Österreichs Film zwischen Kriminalfall, Sissi und Avantgarde
In Perg trifft ein Kriminalfall auf eine ungewöhnliche Besetzungsliste: Murathan Muslu spielt Peter Perg, Max von der Groeben den Kommissar Paul Severin, Liv Lisa Fries ist als Dr. Theresa Körner zu sehen. Dazu kommen Marc Limpach als Polizeirat Victor Renner, Timo Wagner als Oberleutnant Krainer und Aaron Friesz als Kovacs. Der Stoff führt in eine Welt von Ermittlungen, Dienstwegen und Figuren, deren Namen schon nach einem ziemlich langen Abend im Wachzimmer klingen.
Mit dabei sind außerdem Stipe Erceg als Bauer, Trystan Pütter als Rudolf Gerster, Germain Wagner als Graf von Starkenberg, Matthias Schweighöfer als Josef Severin, Milton Martins als Captain und Margarete Tiesel als Hausmeisterin Subotic. Nilton Martins übernimmt die Rolle des Kapitäns, Peter Moucka spielt Steiner, Miriam Fontaine Anna Perg und Jeanne Werner die Brandweinhure.
Viele Gesichter rund um Peter Perg
Die weitere Besetzung: Konstantin Rommelfangen als Sesta, Maximilien Jadin als Hoffmann sowie Maximillien Jadin als Gert Hoffmann, Marlene Pribil als Marlene Perg, Al Ginter als Oberkellner, Mö Sbiri als Zuhälter Brandweinhalle und Tom Hanslmaier als Oberst Bernfeld. Lukas Walcher ist Heresmaty, Andreas Ortner ein Gentleman, Nadiv Molcho ein Zionist, Leon Baumgartner ein Zeitungsjunge und Christoph Bittenauer ein Kellner.
Amar Kulenovic spielt einen Kriegsgefangenen, Kangjing Qiu einen Opiumhändler und Andreas Radlherr den Polizisten Wiental. Schon diese Aufzählung macht klar: Hier stehen nicht nur die großen Namen im Mittelpunkt. Es ist ein dicht bevölkertes Figurenensemble, in dem neben Polizei und Adel auch Wirtshaus-, Hafen- und Straßenmilieus auftauchen.
Ein Blick auf „Der Trafikant“
Ganz anders gelagert ist das Drama „Der Trafikant“ aus dem Jahr 2018. Regie führte Nikolaus Leytner, in den Hauptrollen spielen Simon Morzé und Bruno Ganz. Die Handlung spielt Ende der 1930er Jahre in Wien: Der junge Lehrling Franz arbeitet in einer Trafik, also in einem österreichischen Tabak- und Gemischtwarenladen.
Dort lernt Franz den betagten Stammkunden Sigmund Freud kennen. Gleichzeitig verliebt er sich in die Varietétänzerin Anezka. Bei Freud sucht er Rat in Liebesfragen – ausgerechnet bei einem Mann, der selbst kein Experte im Umgang mit Frauen ist. Das hat etwas Komisches, aber auch etwas Unbeholfenes, wie ein Gespräch hinter dem Trafikpult, während draußen die Stadt immer unruhiger wird.
Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Robert Seethaler aus dem Jahr 2012. Das Drehbuch schrieb Klaus Richter, produziert wurde „Der Trafikant“ von der Münchner Produktionsfirma Glory Film.
Österreichs Film zwischen Wiederaufbau und Fernsehen
Ein Blick in die österreichische Filmgeschichte zeigt, wie schwierig die Bedingungen nach 1945 waren. Nachkriegszerstörungen, Armut, Hunger, fehlendes Personal, Kohle- und Rohfilmmangel sowie Stromausfälle erschwerten den Wiederaufbau der Filmindustrie. Viele Ateliers, Kinos, Gebäude und Straßen waren zerstört. Bis 1955 brauchte jede Filmproduktion eine Lizenz der jeweiligen Besatzungsmacht.
Zunächst fehlte auch die dramaturmatische Orientierung. Häufig wurden erfolgreiche Filme der 1930er-Jahre nachgeahmt. Zwar entstanden Filme über Krieg und Antisemitismus, ein breites Publikum erreichten sie meist nicht. Willi Forst sprach Ende 1947 sogar von einem „Fiasko des Wiener Films“. Acht während der NS-Zeit produzierte oder begonnene Filme wurden nach 1945 als sogenannte „Überläufer“ fertiggestellt.
Die beschlagnahmte Wien-Film wurde unter alliierter Kontrolle weitergeführt. Die Studios in Sievering und Schönbrunn sowie der Firmensitz kamen zur amerikanischen Besatzungszone. Die Rosenhügel-Studios in der sowjetischen Zone wurden als „Wien-Film am Rosenhügel“ innerhalb der USIA betrieben. Nach dem Abzug der Alliierten gingen die Rosenhügel-Studios an die staatliche Wien-Film; 1966 wurden fast alle Wien-Film-Studios – ausgenommen die Atelieranlagen in Simmering – an den ORF übertragen.
Neu- beziehungsweise wiedergegründet wurden unter anderem Sascha-Film, Belvedere-Film und die Neue Wiener Filmproduktionsgesellschaft in Wien, die ÖFA in Salzburg 1947, Alpin-Film-Austria in Graz 1949, Bergland-Film in Wels 1953 und Epo-Film 1954. Epo-Film war die einzige dieser Firmen, die weiterhin Spielfilme produzierte. Österreich war in den 1950er-Jahren ein günstiger Drehort für bundesdeutsche Produktionen; mehrere österreichische Regisseure und Schauspieler gingen in die Bundesrepublik.
Der Auslandsexport war zunächst schwierig, in die Schweiz gelang er problemlos. Nach Deutschland war der Export 1946 fast unmöglich und besserte sich ab 1947. Ab 1948 galt eine jährlich neu zu verhandelnde Einfuhrquote für österreichische Filme nach Westdeutschland im Verhältnis 1:4 zugunsten deutscher Produktionen. Die starke Abhängigkeit vom deutschen Markt führte dazu, dass österreichische Produzenten ihre Filme häufig nach den Vorgaben deutscher Verleiher gestalteten.
Die Produktionszahlen abendfüllender Tonspielfilme schwankten deutlich: 1946 entstanden zwei, 1947 dreizehn, 1948 und 1949 jeweils 25, 1950 siebzehn, 1951 28, 1952 19, 1953 28, 1954 22 und 1955 wieder 28 Filme. Die erste Nachkriegslizenz erhielt Marte Harell 1946 für „Glaube an mich“, eine Heimatfilm-Komödie von Géza von Cziffra nach einem Drehbuch von Kurt Nachmann. Der Film war der erste österreichische Nachkriegsfilm, der in Deutschland gezeigt wurde.
Heimatfilm, Monarchie und der lange Schatten der Geschichte
Das Motiv eines österreichischen Wiederaufbaus beziehungsweise einer „Wiederauferstehung“ tauchte in mehreren Produktionen auf. „Die Welt dreht sich verkehrt“ war der erste Hans-Moser-Film nach 1945; Regie führte J. A. Hübler-Kahla. Besonders viele filmische Biografien entstanden in der Nachkriegszeit: „Seine einzige Liebe“ (1947) über Franz Schubert, „Singende Engel“ (1947) über Joseph Haydn und „Der Komödiant von Wien“ (1954) über Alexander Girardi.
Der große Publikumserfolg „Der Hofrat Geiger“ (1947) von Willi Forst und Paul Hörbiger spielte in der Wachau und warb zugleich für den Fremdenverkehr. Das Lied „Mariandl“, gesungen von Waltraut Haas, wurde auch als Schallplatte erfolgreich. Bis zum 30. April 1951 erreichte der Film in österreichischen Kinos 2,55 Millionen Besucher. 1948 debütierte Franz Antel mit „Das singende Haus“, später folgten unter anderem „Eva erbt das Paradies“ (1951) und „Verliebter Sommer“.
Der letzte „Überläufer“, Willi Forsts Operettenfilm „Wiener Mädeln“, wurde 1949 fertiggestellt und veröffentlicht. Bei Drehbeginn war er der erste Farbfilm der Wien-Film. Das österreichische Filmspektrum reichte von Theaterkomödien, bäuerlichen Schwänken und Wiener Musikkomödien über Fremdenverkehrsfilme, Biografien und Literaturverfilmungen bis zu Dokumentarfilmen.
International machte der britische Film „Der dritte Mann“ (1950) Wien bekannt. Produzent war Alexander Korda, das Drehbuch stammte von Graham Greene; Joseph Cotten und Orson Welles spielten neben österreichischen Darstellern. Von 1950 bis 1954 entstanden jährlich zwei Operettenverfilmungen, unter anderem nach Werken von Edmund Eysler, Jara Beneš, Leo Fall, Robert Stolz, Fred Raymond, Carl Zeller und Johann Strauss. Zu den bekannten Mitwirkenden gehörten Elfie Mayerhofer, Curd Jürgens, Paul Hörbiger, Johannes Heesters, Waltraut Haas und Hannerl Matz.
1955 wurde Mozarts „Don Juan“ mit Cesare Danova, Josef Meinrad und Marianne Schönauer verfilmt. Ernst Marischka versuchte 1953 mit „Du bist die Welt für mich“ über Richard Tauber, den Sängerfilm wiederzubeleben; 1954 folgte „König der Manege“. In der ersten Hälfte der 1950er-Jahre erreichten Musik- und Reisekomödien ihren Höhepunkt und wurden trotz Kritik beim Publikum stark angenommen.
Wichtige Regisseure waren Franz Antel, Alfred Stöger, Hubert Marischka, Harald Reinl, Gustav Ucicky, Hans Schott-Schöbinger, Alfred Lehner und Alfons Stummer. Heimat- und Reisekomödien handelten häufig von Verwechslungen, Zufällen und Liebesgeschichten im Leben durchschnittlicher Österreicher. Johanna Matz wurde durch „Zwei in einem Auto“, „Die Försterchristel“, „Hannerl“ und „Die Perle von Tokay“ zum Filmstar.
Die Schönbrunn-Film produzierte Anfang der 1950er-Jahre Komödien mit Paul Hörbiger, darunter „Hallo Dienstmann“, „Der alte Sünder“ und einen Film über die Volkssängerin Fiakermilli. Andere Genres blieben selten: etwa die Kriminalfilme „Arlberg-Express“ (1948) und „Prämien auf den Tod“ (1949) oder der Märchenfilm „Liebling der Welt“ (1949).
Auch Dokumentarfilme setzten Akzente. 1951 entstanden „Das Salzburger Welttheater“ von Max Zehenthofer und „Abenteuer im Roten Meer“ von Hans Hass. Hass erhielt dafür in Venedig den Preis für den besten abendfüllenden Dokumentarfilm. Albert Quendler drehte 1955 in Afrika mit einheimischen Laiendarstellern den Dokumentar-Spielfilm „Omaru“; 1952 hatte er mit „Symphonie Wien“ einen experimentellen Dokumentarfilm vorgelegt.
Die Bundesregierung finanzierte 1952 den Science-Fiction-Film „1. April 2000“, der die österreichische Unabhängigkeit und die Rolle der Alliierten thematisierte. Die österreichische Unabhängigkeit wurde nicht 48, sondern drei Jahre später tatsächlich wiederhergestellt; eine Wirkung des Films ist nicht belegt.
Die Vergangenheitsbewältigung blieb im Nachkriegsfilm von geringer Bedeutung. Eduard Hoeschs „Der weite Weg“ (1946) behandelte die Lebensbedingungen und Schicksale von Kriegsheimkehrern, verband dies aber mit typischen Heimatfilm-Elementen. G. W. Pabsts „Der Prozeß“ (1948) thematisierte den latenten Antisemitismus in einem ungarischen Dorf des Jahres 1882 und stieß beim Publikum auf wenig Interesse. Pabsts „Der letzte Akt“ (1955) behandelte die letzten Tage Adolf Hitlers. „Das andere Leben“ von Rudolf Steinböck setzte sich ebenfalls mit der jüngsten politischen Vergangenheit auseinander, fand aber nur wenige Zuschauer.
Erfolgreicher war „Der Engel mit der Posaune“ (1948) mit Maria Schell, Hans Holt, Oskar Werner, Paula Wessely und Attila Hörbiger; der Film erhielt auch eine englische Fassung. Eduard von Borsodys „Die Frau am Weg“ (1948) behandelte den Widerstand gegen den Nationalsozialismus und gehörte zu den acht österreichischen Filmen, die 1948 offiziell in Deutschland gezeigt werden durften. Helmut Käutners „Die letzte Brücke“ (1954) war ein Antikriegsfilm über eine deutsche Ärztin bei jugoslawischen Partisanen. Maria Schell erhielt dafür in Cannes den Preis als beste Darstellerin.
Stärker als die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit war deren Verklärung, besonders in Monarchiefilmen. Hans Schott-Schöbingers „Erzherzog Johanns große Liebe“ wurde nach „Der Hofrat Geiger“ zum erfolgreichsten Nachkriegsfilm. Danach folgten „Kaiserwalzer“ (1953) von Franz Antel, „Der Feldherrnhügel“ (1953) von Ernst Marischka, „Kaisermanöver“ (1954) von Franz Antel, „Die Deutschmeister“ (1955) von Ernst Marischka, „Hofjagd in Ischl“ (1955) und „Der Kongreß tanzt“ von Franz Antel.
Ernst Marischkas „Sissi“ (1955) mit Romy Schneider und Karlheinz Böhm wurde international erfolgreich. Es folgten „Sissi – Die junge Kaiserin“ (1956) und „Sissi – Schicksalsjahre einer Kaiserin“ (1957). Romy Schneider wurde durch die Sissi-Rolle weltbekannt und später stark mit ihr identifiziert.
Vom Kinosaal zur Avantgarde
1956 erreichte die Spielfilmproduktion mit 37 Filmen einen Höchststand. 1957 waren es 26, 1958 23, 1959 19, 1960 20 und 1961 23. 1955 begann in Österreich der Probebetrieb des Fernsehens, ab 1957 gab es regelmäßigen Sendebetrieb an sechs Wochentagen. 1969 führte der ORF das Farbfernsehen ein, ab 1970 bestanden zwei vollwertige Programme.
Das Fernsehen verringerte die Kinonachfrage und zwang Filmproduzenten weltweit zu neuen Verkaufs- und Produktionstechniken. Cinemascope, Cinerama, 70-mm-Film, 3-D-Produktionen und aufwendige Großproduktionen waren internationale Antworten. Eine österreichische 3-D-Kamera von Walter Maier und Kurt Traum wurde nach wenigen Kurz- und Werbefilmen nicht weiter genutzt.
Österreichische Produzenten reagierten auf den Besucherrückgang vor allem mit der Wiederverwertung erfolgreicher Muster. Eigenproduktionen gingen zugunsten von Auftragsproduktionen zurück. Bei Verkäufen österreichischer Weltrechte an deutsche Vertriebe wurde Österreich beim Weiterverkauf teilweise nicht mehr als Ursprungsland genannt. 1958 endete die große Phase der Heimat- und Monarchiefilme.
In den 1960er-Jahren wurden ausländische Produktionsgesellschaften, Schauspieler und Regisseure engagiert, um erfolgreiche internationale Genres, etwa James-Bond-Filme, nachzuahmen. Gleichzeitig entwickelte sich der österreichische Avantgardefilm weiter, unter anderem durch Peter Kubelka und Kurt Kren. Kommerzielle Produktionen wurden seltener, Koproduktionen blieben wegen Österreichs fehlender EWG-Mitgliedschaft begrenzt. An moderne Filmbewegungen wie die französische Nouvelle Vague schloss Österreich nur teilweise an.
Die ÖFA produzierte von 1947 bis 1957 18 Filme, die in 21 Länder verkauft wurden. Sascha-Film stellte im selben Zeitraum 15 Filme her, die in 48 Ländern verkauft wurden. Die Erlöse österreichischer Filme in Deutschland sanken deutlich. 1956 erhielten Maria Schell und O. W. Fischer jeweils 1,2 Millionen Schilling, Curd Jürgens 900.000 und Nadja Tiller 450.000. Große Produktionsfirmen vermieden Neuerungen und blieben von deutschen Verleihern abhängig.
Heimatfilme wurden bei Schauplätzen, Dialekt und Besetzung auf das deutschsprachige Publikum abgestimmt. Nach dem Erfolg von „Echo der Berge“ (1954) entwickelte sich eine Heimatfilmwelle mit Berglandschaften, Liebesgeschichten und touristischer Wirkung. Zu den Nachahmern gehörten „Die Sennerin von St. Kathrein“ und „Heimatland“ (beide 1955). 1956 entstanden bereits sechs Heimatfilme; später wurde das Genre auf Monarchie-, See- und Weinbaugebiete ausgeweitet.
Bekannte Heimatfilme waren „Die Winzerin von Langenlois“ (1957), „Almenrausch und Edelweiß“ (1957), „Und ewig singen die Wälder“ (1959) und „Das Erbe von Björndal“ (1960). Die Überproduktion führte dazu, dass immer weniger Heimatfilme Gewinne erzielten. Ernstere Varianten waren „Der rote Rausch“ (1962) und „Der Weibsteufel“ (1966). Ab 1956 entstanden im Wiener Kabarett Parodien auf Heimatfilme, unter anderem von Georg Kreisler, Peter Wehle, Kurt Jaggberg und Helmut Qualtinger.
Operetten- und Musikfilme blieben zunächst erfolgreich: „Symphonie in Gold“ (1956), „Gasparone“ (1956), „Opernball“ (1956), „Im weißen Rössl“ (1960) sowie „Die Fledermaus“, „Hochzeitsnacht im Paradies“ und „Die lustige Witwe“ (1962). Peter Alexander war in mehreren dieser Filme Hauptdarsteller. Weitere volkstümliche Komödien waren „Ober, zahlen!“, „Hallo Taxi“, „Im schwarzen Rößl“, „Die Abenteuer des Grafen Bobby“, „Mariandls Heimkehr“, „Hochzeit am Neusiedlersee“ und „Liebesgrüße aus Tirol“.
Die Wiener Stadthalle begann 1961 mit der Produktion von Musikkomödien und Eisrevuefilmen. Insgesamt kosteten 25 Produktionen rund 100 Millionen Schilling. 1963 entstand „Das große Liebesspiel“ nach Schnitzlers „Reigen“; 1965 folgte „Das Liebeskarussell“ mit unter anderem Gert Fröbe, Catherine Deneuve, Curd Jürgens und Anita Ekberg.
Der US-Film „Meine Lieder – meine Träume“ („The Sound of Music“) wurde 1965 in Salzburg und anderen österreichischen Regionen gedreht und prägte international das Österreichbild. 1967 begann die Reihe der sogenannten „Wirtinnen-Filme“ mit „Susanne, die Wirtin an der Lahn“; bis 1973 folgten mehrere Fortsetzungen.
Kriminal- und Spionagefilme nahmen ab 1960 zu: „Frauen in Teufels Hand“ (1960), „Mann im Schatten“ (1961) als zugleich letzte ÖFA-Produktion, „Ein Alibi zerbricht“ (1963), Filme um Kommissar X und Tim Frazer, „Maskenball bei Scotland Yard“ (1963), „00Sex am Wolfgangsee“ und „Gern hab ich die Frauen gekillt“ (1966). Hochwertige Literaturverfilmungen und avantgardistische Filme blieben wirtschaftlich randständig.
Zu den Literaturverfilmungen gehörten „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ (1955), „Fidelio“ (1955), „Skandal in Ischl“ (1957), „Mit Himbeergeist geht alles besser“ (1960), „Lulu“ und „Julia, du bist zauberhaft“ (1962), „Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter“ (1963), „3. November 1918“ und „Ruf der Wälder“ (1965) sowie „Der Weibsteufel“ (1966).
1957 drehte Georg Tressler den Jugendfilm „Unter Achtzehn“ über die Resozialisierung krimineller Jugendlicher. Weitere Jugend- und Sexualthemen behandelten „Endstation Liebe“ (1958), „Wegen Verführung Minderjähriger“ (1960), „Geständnis einer Sechzehnjährigen“ (1961) und „Morgen beginnt das Leben“ (1961). Die Filme boten jungen Schauspielern wie Cordula Trantow, Marisa Mell, Barbara Frey, Corny Collins, Michael Heltau und Gertraud Jesserer frühe Rollen. Ab 1965 entstanden erste österreichische Sexfilme; 1968 kam es in Wien zum sogenannten „Porno-Prozess“ gegen Hersteller und Verleiher.
Das Unterrichtsministerium förderte Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre sogenannte „Realitätsfilme“ und filmische Aufzeichnungen von Theateraufführungen. Zu den geförderten Produktionen gehörten „Panoptikum 59“ und „Jedermann“ (1961). Die staatliche Filmförderung konzentrierte sich weiterhin stärker auf Theater, Oper, Kurzfilme und Dokumentationen als auf österreichische Spielfilme.
Kultur- und Dokumentarfilme behandelten die Wiener Sängerknaben, Alfred Kubin, die Alpen, österreichische Zeitgeschichte, Südtirol und die Olympischen Spiele 1964 in Innsbruck. Die österreichische Avantgarde entwickelte sich außerhalb des kommerziellen Verleihsystems. Wolfgang Kudrnofsky schuf 1951 eine 15-minütige Bearbeitung von Poes „Der Rabe“. Ferry Radax, Peter Kubelka und Konrad Bayer drehten 1955 „Mosaik im Vertrauen“. Peter Kubelka schuf unter anderem „Adebar“ (1957), „Schwechater“ (1958), „Arnulf Rainer“ (1960) und „Unsere Afrikareise“ (1966).
In den 1960er-Jahren produzierten unabhängige Filmemacher meist auf 8-mm- oder 16-mm-Material. Ihre Werke liefen überwiegend bei Sonderveranstaltungen, in Cinematheken und auf Festivals. Zu den unabhängigen Filmern gehörten Herbert Holba, Karl Kases, Franz Novotny, Franz Josef Fallenberg und Michael Pilz.
Ferry Radax drehte für das Fernsehen Künstlerporträts, darunter „Hundertwasser“ (1966), „H. C. Artmann“ (1967) und „Trigon Graz“ (1967). 1968 präsentierte Radax die politisch-utopische Satire „Testament“. Weitere Avantgarde- und Underground-Filmer waren Kurt Kren, Marc Adrian, Ernst Schmidt Jr., Otto Muehl, Peter Weibel, Valie Export, Hans Scheugl, Otmar Bauer, Gottfried Schlemmer und Günter Brus.
Valie Export sorgte 1968 mit dem Projekt „Tapp- und Tastkino“ für Aufmerksamkeit und Schwierigkeiten mit den Behörden. Im selben Jahr gründeten Avantgardefilmer die Austrian Filmmakers Cooperative zur Vermittlung ihrer Werke. Hans Scheugls „ZZZ Hamburg Special“ bestand aus einem Faden auf einer Filmrolle statt aus Filmmaterial und wurde von der Zeitschrift „Film“ zu den zehn besten Filmen des Jahres 1968 gezählt.
1967 kam Leo Tichats bereits 1964 produzierter Film „Die Verwundbaren“ über Großstadtjugend in die Kinos. „Moos auf den Steinen“ (1968) von Georg Lhotsky, unterstützt vom ORF und Unterrichtsministerium, gilt als einer der ersten Ansätze des „Neuen Österreichischen Films“. Der Film stellte österreichische Mentalität dar und verband Farb- mit Schwarzweißaufnahmen.
Auch die Filmkultur selbst bekam nach dem Krieg neue Räume: Die Filmzeitschrift „Mein Film“ erschien ab 26. Oktober wieder, zunächst wegen Papiermangels eingeschränkt. Ab 1949 erschien „Filmkunst – Zeitschrift für Filmkultur und Filmwissenschaft“, die bis 1997 bestand. Peter Weibel erklärte 1972, unabhängige österreichische Filmer hätten mangels staatlicher, ORF- und brancheninterner Unterstützung kaum Zugang zum offiziellen Kino- und Fernsehgeschäft erhalten.
