Kufstein als Testfeld für Europas Drohnenzukunft
Heute, am 30.10.2026, hat Staatssekretär Jörg Leichtfried aus dem österreichischen Innenministerium die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Kufstein Tirol (HOK) besucht. In Kufstein ging es um Ausbildungskonzepte und Forschungsprojekte für die unbemannte Luftfahrt – und um die Frage, wie sich Drohnen sicher in den Luftraum integrieren lassen.
Im Mittelpunkt standen der englischsprachige Bachelorstudiengang „Drone Engineering“, Testaufbauten im Mobility Labor und das Vicon Indoor Drone Lab. Rektor Mario Döller stellte die technologischen Schwerpunkte der Hochschule vor, darunter autonome Drohnenschwärme und alternative Energiekonzepte.
Zwischen Forschung und Sicherheitsfragen
Leichtfried thematisierte die wachsenden sicherheitspolitischen Herausforderungen. Der Schutz vor missbräuchlich eingesetzten unbemannten Flugsystemen wird dringlicher, während Drohnen zugleich längst in zivilen und industriellen Bereichen ankommen. Regionale und internationale Unternehmenspartner sowie Einsatzorganisationen präsentierten in Kufstein ihre Anwendungsbereiche.
Vertreten waren unter anderem VOERE als Anbieter von Drohnenabwehrsystemen, TWINS und Deep Blue Aviation als Hersteller spezialisierter Fluggeräte sowie der Bezirksfeuerwehrverband Kufstein. Zusätzlich wurden Fragen zur digitalen Luftraumorganisation U-Space besprochen. Der Begriff klingt sperrig, dahinter steckt aber eine praktische Aufgabe: Drohnen und künftig auch Fluggeräte mit Senkrechtstart und -landung sollen sich sicher und geordnet bewegen können.
In einem abschließenden Arbeitsgespräch zwischen Hochschule, Industrie und Innenministerium ging es um künftige Schnittstellen für den Wissenstransfer und um die Ausbildung von Fachkräften. Der Ausbau entsprechender Forschungskapazitäten an Fachhochschulen steht im Zusammenhang mit dem steigenden Bedarf an spezialisierten Ingenieuren und Sicherheitskonzepten in Europa.
Der Weg vom akademischen Testaufbau in den regulierten Luftraum ist allerdings mit mehreren Hürden gepflastert: strenge europäische Zulassungsvorgaben der EASA, ungeklärte Haftungsfragen und unklare Datenschutzrahmen. Diese Faktoren erschweren die kommerzielle und behördliche Nutzung autonomer Systeme außerhalb von Testfeldern. Gerade deshalb braucht es bei der Bekämpfung von Gefahren durch unregulierte oder feindliche Drohnen eine enge Zusammenarbeit zwischen Forschungseinrichtungen und Sicherheitsbehörden.
Regeln für Drohnen und VTOL-Flugzeuge
Die Technologien für Drohnen und Flugzeuge mit Senkrechtstart und -landung, kurz VTOL, entwickeln sich weiter. Die EASA hat in Europa Regeln für Flugdrohnen und VTOL-Flugzeuge festgelegt. Sie bestimmen, wie diese Luftfahrzeuge konzipiert, hergestellt und betrieben werden dürfen. Zusätzlich sollen Regeln und Standards für den speziellen Luftraum „U-Space“ festgelegt werden, damit der Betrieb von Drohnen und VTOL-Flugzeugen in Europa sicher funktioniert.
Damit unterstützt die EASA innovative Luftmobilität mit Drohnen und VTOL-Flugzeugen. Die Behörde stellt außerdem Informationen zum sicheren, nachhaltigen und umweltfreundlichen Drohnenbetrieb bereit und informiert über den Schutz der Privatsphäre. Auf dem EASA-YouTube-Kanal finden sich Videos zu Modellflugzeugbau, geografischen Drohnenzonen, Drohnenbetrieb aus der Ich-Perspektive (FPV) und zum Reisen mit Drohnen.
Mit dem wachsenden Markt für zivile und militärische Drohnenabwehr müssen Ministerien und Sicherheitskräfte regulatorische und technische Standards fortlaufend an die technologische Entwicklung anpassen. Was heute noch im Labor surrt, kann morgen schon über einem Betriebsgelände, einem Bahnhof oder einer Grenze auftauchen.
EU plant umfassenden Aktionsplan
Drohnen spielen in Wirtschaft und Gesellschaft eine wichtige Rolle. Sie erreichen unzugängliche Gebiete, sammeln Echtzeitdaten für Landwirtschaft, Bauwesen und Energie und können Logistik und Transport effizienter machen. Gleichzeitig sieht die Europäische Union wachsende Herausforderungen durch Drohnen und meteorologische Ballons: feindliche Überflüge und Luftraumverletzungen, Störungen an Flughäfen sowie Risiken für kritische Infrastruktur, Außengrenzen und den öffentlichen Raum.
Die Europäische Kommission legte deshalb einen EU-Aktionsplan für Drohnen und Drohnenabwehr vor. Anlass waren die wachsenden Herausforderungen sowie Forderungen der Mitgliedstaaten und des Europäischen Parlaments nach einem einheitlichen EU-Ansatz. Der Schwerpunkt liegt auf der zivilen inneren Sicherheit. Der Plan ergänzt die Arbeiten der Kommission im Verteidigungsbereich und soll zivil-militärische Synergien stärken.
Unterstützt werden sollen die Mitgliedstaaten bei vier Prioritäten: der Verbesserung der Abwehrbereitschaft, der Stärkung der Aufdeckungskapazitäten, der Koordinierung der Reaktionen und der Stärkung der Verteidigungsbereitschaft der EU.
Mehr Produktion, bessere Erkennung
Vorgesehen ist ein neuer Ansatz für technologische Entwicklung und schnellere industrielle Produktion. Geplant sind Investitionen zur Ausweitung der Produktion von Drohnen und Gegendrohnensystemen, ein Drohnen-Sicherheitspaket 2026 zur verbesserten Identifizierung und Registrierung ziviler Drohnen sowie Risikobewertungen, um Hochrisikoanbieter bei der Entwicklung eines Sicherheitsinstrumentariums für Drohnen und Gegendrohnen zu vermeiden.
Hinzu kommen ein „vertrauenswürdiges“ EU-Drohnenetikett für sichere Geräte, ein Industrieforum für zivile und verteidigungspolitische Akteure sowie Technologieanbieter und der Aufbau eines EU-Exzellenzzentrums für Drohnenabwehr zur Verbesserung der Testkapazitäten.
Auch die Erkennung böswilliger Drohnen soll besser werden. Sie sollen zuverlässiger erkannt, verfolgt und identifiziert werden, damit ein Lagebild entsteht, das zwischen legitimen und feindlichen Drohnen unterscheiden kann. Die Kommission will dazu eine Aufforderung zur Interessenbekundung für Mitgliedstaaten und Industrie veröffentlichen.
Praktisch getestet und eingesetzt werden soll die zellulare Erkennung, einschließlich der Nutzung von 5G-Antennen als Radargeräte. 5G-Netzwerke sollen eine präzise Echtzeitverfolgung fliegender Objekte ermöglichen. Die Daten könnten zu einer einheitlichen Luftlageanzeige zusammengeführt werden. Geplant sind außerdem Unterstützungssysteme für diese Anzeige, die Integration relevanter Daten zur Identifizierung legitimer Drohnen und die Prüfung einer EU-Plattform zur Überwachung von Drohnenvorfällen.
Reaktion, Grenzen und Verteidigung
Grundsätzlich bleiben die Mitgliedstaaten für die Reaktion auf Drohnenbedrohungen zuständig. Die EU soll diese Maßnahmen unterstützen und koordinieren. Vorgesehen sind eine Drohnenabwehrinitiative zum Schutz kritischer Infrastruktur und der EU-Außengrenzen sowie ein Aufruf zur Überwachung von Land- und Seegrenzen mit einem Umfang von 250 Millionen Euro.
Außerdem sollen eigene Dual-Use-KI-Systeme für Führung und Kontrolle entwickelt, eine Machbarkeitsstudie für einen EU-Rechtsrahmen zur Drohnenabwehr erstellt und Notfallteams für schnelle Gegendrohnenmaßnahmen geprüft werden. Geplant sind jährliche groß angelegte Drohnensicherheitsübungen auf EU-Ebene. Frontex soll beim verstärkten Einsatz von Drohnen zur Grenzüberwachung unterstützt werden, unter anderem durch gemeinsame Operationen, Drohnen- und Gegendrohnenpiloten sowie Live-Demonstrationen.
Der Aktionsplan ergänzt die militärischen Bemühungen der Mitgliedstaaten durch Innovation und industrielle Zusammenarbeit. Dazu gehört auch die Sicherung der Versorgung mit kritischen Rohstoffen. Vorgesehen sind eine verstärkte Unterstützung beim Ausbau europäischer Drohnen- und Drohnenabwehrfähigkeiten, die schnellere Entwicklung kostengünstiger Drohnen- und Gegendrohnentechnologien sowie die Beschleunigung der industriellen Fertigung verteidigungsfähiger Technologien.
Geplant ist außerdem der Start einer EU-Drohnenallianz mit der Ukraine zur Entwicklung eines industriellen Ökosystems für Drohnen- und Gegendrohnensysteme der nächsten Generation. Der Aktionsplan baut auf der Mitteilung von 2023 zur Abwehr potenzieller Drohnenbedrohungen und auf der Drohnenstrategie 2.0 für einen wettbewerbsfähigen und sicheren europäischen Drohnenmarkt auf. Nationale Maßnahmen sollen durch koordinierte EU-Aktivitäten ergänzt werden. Der Artikel der Europäischen Kommission wurde zuletzt am 12. Februar 2026 aktualisiert.
In Kufstein treffen damit Ausbildung, Forschung, Einsatzpraxis und europäische Regulierung aufeinander. Im Mobility Labor stehen Testaufbauten, im Vicon Indoor Drone Lab werden Flugbewegungen kontrolliert, und außerhalb der Hochschule warten EASA-Vorgaben, Datenschutz- und Haftungsfragen sowie ein immer dichteres Sicherheitsnetz. Die Rotoren drehen weiter – nur der Rahmen, in dem sie das dürfen, wird deutlich größer und komplizierter.
