In Raumberg-Gumpenstein rücken Landwirtschaft und Veterinärmedizin enger zusammen. Die HBLFA Raumberg-Gumpenstein und die Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni) haben am 28. Oktober 2026 ihre vertiefte Zusammenarbeit vorgestellt und mit einer Kooperationsvereinbarung formal besiegelt. Bei der Pressekonferenz waren Vertreter aus Forschung, Landwirtschaft und Politik ebenso dabei wie praktizierende Tierärzte.

Im Mittelpunkt steht die Einrichtung einer Vetmeduni-Außenstelle an der HBLFA in der Steiermark. Sie soll Tiergesundheit und Tierwohl stärken, Forschung, Ausbildung und Praxis verbinden und die tierärztliche Versorgung im ländlichen Raum absichern. Angestrebt wird außerdem ein Kompetenznetzwerk, das Landwirtschaft, Forschung, Lehre und veterinärmedizinische Praxis miteinander verknüpft.

Praxisluft für Studierende

Für Studierende bedeutet der neue Standort mehr unmittelbaren Kontakt mit landwirtschaftlicher Forschung, Nutztierhaltung und Großtiermedizin. Auch praktizierende Tierärzte sollen in die Ausbildung eingebunden werden und Einblicke in ihren Berufsalltag geben. Für Absolventinnen und Absolventen der HBLFA soll der Zugang zum Veterinärmedizin-Studium erleichtert werden.

„Die Herausforderungen in der Nutztierhaltung werden komplexer“, erklärte HBLFA-Direktor Johann Gasteiner. Zukunftsfähige Lösungen könnten nur dort entstehen, wo Forschung, Ausbildung und Praxis eng zusammenspielen. Die Kooperation baut auf einer langjährigen Partnerschaft sowie gemeinsamen Forschungs- und Bildungsprojekten auf und soll den Wissenstransfer in die landwirtschaftliche Praxis beschleunigen.

Vetmeduni-Rektor Matthias Gauly verwies auf die Bedeutung attraktiver Ausbildungsangebote außerhalb der Städte. Der frühe Kontakt mit der landwirtschaftlichen Praxis könne Studierende für die Nutztiermedizin und eine spätere Tätigkeit im ländlichen Raum gewinnen. Genau dort fehlt es zunehmend an Nachwuchs.

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Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner hob die engere Verbindung von veterinärmedizinischer Ausbildung, Forschung und landwirtschaftlicher Praxis hervor. Christian Kasper vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft bezeichnete die Partnerschaft im Namen von Bundesminister Norbert Totschnig als Modell für die Vernetzung von Bildung, Wissenschaft und Praxis. Die Sicherung der tierärztlichen Versorgung sei auch ein Anliegen des Landwirtschaftsministers.

Versorgung als Herausforderung

Landesrätin Simone Schmiedtbauer betonte die Bedeutung einer flächendeckenden tierärztlichen Versorgung für die steirische Landwirtschaft. Tiergesundheit sei eine Grundlage für landwirtschaftliche Familienbetriebe und die Produktion hochwertiger Lebensmittel. Angesichts von Tierseuchen und neuen Krankheitserregern seien tierärztliche Betreuung und Vorsorgemaßnahmen besonders wichtig.

Unterstützt werden auch Maßnahmen an Standorten in Tirol und Oberösterreich. Die Außenstelle in Raumberg-Gumpenstein soll den Forschungs- und Ausbildungsstandort Steiermark stärken. Gemeinsame Ziele von Vetmeduni und HBLFA sind die Förderung von Innovationen, die rasche Übertragung von Forschungsergebnissen in die Praxis, die Weiterentwicklung der tierärztlichen Ausbildung und die nachhaltige Unterstützung landwirtschaftlicher Betriebe.

Das österreichweit einzigartige Kompetenzzentrum für Tiergesundheit und nachhaltige Nutztierhaltung in Raumberg-Gumpenstein soll dadurch weiter ausgebaut werden. Die Verbindung von wissenschaftlicher Expertise, praxisnaher Ausbildung und angewandter Forschung soll neue Perspektiven für die Tiergesundheit und für die Ausbildung künftiger Tierärztinnen und Tierärzte schaffen.

Warum am Land Tierärzte fehlen

Wie dringend das ist, zeigt der Blick auf den Alltag vieler Betriebe: Bei schwierigen Kalbungen oder Krankheitsausbrüchen in Schweinebeständen wird der rasche Zugang zu Tierärzten immer schwieriger. Österreich bildet im europäischen Vergleich zwar ausreichend Tierärztinnen und Tierärzte aus, ihre Gesamtzahl steigt sogar. Viele Absolventinnen und Absolventen arbeiten danach jedoch in städtischen Kleintierpraxen statt im Nutztierbereich.

Für Regionen mit vielen landwirtschaftlichen Betrieben wird das zum Engpass. Eine Prognose der Tierärztekammer aus dem Jahr 2024, an der der Simulationsforscher Niki Popper beteiligt war, erwartet eine Verschärfung der Versorgungslücke. Trotz steigender Tierarztzahlen bleibt das verfügbare Tätigkeitsausmaß bei wachsender Nachfrage gleich. Im Nutztierbereich sinken sowohl die Zahl der praktizierenden Tierärzte als auch das verfügbare Arbeitsvolumen.

  • Bis 2027 könnten 32 bis 55 Nutztierärzte fehlen.
  • Bis 2032 werden 85 bis 120 fehlende Nutztierärzte erwartet.
  • Bis 2037 könnte die Lücke auf 90 bis 140 Nutztierärzte anwachsen.

Derzeit arbeiten in Österreich rund 700 Nutztierpraktiker. Damit könnte künftig etwa jeder fünfte fehlen. Eine bevorstehende Pensionierungswelle verschärft die Lage zusätzlich: Viele praktizierende Nutztierärzte stehen kurz vor dem Ruhestand, Nachfolger sind oft nicht in Sicht.

Junge Tierärztinnen und Tierärzte bevorzugen zunehmend angestellte Tätigkeiten in größeren Praxen oder Kliniken. Die klassische Einzelpraxis am Land verliert an Attraktivität – wegen unregelmäßiger Arbeitszeiten, Nacht- und Wochenenddiensten sowie der hohen Verantwortung im Notdienst. Viele Studierende interessieren sich zunächst für Wiederkäuer- und Pferdemedizin, wechseln später aber in die besser planbare Kleintierpraxis. Bessere Arbeitsbedingungen, verlässlichere Arbeitszeiten und attraktivere Karriereperspektiven geben dabei den Ausschlag.

Die Landwirtschaftskammer sieht deshalb vor allem die Rahmenbedingungen nach dem Studium als Problem, nicht die Zahl der Studienplätze. Die Landwirtschaftskammer Oberösterreich fordert stärkere finanzielle Anreize für Landpraxen, eine bessere Absicherung von Bereitschaftsdiensten, Unterstützung bei Praxisgründungen und Praxisübernahmen, mehr Praxisorientierung in der Ausbildung sowie eine stärkere regionale Bindung während des Studiums.

Bund, Länder und die Veterinärmedizinische Universität Wien sollen diese Maßnahmen gemeinsam umsetzen. Die neue Außenstelle in Raumberg-Gumpenstein setzt dabei schon während der Ausbildung an – zwischen Stall, Forschung und Hörsaal, mit kurzen Wegen und hoffentlich auch mit mehr jungen Leuten, die sich für den Beruf am Land entscheiden.