Die Geschichte von Imst, einer kleinen Stadt in Tirol, ist eng mit den dunklen Kapiteln der österreichischen Vergangenheit während des Nationalsozialismus verbunden. Im Mai 1934 lauscht ein Gendarm vor einem Bauernhof in Imst, wo damals etwa 3.000 Menschen leben. Zu dieser Zeit hat die Dollfuß-Regierung die parlamentarische Demokratie abgeschafft und Organisationen wie die sozialdemokratische, kommunistische sowie die NSDAP verboten. Trotz dieser Verbote kommen illegale NS-Anhänger, darunter der Urgroßonkel des Autors, Fritz Perktold, im Bauernhof zusammen. Die politische Landschaft in Imst ist bereits 1931 von einer Ortsgruppe der NSDAP geprägt, und die lokale SA stört aktiv die politischen Gegner.

Im Jahr 1933 wird Adolf Hitler zum Ehrenbürger von Imst ernannt, was den Einfluss der Nationalsozialisten in der Region weiter festigt. Fünf Jahre später, 1938, erfolgt der Einmarsch der deutschen Schutzpolizei in die Stadt, was von den Bürgern mit Jubel gefeiert wird. In dieser „Schreckensnacht“ inszenieren SA-Männer Scheinhinrichtungen und misshandeln ehemalige Beamte. Nach dem Krieg leugnen viele NS-Anhänger ihre Vergangenheit, während die „Schreckensnacht“ umgedeutet wird. In den folgenden Jahren bleibt die Verstrickung der Stadt in die NS-Vergangenheit nicht ohne Folgen: Im Jahr 1950 sind die Hälfte der gewählten Mandatare im Gemeinderat ehemalige NSDAP-Mitglieder.

Aufarbeitung der NS-Vergangenheit

Aktuell wird in Imst die NS-Vergangenheit auf unterschiedliche Weise aufgearbeitet. Die Umbenennung der Jakob-Kopp-Straße, die nach einem antisemitischen Nazidichter benannt war, und die Entfernung eines Denkmals für NS-Soldaten sind Schritte in die richtige Richtung. Seit März 2026 ist eine US-Datenbank mit NSDAP-Mitgliederkarten online verfügbar, und die Historikerin Sabine Pitscheider hat eine Studie über den Nationalsozialismus in Imst veröffentlicht. In ihrem Werk betont sie die Schwierigkeiten der Aufarbeitung, die durch gemeinschaftliche Mythen verstärkt werden.

Im Museum im Ballhaus wird die Ausstellung „Nationalsozialismus in Imst“ gezeigt, die einen weiteren wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung leistet. Dennoch bleibt die Stadtregierung in bestimmten Angelegenheiten, etwa bezüglich der Ehrenbürgerschaft des ehemaligen NS-Bürgermeisters Ferdinand Jenewein, sowie möglichen Denkmälern für NS-Opfer, bislang unresponsive.

Widerstand und Verfolgung

Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in Imst steht im Kontext der breiteren österreichischen Geschichte während des Nationalsozialismus. Rund 2700 Widerstandskämpfer in Österreich wurden von der NS-Justiz verurteilt und hingerichtet, während etwa 10.000 in Gestapo-Gefängnissen ermordet wurden. Widerstandsgruppen agierten häufig isoliert und fragmentiert, was die Effizienz ihrer Bemühungen beeinträchtigte. Dennoch gab es auch mutige Versuche, sich gegen das Regime zu wehren, wie etwa die geplante Sprengung des Gestapo-Hauptquartiers in Wien.

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Ein breiter öffentlicher Protest gegen den Nationalsozialismus manifestierte sich in einer Demonstration von 6000 katholischen Jugendlichen im Jahr 1938, was die Verzweiflung und den Mut der Bürger unterstreicht. Trotz dieser Widerstandsaktionen blieb die Römisch-katholische Kirche in ihrer Position ambivalent, da sie sich gegen die Tötung von Behinderten aussprach, jedoch nicht gegen die Deportation der jüdischen Bevölkerung. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, wie sie derzeit in Imst geschieht, ist ein wichtiger Schritt, um die Vergangenheit zu verstehen und für die Zukunft zu lernen.

Die Stadt Imst hat heute rund 11.000 Einwohner und steht vor der Herausforderung, sich mit ihrer NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die aktuelle Aufarbeitung ist ein notwendiger, aber auch komplexer Prozess, der von der Gesellschaft und ihren Mitgliedern aktiv mitgestaltet werden muss. Für die Zukunft ist es entscheidend, dass diese Bemühungen fortgesetzt werden, um ein Bewusstsein für die Geschichte zu schaffen und die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Weitere Informationen können in der umfassenden Studie von Sabine Pitscheider nachgelesen werden, die auch auf Wiener Zeitung verfügbar ist.