In Osttirol stehen Umwelt- und Tourismusinteressen auf der Kippe. Franz Theurl, der Obmann des Tourismusverbands Osttirol, und Renate Hölzl, die Obfrau des Vereins Osttirol Natur, haben sich zusammengetan, um gegen die neue 220-kV-Stromtrasse vom Umspannwerk Lienz ins italienische Belluno zu kämpfen. Diese Trasse, die die bestehende, über 50 Jahre alte Leitung ersetzen soll, hat bereits einige Wellen geschlagen. Laut dem Betreiber Austrian Power Grid (APG) entspricht die alte Leitung nicht mehr dem Stand der Technik. Doch die Pläne stoßen auf erhebliche Kritik.

Die Höhe der neuen Masten, die bis zu 65 Meter in die Höhe ragen sollen, sorgt für Unmut. Insbesondere die Trassenführung, die durch Obertilliach und am Seehügelkamm bei Tristach verlaufen soll, wird von vielen als ästhetisch und ökologisch bedenklich erachtet. Theurl betont, dass das Landschaftsbild, das für Generationen prägend ist, durch dieses Projekt gefährdet wird. Der TVB hat bereits als Kläger in der Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) agiert, jedoch erhielt er einen positiven Bescheid vom Land Tirol, gegen den kein Einspruch mehr möglich war.

Der Streit um die Erdverkabelung

Theurl fordert, dass Teile der Leitung als Erdverkabelung ausgeführt werden, wie es in anderen Regionen bereits umgesetzt wurde. Diese Forderung wird von der Lienzer Bürgermeisterin Elisabeth Blanik und dem Obertilliacher Bürgermeister Mathias Scherer unterstützt. Hölzl, als Vertreterin einer NGO, hat fristgerecht Einspruch erhoben und berichtet von Druck und Täuschung seitens der APG. Auch die Grundbesitzerin Brigitte Amort äußert ähnliche Bedenken. Ingenieur Gerald Altenweisl hat bereits zwei Varianten für die Erdverkabelung präsentiert, die weniger Fläche beanspruchen würden und schätzt die Kosten als nicht überbordend ein.

Die Diskussion über die Vor- und Nachteile von Erd- und Freileitungen ist komplex. Erdkabel können zwar Konflikte mit dem Landschaftsbild und dem Vogelschutz entschärfen, bringen jedoch auch Risiken für Böden, Gewässer und Lebensräume mit sich. Freileitungen hingegen haben ein höheres Kollisionsrisiko für Vögel und fragmentieren Landschaften, benötigen aber weniger Erdarbeiten. Daher ist die Wahl zwischen diesen beiden Optionen standortabhängig und erfordert eine differenzierte Betrachtung.

Rechtliche Aspekte und Perspektiven

Anwalt Wolfram Schachinger hat Fehler im UVP-Verfahren angeprangert und sieht mögliche rechtliche Schritte bis zum Europäischen Gerichtshof (EuGH) vor. Hölzls Beschwerde hat aufschiebende Wirkung, was bedeutet, dass die APG ohne Genehmigung nicht handeln kann. Theurl kündigt an, den Kampf bis zum Ende zu verfolgen, möglicherweise bis zum Europäischen Gericht.

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Die Herausforderungen, vor denen der Netzausbau steht, sind nicht nur lokal, sondern auch regional von Bedeutung. Wachsende Anteile erneuerbarer Energien erfordern eine Anpassung der Netzinfrastruktur, um die geographische Trennung von Stromerzeugung und -verbrauch zu bewältigen. Windenergie wird hauptsächlich in Norddeutschland erzeugt, während die industriellen Großverbraucher in Süddeutschland liegen. Der Ausbau moderner Strominfrastruktur ist unvermeidlich, um die Herausforderungen des Energiesystems zu meistern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Streit um die 220-kV-Stromtrasse in Osttirol nicht nur ein lokales Problem ist, sondern einen Teil eines größeren Puzzles darstellt. Der Netzausbau ist entscheidend für die Integration erneuerbarer Energien und die Gewährleistung einer stabilen Stromversorgung, doch muss er mit einem verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt und der Landschaft in Einklang gebracht werden. Die kommenden Monate werden zeigen, wie sich diese Auseinandersetzung entwickelt und welche Lösungen gefunden werden können, um sowohl den Ansprüchen der Natur als auch den Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden.

Mehr Informationen zu diesem Thema finden Sie in der Kleinen Zeitung sowie auf den Seiten des NABU und des Umweltbundesamtes.