In Leoben gibt es heuer keinen großen Festakt mit Reden, Torten und viel Tamtam. Die Suchtberatungsstelle Obersteiermark (SbO) besteht seit 45 Jahren – gefeiert wird trotzdem, nur anders. Wegen knapper finanzieller Ressourcen organisierte die Stelle eine Fortbildung für 26 Ärztinnen und Ärzte aus der Region.

Im Mittelpunkt standen Benzodiazepine, also Schlaf- und Beruhigungsmittel mit hohem Suchtpotenzial. Laut SbO-Leiter Kamil Kaminski wurden diese Medikamente früher häufig leichtfertig verschrieben. Viele Menschen sind inzwischen langjährig abhängig. Ein plötzliches Absetzen kann gesundheitlich gefährlich sein; der Entzug ist wegen der starken Wirkung auf das Gehirn besonders schwierig und erfordert häufig eine stationäre Behandlung. Die Fortbildung zeigte, wie Patientinnen und Patienten beim schrittweisen Reduzieren der Dosis unterstützt werden können.

Mehr als 500 Klientinnen und Klienten erwartet

In den ersten knapp elf Monaten des Jahres 2026 meldeten sich 461 Personen bei der Beratungsstelle, sieben Prozent davon waren Angehörige. Kaminski erwartet bis Jahresende mehr als 500 Klientinnen und Klienten. Zum Vergleich: 2025 wurden insgesamt 489 Personen betreut.

Rund 75 Prozent der Betroffenen kommen aus dem Bezirk Leoben. 15 Prozent stammen aus Bruck-Mürzzuschlag, weitere sechs Prozent aus dem Murtal und Murau. Fünf Prozent sind jünger als 20 Jahre. Jeweils etwa ein Fünftel entfällt auf die Altersgruppen zwischen 20 und 59 Jahren, 15 Prozent sind mindestens 60 Jahre alt. 59 Prozent der Klientinnen und Klienten sind Männer, 41 Prozent Frauen.

Der häufigste Weg zur SbO führt aus eigener Initiative: 59 Prozent wenden sich selbst an die Beratungsstelle. 23 Prozent kommen aufgrund einer behördlichen Weisung, 15 Prozent werden von Ärztinnen und Ärzten oder anderen psychosozialen Einrichtungen zugewiesen.

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Das Angebot reicht von Einzel- und Angehörigenberatung über Gruppenangebote bis zur Betreuung von Substitutionspatienten. Dazu kommt eine vertrauliche, zeitversetzte Online-Mailberatung. Betroffene und Angehörige können die Angebote kostenlos und anonym nutzen. Auch Präventionsarbeit gehört dazu.

Illegale Substanzen und Alkohol an der Spitze

Bei den primären Kontaktgründen liegen illegalisierte Substanzen mit 40 Prozent vorne, gefolgt von Alkohol mit 35 Prozent. Medikamentenabhängigkeit und Glücksspiel machen jeweils fünf Prozent aus. Essstörungen betreffen vier Prozent, Probleme mit neuen Medien ein Prozent. Rund 40 Prozent nennen bereits bei der Erstaufnahme mehrere Problemlagen.

Im weiteren Beratungsverlauf zeigen sich häufig zusätzliche Konsummuster oder Verlagerungen. Die Beratungsstelle verzeichnet mehr Fälle im Zusammenhang mit chemischen Drogen, insbesondere Kokain. Online-Süchte und andere Verhaltensprobleme entwickeln sich dagegen meist schleichend – oft lange, bevor jemand selbst sagt: Jetzt brauche ich Hilfe.

Viele Betroffene kommen spät, häufig aus Schamgefühlen oder aus Angst vor Verboten. Deshalb zielt die Beratung nicht immer sofort auf vollständige Abstinenz. Oft geht es zunächst darum, den Konsum schrittweise zu verringern. Das klingt weniger spektakulär, ist im Alltag aber nicht selten der realistischere erste Schritt.

Mehr Nachfrage, gleich viele Mittel

Die Nachfrage nach Beratung steigt, während die verfügbaren Mittel unverändert bleiben. Bei weiter steigenden Klientenzahlen müsse das Angebot mittelfristig angepasst werden, erklärt Kaminski. Für eine abgestimmte Betreuung sei außerdem eine enge regionale Vernetzung aller beteiligten Stellen notwendig. Diese Zusammenarbeit braucht im Arbeitsalltag zusätzliche Zeit und personelle Kapazitäten.

Als weiteres Problem nennt die Beratungsstelle soziale Isolation, besonders bei älteren Betroffenen. Fehlende Beschäftigung und Einsamkeit können den Konsum von Suchtmitteln begünstigen. Im Versorgungssystem fehlen laut SbO derzeit spezielle Beschäftigungsprojekte und mobile Suchtarbeit.

Einordnung über die Region hinaus

Wie sich die Situation bei illegalen Drogen in Österreich entwickelt, dokumentiert der jährlich im Auftrag der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) sowie des Gesundheitsministeriums erstellte „Bericht zur Drogensituation in Österreich“. Der Bericht behandelt illegale Drogen. Die Ausgabe 2025 erfasst die epidemiologische Situation im Jahr 2024, Entwicklungen der politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen, Maßnahmen zur Nachfragereduktion, Drogenmärkte und Drogendelikte sowie drogenbezogene Themen im Zusammenhang mit Haft.

Der Drogenbericht 2025 ist als PDF mit einer Dateigröße von 3 MB verfügbar. Auch frühere Berichte können abgerufen werden: 2024 (3 MB), 2023 (2 MB), 2022 (2 MB), 2021 (2 MB), 2020 (1 MB), 2019 (2 MB) und 2018 (2 MB). Zusätzlich sind internationale Berichte verlinkt, darunter EU-Drogenberichte und der World Drug Report. Die entsprechende Seite des Sozialministeriums wurde zuletzt am 27. April 2026 aktualisiert.

Bei allen Zahlen ist allerdings Vorsicht angebracht. Präzise Prozentangaben zu dem behandelten Sachverhalt sind meist nicht zuverlässig möglich, die zugrunde liegenden Statistiken weisen methodologische Probleme und erhebliche Ungenauigkeiten auf. Statistische Daten bleiben dennoch wichtig und sollten weiterhin erhoben werden – ihre jeweilige Unsicherheit muss bei der Interpretation mitgedacht werden.

Die gesundheitlichen Auswirkungen von Substanzgebrauch lassen sich nicht anhand einer einzigen Datenquelle beurteilen. Eine belastbare Einschätzung erfordert den Vergleich und die Zusammenschau verschiedener Datenquellen; weiterführende Literatur wird dazu ebenfalls genannt. In Leoben zeigt sich derweil, was hinter den Prozentzahlen steckt: Menschen, die anrufen, Angehörige, die mitkommen, und Gespräche, die manchmal ganz leise beginnen.