In der Oststeiermark war es bis in die Neunziger Jahre durchaus üblich, ein ganzes Schwein direkt beim Bauern zu kaufen und das Fleisch dann aufzuteilen. Diese Tradition hat sich, wie wir wissen, stark verändert. Aber zum Glück gibt es Initiativen, die diese Verbindung zwischen Landwirten und Konsumenten wiederbeleben. Ein Paradebeispiel dafür ist die Grazer Plattform „nahgenuss“, die im Mai 2016 von Micha Brandtner und Lukas Beiglböck gegründet wurde. Was als kleiner Anfang mit dem Verkauf eines Viertels eines Schweins begann, hat sich mittlerweile zu einer nachhaltigen und weitreichenden Initiative entwickelt. Heute feiern sie bereits ihr zehnjähriges Jubiläum!
„nahgenuss“ ist nicht nur eine Plattform, sondern eine Bewegung. Sie verbindet über 200 bäuerliche Betriebe aus allen neun Bundesländern Österreichs und bietet eine breite Palette an Produkten: Bio-Fleisch, Bio-Fisch und Wild. Über 10.000 Konsumenten lassen sich mittlerweile beliefern, und der Umsatz hat seit Start die beeindruckende Marke von über sechs Millionen Euro überschritten. Die Plattform verkauft Mischpakete mit verschiedenen Fleischarten wie Rind, Lamm, Geflügel, Wild und Fisch, oft von seltenen Rassen. Ein Zehn-Kilo-Paket reicht dabei einem Vierpersonenhaushalt für etwa drei Monate, was nicht nur praktisch, sondern auch nachhaltig ist. Besonders zur Weihnachts- und Osterzeit ist die Nachfrage hoch.
Die Vorteile für Landwirte und Konsumenten
„nahgenuss“ unterstützt nicht nur Konsumenten, die sich bewusst für ihren Fleischkonsum entscheiden und gerne die Herkunft ihres Essens kennen, sondern auch die Landwirte selbst. Diese erhalten eine wertvolle Vermarktungsplattform, die ihnen viele organisatorische Aufgaben abnimmt: Rechnungslegung, Kundenkommunikation und sogar Unterstützung beim Online-Auftritt in Form von Texten und Fotos. Dabei bleiben die Landwirte selbstständig und können ihre Verkaufspreise frei festlegen. Es gibt keine Fixkosten oder Bindungen, was für viele eine große Erleichterung darstellt.
Die Plattform bietet auch eine Vielzahl an weiteren Vorteilen: Von der individuellen Betreuung und Unterstützung bei Logistik, Verpackung und Schlachtung bis hin zum Erfahrungsaustausch mit anderen Betrieben. Die Tiere werden vor der Schlachtung schonend behandelt, und das Fleisch wird küchenfertig zerlegt und vakuumverpackt, was die Handhabung für die Konsumenten erleichtert. Auch der Vertriebsweg für Wurst, Speck, Obst und Gemüse ist offen, was die Möglichkeiten für die Landwirte erweitert.
Wachstum und Zukunft
Aktuell wächst die „nahgenuss“-Plattform jährlich um 5 bis 10 Prozent. Ein Ziel ist es, die Million Warenwert wieder zu erreichen, die sie im Jahr 2020 erstmals überschritten haben. Brandtner arbeitet als One-Man-Show in Graz, während sein Bruder den Online-Laden von Wien aus leitet. Die Herausforderungen der Direktvermarktung sind groß: Tierpflege, Schlachtung, Zerlegung, Verpackung und Auslieferung sind nur einige der Aufgaben, die zu bewältigen sind. Doch die Erfolge sprechen für sich!
Für alle Bio-Bauern, Bio-Bäuerinnen sowie Jägerinnen und Jäger, die Interesse haben, Teil dieser Gemeinschaft zu werden, gibt es die Möglichkeit, ein Profil zu erstellen und sich mit der Plattform in Verbindung zu setzen. Wichtig ist dabei ein Bio-Zertifikat (außer für Wild aus freier Wildbahn) sowie gute Fotos des Betriebs und der Tiere. Hier wird nicht nur eine wirtschaftliche Zusammenarbeit gefördert, sondern auch die Sichtbarkeit für nachhaltige Landwirtschaft und Bio-Produkte gesteigert.
„nahgenuss“ ist also nicht nur eine Plattform, sondern ein lebendiges Netzwerk, das die Rückverbindung zwischen Land und Tisch wiederherstellt und dabei hilft, die Tradition des bewussten Fleischkonsums neu zu beleben. Und das alles, während es den Landwirten ermöglicht, ihre Produkte direkt an die Konsumenten zu bringen – ohne Umwege und mit einem klaren Fokus auf Qualität und Nachhaltigkeit. Wer würde da nicht gerne zugreifen?