Zika, das im August 2026 erschienen ist.