In Deutschland leiden etwa 30 % der Kinder und Jugendlichen an chronischen Schmerzen, die über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten auftreten. Umgerechnet sind das fast eine halbe Million Betroffene im Alter von 10 bis 17 Jahren. Das ist eine erschreckende Zahl, die zeigt, wie viele junge Menschen nicht nur mit körperlichem Schmerz, sondern auch mit den emotionalen und sozialen Folgen zu kämpfen haben. Viele dieser Kinder suchen Hilfe bei Kinder- und Jugendärzten, doch oft bleibt die Behandlung unzureichend. Wenn die Schmerzen nicht innerhalb von sechs Monaten abklingen, ist eine Überweisung an spezialisierte Einrichtungen erforderlich.

Eine neue Leitlinie für die stationäre, interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie (IMST) bei Kindern wurde kürzlich veröffentlicht. Diese wurde unter der Leitung der Deutschen Schmerzgesellschaft in Zusammenarbeit mit zwölf Fachgesellschaften und Patient:innenorganisationen entwickelt. Ziel ist es, die Behandlungsqualität zu verbessern und Fehlversorgungen zu vermeiden. Die stationäre IMST gilt als die effektivste Methode zur Behandlung schwerer chronischer Schmerzerkrankungen im Kindesalter. Dabei wird besonders darauf geachtet, dass die emotionalen und entwicklungsbedingten Bedürfnisse der Kinder adressiert werden.

Die Bedeutung der neuen Leitlinie

Dr. Julia Wager, die wissenschaftliche Leitung des Lehrstuhls für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin an der Universität Witten/Herdecke, bezeichnet die neue Leitlinie als einen Meilenstein für die multimodale Schmerztherapie. Die IMST hat das Ziel, die Lebensqualität der betroffenen Kinder zu steigern, sodass sie wieder zur Schule gehen und aktiv am sozialen Leben teilnehmen können. Eine unzureichende oder falsche Behandlung kann nicht nur zu anhaltenden Schmerzen bis ins Erwachsenenalter führen, sondern auch negative Auswirkungen auf die Gesellschaft haben.

Die Zahlen sprechen für sich: Rund 8 % der Kinder und Jugendlichen mit chronischen Schmerzen leiden unter schweren Symptomen, die ihren Alltag erheblich beeinträchtigen. Die häufigsten Schmerzarten sind Kopfschmerzen, gefolgt von muskuloskeletalen Schmerzen und Bauchschmerzen. Bei der Entwicklung der Leitlinie wurde auch auf die Tatsache geachtet, dass mehr als 95 % der betroffenen Patienten keinen Migrationshintergrund haben. Diese Erkenntnisse sind wichtig, um die Therapie gezielt anzupassen.

Die IMST in der Praxis

Im Deutschen Kinderschmerzzentrum in Datteln, das seit 2005 stationäre IMST anbietet, werden jährlich über 300 Patienten behandelt. Die Programme sind manualisiert und dauern in der Regel zwischen drei und vier Wochen, mit einem täglichen Umfang von etwa acht Stunden. Diese umfassen psychotherapeutische Einzelsitzungen, Gruppentherapien, Familiengespräche und sogar eine Klinikschule. Sechs Module werden dabei individuell angepasst, um den speziellen Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden. Nach der stationären Behandlung erfolgt eine poststationäre Betreuung, die eine Wiedervorstellung in der Schmerzambulanz einschließt.

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Eine systematische Literaturrecherche hat die Wirksamkeit der pädiatrischen stationären IMST in Deutschland in 19 relevanten Studien erhärtet. Die positiven Effekte dieser Therapie sind bis zu vier Jahre nach der Behandlung nachweisbar. Ökonomische Analysen zeigen sogar, dass die Inanspruchnahme gesundheitlicher Leistungen nach der IMST signifikant abnimmt, was auch die Kosten für die Krankenkassen im ersten und zweiten Jahr nach der Therapie reduziert.

Die Herausforderungen der Schmerztherapie

Die Therapie von Schmerzstörungen im Kindes- und Jugendalter ist komplex und erfordert die Berücksichtigung vieler Einflussfaktoren. Das Manual von Dobe und Zernikow beschreibt praxisnahe Besonderheiten und therapeutische Interventionen, die für die Behandlung von Schmerzstörungen entscheidend sind. Schwerpunkte sind unter anderem der Einbezug des familiären Systems und die Anpassung der Schmerztherapie an komorbide psychische, familiäre oder organische Probleme.

Die Herausforderung bleibt, dass es in Deutschland einen Bedarf an mehr spezialisierten Behandlungszentren für Kinder und Jugendliche mit chronischen Schmerzen gibt. Die neue Leitlinie und die damit verbundenen Fortschritte in der Schmerztherapie könnten jedoch einen entscheidenden Schritt in die richtige Richtung darstellen. Die Hoffnung ist, dass durch eine verbesserte Behandlungsqualität viele junge Menschen wieder ein schmerzfreies und aktives Leben führen können.