Robert Misik in Vöcklabruck: Wie Propaganda Feindbilder und Unmenschlichkeit vorbereitet
Wie entstehen Feindbilder, wann wird aus politischer Zuspitzung gefährliche Hetze – und warum finden autoritäre Bewegungen gerade in aufgeheizten Zeiten Zulauf? Mit diesen Fragen kommt der Autor und Publizist Robert Misik nach Vöcklabruck. Der ÖGB Vöcklabruck lädt am Mittwoch, 18. November, um 19 Uhr zu einer Lesung mit anschließender Diskussion ein.
Veranstaltungsort ist das Offene Kulturhaus (OKH) in der Hans-Hatschek-Straße 24. Der Eintritt ist frei. Misik beschäftigt sich in seinem Buch „Erziehung zur Grausamkeit“ mit dem Aufstieg autoritärer Bewegungen und den Auswirkungen rechter Propaganda – ein Abend, der wohl nicht bei gemütlichen Allgemeinplätzen stehen bleiben wird.
Wie Propaganda Unmenschlichkeit vorbereitet
Misik untersucht, wie Hass, Hetze und gezielte Propaganda Feindbilder schaffen und die Bereitschaft zu Unmenschlichkeit fördern. Zugleich fragt er nach möglichen Wegen, der zunehmenden Radikalisierung entgegenzuwirken. Die Veranstaltung soll Raum für eine Diskussion über autoritäre Tendenzen und mögliche Gegenstrategien geben.
Der Blick auf Misiks thematisches Umfeld führt auch zu mehreren Büchern, die politische Entwicklungen in den USA und Europa beschreiben. „Gekränkte Freiheit“ (Suhrkamp Verlag, Berlin 2025) befasst sich mit Donald Trumps Versprechen, die liberale Demokratie nach seiner erneuten Wahl grundlegend zu verändern – laut Beschreibung wurde er gerade wegen dieses Versprechens gewählt. Eine weitere Veröffentlichung des Bertz und Fischer Verlags, Berlin 2025, beschreibt, wie Trump und sein politisches Umfeld die USA in kurzer Zeit zu einem autoritären Staat verändern und versuchen, die MAGA-Doktrin international durchzusetzen. Das Buch fragt nach den Ursachen dieser Entwicklung.
Der S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026, widmet sich dem modernen Faschismus. Autoritäre Kräfte gewinnen demnach weltweit an Macht und Einfluss; Analogien zur Zeit des Nationalsozialismus werden zugleich als unzureichend beschrieben. Bereits 2002 porträtierte ein Buch des Scherz Verlags, Bern, 23 Täter rechtsradikaler Gewalttaten, ihre Motive, die Folgen ihrer Taten für Deutschland und ihr Verhalten vor Gericht.
AfD, „Flügel“ und politische Verschiebungen
Auch die Entwicklung der AfD gehört in diesen Zusammenhang. Das Neue Berlin, Berlin 2020, beschreibt den „Flügel“ um Björn Höcke und Andreas Kalbitz als völkisch-nationalistische und unberechenbare Sammlungsbewegung innerhalb der AfD. Trotz der offiziell verkündeten Auflösung bestehe die Bewegung weiter. Ein bei Rowohlt, Hamburg 2024, erschienenes Buch erinnert daran, dass die AfD im Februar 2013 in einem Gemeindesaal in Oberursel von 18 Personen gegründet wurde. Zunächst war sie als wirtschaftsliberale Partei angelegt, ehe sie sich politisch veränderte.
Die politische Abgrenzung gegenüber der AfD wird in einer Veröffentlichung des Ludwig Verlags, München 2024, als zunehmend brüchig beschrieben. Immer größere Teile von Politik und Gesellschaft setzen sich demnach mit den menschenfeindlichen Positionen und dem Rassismus der Partei auseinander. Frederik Schindlers investigative Recherche „Höcke“ (Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2025) untersucht das Innenleben der AfD und Björn Höcke, den Thüringer AfD-Chef. In Thüringen strebt die AfD nach politischer Macht; Martin Debes schildert das Bundesland im Ch. Links Verlag, Berlin 2024, als Experimentierfeld extremer politischer Strömungen und als Entwicklung mit Bedeutung für Deutschland.
Weitere Perspektiven liefern ein bei Suhrkamp, Berlin 2023, erschienenes, aus dem Französischen von Andrea Hemminger übersetztes Buch, das Ressentiments als besonders gefährlich für die Demokratie beschreibt und politische Philosophie mit Psychoanalyse verbindet, sowie Julia Ebners Untersuchung „Radikalisierung“ (Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, aus dem Englischen übersetzt von Kirsten Riesselmann). Ebner recherchiert undercover in Milieus von Hackern, Terroristen, Trollen, Fundamentalisten und Verschwörungsideologen.
Ein Jubiläum mit politischem Schatten
Der Christian Brandstätter Verlag, Wien 2026, blickt auf das Jahr 2026 als 250. Jahrestag der amerikanischen Demokratie. Gleichzeitig befindet sich Donald Trump im zweiten Jahr seiner erneuten Amtszeit. Das Jubiläum fällt damit mit einer politischen Zäsur zusammen – Feierlaune und Nervosität liegen hier ziemlich nah beieinander.
Eine breitere Einordnung bietet das Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung zu Rechtsextremismus in Deutschland und international. Es behandelt Definitionen und Ideologien, Rassismus, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit und Verschwörungstheorien ebenso wie den Extremismusbegriff, die Geschichte des Rechtsextremismus in Deutschland seit 1945 sowie rechtsextreme Parteien, Szenen, Medien und Netzwerke. Auch Frauen- und Männerbilder, Jugendkulturen, Musik, Fußball, Rechtsextremismus im Internet und digitale Gewalt gehören dazu.
Die Einleitung beschreibt rechtsextreme Strukturen in Deutschland als Bedrohung für Menschenleben und die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Rechtsextreme Einstellungen wie Rassismus, Antisemitismus und der Glaube an einen starken Führer kommen laut Einleitung auch außerhalb organisierter Szenen vor. Radikalisierungsverläufe können in Gewalt münden. Als Erscheinungsdatum der Einleitung wird der 4. März 2026 angegeben.
Behandelt werden außerdem Rechtsterrorismus, der NSU und rechtsextreme Gewalt, Opfergruppen, Feindbilder und Gewalt gegen Geflüchtete sowie Ursachen, Prävention, Ausstieg und zivilgesellschaftliches Engagement. Handlungsmöglichkeiten in Schule, Kommunen, Politik und Medien finden ebenfalls Platz.
Online-Räume, neue Technik, alte Feindbilder
Ein Beitrag über die Neoreaktion beschreibt eine Bewegung, die in den 2000er-Jahren in Online-Blogs entstand und technologischen Fortschrittsoptimismus mit politischem Autoritarismus verbindet. Ihr wird Einfluss bis ins Weiße Haus zugeschrieben. Autor Wyn Brodersen veröffentlichte den Beitrag am 28. September 2026; die angegebene Lesezeit beträgt 10 Minuten.
Verena Schneider schreibt über Muslimfeindlichkeit, die von der extremen Rechten gezielt zur Mobilisierung genutzt wird und Musliminnen und Muslime in vielfältiger Weise betrifft. Der Beitrag erschien am 9. Oktober 2026 und ist mit einer Lesezeit von 7 Minuten angegeben. Prof. Dr. Uwe Backes untersucht rechtsextreme Parteien in Europa, die im Europäischen Parlament in mehreren Fraktionen vertreten sind, ebenso wie das häufige Scheitern ihrer Bündnisse und die Bedingungen für politischen Erfolg. Veröffentlichung: 22. September 2026, Lesezeit 6 Minuten. Ein weiterer Beitrag von Backes zum intellektuellen Rechtsextremismus in Deutschland erschien am 17. September 2026 und ist ebenfalls mit 6 Minuten angegeben.
Christoph Schulze beschreibt den Rechtsextremismus in Deutschland seit 1945. Er bestand sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR fort, rechtsextreme Ideologien beeinflussten Politik und Gesellschaft in unterschiedlichem Ausmaß. Der Beitrag wurde am 9. September 2026 veröffentlicht, die Lesezeit beträgt 10 Minuten. Cynthia Möller widmet sich Frauen in der extremen Rechten, ihren zentralen Funktionen online und offline sowie ihren Strategien zur Verbreitung extrem rechter Ideologien. Ihr Beitrag erschien am 27. Juli 2026, Lesezeit 10 Minuten.
Kemal Bozay ordnet Rechtsextremismus in migrantisierten Communitys ein. Er wurde lange als „importierter Konflikt“ betrachtet, im Beitrag aber als Bestandteil der gesellschaftlichen Realität in Deutschland beschrieben. Veröffentlichung: 21. August 2026, Lesezeit 9 Minuten. Um digitale Gewalt und rechtsextreme Hasskampagnen geht es bei ASS und Nathalie Rücker. Solche Kampagnen können ganze Gruppen systematisch zum Schweigen bringen und haben individuelle Folgen ebenso wie Konsequenzen für die Demokratie. Der Beitrag erschien am 6. Juli 2026 und ist mit 18 Minuten Lesezeit angegeben.
Tobias Hof gibt am 24. April 2026 einen historischen Überblick über den europäischen Rechtsterrorismus und behandelt Radikalisierungs- und Legitimationsmuster; die Lesezeit beträgt 12 Minuten. Felix Schilk fragt am 5. Mai 2026, was Rechtsextremismus ist, und beschreibt ihn als komplexes, wandlungsfähiges Phänomen. Schwierigkeiten bei der Definition und verbreitete wissenschaftliche Zugänge stehen im Mittelpunkt, Lesezeit 9 Minuten.
Neue Technologien verändern nach Yannick Veilleux-Lepage rechtsextreme Gewalt: Genannt werden 3D-Druck, Drohnen und KI-generierte Propaganda. Sie erschweren die Rückverfolgung, erhöhen das Handlungstempo und ermöglichen Anonymität. Der Beitrag erschien am 8. April 2026, Lesezeit 10 Minuten. Lisa Bogerts beschreibt, wie digitale Kulturen und Plattformen Menschen weltweit verbinden, rechtsextreme Online-Communitys und Plattformen aber auch genutzt werden, um Hass zu normalisieren und zu Gewalt aufzurufen. Ihr Beitrag wurde am 23. April 2026 veröffentlicht, Lesezeit 9 Minuten.
Eine einzelne Ursache für den weltweiten Druck des Rechtsextremismus auf Demokratien gibt es laut Susanne Rippl nicht. Ihr Beitrag vom 11. Februar 2026 stellt verschiedene Erklärungsansätze vor und hat eine angegebene Lesezeit von 14 Minuten.
Von Geschichtsrevisionismus bis „Großer Austausch“
Das Dossier behandelt Geschichtsrevisionismus, also die Verharmlosung oder Leugnung von NS-Verbrechen als ideologischen Kern der extremen Rechten, ebenso wie völkische Metapolitik, ihre Geschichte, Weltanschauung und Agitationsmethoden. Krisenerzählungen können politische Positionen verschieben und strategisch genutzt werden. Bei autoritär-rechten Männlichkeiten geht es um das Leitbild soldatischer Männlichkeit als Reaktion auf den behaupteten Niedergang klassischer Männlichkeit.
Rechtsextreme Diskursstrategien arbeiten demnach auch mit NS-Vokabular, Geschichtsrevisionismus und NS-Verherrlichung. Rechtsextreme Esoterik kann wegen ihres Anspruchs auf höheres Wissen an rechtsextreme Ideologien anschlussfähig sein. Extrem rechte Organisationen distanzieren sich zunehmend vom DFB, dessen Vielfaltsmaßnahmen und der Nationalmannschaft. Die Erzählung vom „Großen Austausch“ dient extrem rechten Kreisen als Legitimation, bestimmte Bevölkerungsgruppen abzulehnen.
Die Ablehnung Geflüchteter als Gruppe wird als Flüchtlingsfeindlichkeit bezeichnet; zuletzt nahm die Gewalt gegen Geflüchtete in Deutschland wieder zu. Rechtsextreme erzielen auf Online-Plattformen große Reichweiten und mobilisieren digital. Die Identitären waren Anfang der 2010er-Jahre für den außerparlamentarischen Rechtsextremismus in Österreich und Deutschland bedeutsam, später wurde ihre Nähe zum Rechtsterrorismus öffentlich.
Ein Hintergrundbeitrag des Dossiers erklärt die Bedeutungen von Beobachtung, „Verdachtsfall“ und der Einstufung als „gesichert extremistisch“ durch den Verfassungsschutz. Krisen verstärken die Sichtbarkeit antidemokratischer Tendenzen an Schulen; diskriminierende Äußerungen stellen Lehrkräfte vor Herausforderungen. Die extreme Rechte in Russland wandelte sich und tritt heute staatsnah und traditionalistisch auf.
Der Umgang mit den Anschlägen in Solingen, Hanau und den NSU-Morden zeigt laut Dossier Schwierigkeiten im Umgang mit Kontinuitäten rechtsterroristischer Gewalt. Rechtsextreme Akteure in Deutschland reichen von losen Cliquen bis zu formalisierten Parteien und sind nicht immer eindeutig dem rechtsextremen Milieu zuzuordnen. Der Beitrag von Matthias Quent erschien am 9. Januar 2024, die angegebene Lesezeit beträgt 6 Minuten.
Lara Franke und Daniel Hajok untersuchen TikTok als Ort der direkten Ansprache junger Menschen und die zunehmende Verbreitung rechtsextremer Ideologie über Social Media. Ihr Beitrag wurde am 11. Oktober 2023 veröffentlicht, Lesezeit 8 Minuten. „Reichsbürger“ betrachten die Bundesrepublik als illegitim, behaupten die Fortexistenz des Deutschen Reiches und lehnen staatliche Institutionen ab; teilweise verwenden sie eigene Ausweispapiere. Bewegungen gegen Corona-Maßnahmen verbreiteten laut Dossier ebenfalls rechtsextreme und verschwörungsideologische Inhalte.
Weitere Beiträge stellen staatliche und zivilgesellschaftliche Maßnahmen gegen Rechtsextremismus sowie die Komplexität rechtsextremer Dynamiken vor. Frauen- und Queerfeindlichkeit werden im Zusammenhang mit extremistischen Tätern und Anschlägen in Dresden, Halle, Hanau, Christchurch und Orlando behandelt. Dazu kommen ein Glossar-Spiel, Materialien zu Szenecodes sowie Videos über Ausstieg, den NSU und Antisemitismus.
Die Kapitelübersicht reicht von „Was ist Rechtsextremismus?“ über „Szene und Medien“, „Terror und Gewalt“, „Kampagnen-Themen“ sowie „Organisationen und Netzwerke“ bis zu „Grauzonen“ und „Was tun?“. Dabei geht es um zentrale Begriffe und Definitionen, rechtsextreme Szenen und ihren journalistischen Umgang, Täter- und Opferperspektiven, aktuelle Debatten zur Ideologieverbreitung und Mobilisierung, Parteien, Gruppen und Bewegungen sowie Übergänge zwischen Rechtsextremismus und Rechtskonservatismus. Handlungsmöglichkeiten für Einzelpersonen, Zivilgesellschaft und Politik werden ebenfalls vorgestellt. Ergänzt wird das Angebot durch Podcasts, Audios, ein Glossar, FAQs, Videos, Bilderstrecken, Webtalks und Expertenchats.
Im OKH an der Hans-Hatschek-Straße 24 wird daraus am 18. November ein Abend zum Zuhören und Widersprechen: Robert Misik liest, danach ist Diskussion. Beginn ist um 19 Uhr, der Eintritt frei.
