Im Bistum Passau ist ein bemerkenswerter Wandel vollzogen worden. Wie am Mittwoch bekannt gegeben wurde, gibt es nun keine unabhängigen Gremien mehr, die sich mit der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs befassen. Diese Entscheidung markiert das Ende der Aufarbeitungskommission und des Betroffenenbeirats, die ihre Arbeit im Jahr 2021 aufgenommen hatten.
Die letzte gemeinsame Sitzung dieser Gremien fand erst am Montag statt. Passau ist damit das erste Bistum in Bayern, das diese Struktur nicht mehr aufweist. Bischof Stefan Oster erhielt im Zuge dieser Veränderungen zwei Empfehlungen zur künftigen Arbeit. Eine der zentralen Empfehlungen lautet, eine Stabsstelle für Prävention, Intervention, Nachsorge und systemische Aufarbeitung einzurichten. Diese Stabsstelle soll eine Querschnittsaufgabe übernehmen, die von der Seelsorge bis zur Priesterausbildung reicht.
Die neue Struktur im Bistum
Eine unabhängige Expertenkommission soll die Stabsstelle beraten und beaufsichtigen, und das ganz ohne Weisungen des Bischofs. Das Bistum plant, diese Stabsstelle bald einzurichten, und sie wird Fachbereiche wie Prävention, Intervention und Nachsorge umfassen. Zudem sollen Qualitätssicherung und Monitoring einer neu einzurichtenden Gremium anvertraut werden, das mehrheitlich aus externen Experten und betroffenen Personen bestehen wird, ergänzt durch interne Fachleute.
Die gesetzlichen Grundlagen für diese neuen Strukturen wurden bereits mit der Aufarbeitungskommission und dem Betroffenenbeirat abgestimmt. In den nächsten Wochen könnte die neue Struktur in Kraft treten. Eine wissenschaftliche Studie über das Tatgeschehen im Bistum von 1945 bis 2022 wird Ende 2025 veröffentlicht. Besonders hervorgehoben wurden die negativen Rollen der sogenannten Bystander – Personen im Umfeld von Opfern, die oftmals die Aufdeckung von Missbrauch in der Kirche verhinderten.
Hintergründe und Entstehung
Die unabhängige Aufarbeitungskommission für das Passauer Bistum wurde im April 2021 ins Leben gerufen. Ihr erstes Treffen fand aufgrund der Corona-Pandemie online statt. Diese Kommission entstand in Zusammenarbeit mit den deutschen Bistümern und dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig. Ziel war es, Projekte zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der Kirche zu definieren.
Die Arbeit der Kommission sollte transparenter gestaltet werden, unter anderem durch Berichte, Presseveröffentlichungen, Vorträge und Informationsveranstaltungen. Bischof Stefan Oster äußerte, dass er die kirchlich-systemische Dimension des Missbrauchs zuvor unterschätzt habe. Nun hofft er, dass durch die Aufarbeitung betroffene Personen gehört und gesehen werden und Missbrauch in Zukunft besser verhindert werden kann.
Ein Vergleich mit der Evangelischen Kirche
<pIm Gegensatz zur katholischen Kirche liegt der Fokus der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auf individueller Aufarbeitung sexualisierter Gewalt. Die EKD verfolgt das Ziel, Verfahren zu Anerkennungszahlungen durch „Anerkennungskommissionen“ zu etablieren. Ein Forschungsprojekt namens ForuM zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche und Diakonie wurde im Dezember 2020 gestartet und zielt auf eine Gesamtanalyse der Strukturen ab, die sexualisierte Gewalt begünstigen. Die Ergebnisse dieser ForuM-Studie sollen im Januar 2024 veröffentlicht werden.
Am 13. Dezember 2023 wurde zudem eine „Gemeinsame Erklärung“ zwischen EKD, Diakonie Deutschland und der Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs unterzeichnet. Diese Erklärung legt verbindliche Kriterien und Standards für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt fest und soll die Grundlage für unabhängige, umfassende und transparente Aufarbeitung in allen evangelischen Landeskirchen schaffen.
Insgesamt zeigt sich, dass die katholische und die evangelische Kirche unterschiedliche Ansätze zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt verfolgen. Während die katholische Kirche in Passau auf neue Strukturen umschwenkt, bleibt die EKD auf individueller Ebene aktiv und etabliert neue Kommissionen.
Für die Betroffenen bleibt die Hoffnung, dass die neuen Ansätze in beiden Kirchen tatsächlich zu nachhaltigen Veränderungen führen und das Thema Missbrauch in der Institution Kirche endlich umfassend angegangen wird.