Vom Schulbuben in Mariahilf zum Kanzler: Gedenktafel erinnert an Bruno Kreiskys Wiener Wurzeln
An der Fassade der Astrid-Lindgren-Schule in Wien-Mariahilf hängt seit Kurzem eine Gedenktafel für Bruno Kreisky. Enthüllt wurde sie von Bezirksvorsteherin Julia Lessacher (SPÖ), Schuldirektorin Claudia Abendroth und dem Leiter des Bezirksmuseums, Marcus Bruckmann. Die Tafel soll die Verbindung zwischen dem späteren Bundeskanzler und dem Bezirk sichtbar halten.
Kreisky besuchte die Schule von 1917 bis 1921, damals noch als Knabenvolksschule in der Sonnenuhrgasse 3–5 geführt. Geboren wurde er am 22. Jänner 1911 in Wien. Später ging er auf ein Wiener Gymnasium, bevor er 1929 an der Universität Wien ein Jusstudium begann. Von 1970 bis 1983 war Kreisky österreichischer Bundeskanzler.
Vom Schüler in Mariahilf zum Sozialdemokraten
Bruno Kreisky kam als zweitältester Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie in Wien-Margareten zur Welt, in der Schönbrunner Straße 122. Sein Vater Max Kreisky (1876–1944) war Generaldirektor mehrerer Textilunternehmen, Zensor der Österreichischen Nationalbank und später Leiter einer Textilfabrik in Schweden. Die Mutter Irene, geborene Felix (1885–1969), stammte aus einer Familie mährischer Lebensmittelproduzenten; die Marke Felix besteht bis heute. Später nutzten politische Gegner Kreiskys Verwandte mütterlicherseits, um ihm persönlichen Reichtum und ausländische Industriebeteiligungen zu unterstellen.
Als Fünfjähriger erlebte Kreisky den Trauerzug für Kaiser Franz Joseph I. 1925 übersiedelte die Familie in die Rainergasse 29 im 4. Wiener Bezirk. Dort wurde Kreisky 1935 verhaftet. Während seiner Gymnasialzeit kam er mit der Sozialdemokratie in Kontakt: zunächst im Verband Sozialistischer Mittelschüler, ab 1927 in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ). 1930 wurde er Vorsitzender der SAJ-Regionalorganisation für Purkersdorf, Klosterneuburg und Tulln, 1933 übernahm er die Bildungs- und Kulturarbeit der SAJ.
Ursprünglich wollte Kreisky Medizin studieren. Otto Bauer überzeugte ihn jedoch mit dem Argument, die Partei brauche gute Juristen. 1929 begann er deshalb an der Universität Wien Rechtswissenschaften zu studieren. 1931 trat er aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus; später bezeichnete er sich als Agnostiker.
Während der Februarkämpfe 1934 verteilte Kreisky Propagandamaterial gegen die autoritäre Regierung Dollfuß. Nach der Auflösung der Sozialdemokratie beteiligte er sich am Aufbau der illegalen Revolutionären Sozialistischen Jugend und nahm an illegalen Parteitreffen in der Tschechoslowakei teil.
Am 30. Jänner 1935 wurde Kreisky in der Wohnung seiner Eltern verhaftet und 15 Monate inhaftiert. Im Gefängnis begegnete er auch verfolgten Nationalsozialisten; sein Zellengenosse war Egon Müller-Klingspor. Am 16. März 1936 begann der sogenannte Sozialistenprozess. Kreiskys Verteidigungsrede erregte international Aufmerksamkeit. Wegen Hochverrats wurde er zu einem Jahr Kerker verurteilt.
Am 3. Juni 1936 kam Kreisky frei, weil die Untersuchungshaft angerechnet wurde. Zugleich wurde er von allen Hochschulen relegiert. Nach der Ablehnung seines Antrags gegen die Relegierung im Dezember 1936 verließ er Wien vorübergehend. In Jadersdorf in Oberkärnten arbeitete er auf Vermittlung seines Vaters mehrere Monate als Hilfsarbeiter in einer Weberei.
Exil, Schweden und die Rückkehr
Anfang 1938 konnte Kreisky sein Studium fortsetzen und blieb politisch für die Revolutionären Sozialisten aktiv. Am 14. März 1938, einen Tag nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, legte er sein letztes Rigorosum ab. Auf die Aufforderung, den „Anschluss“ juristisch zu begründen, erklärte Kreisky, er bestreite dessen Rechtsgrundlage; dennoch wurde er bestanden.
Am 15. März 1938 wurde er in „Schutzhaft“ genommen. Im August kam er unter der Bedingung frei, Österreich unverzüglich zu verlassen. Über Dänemark gelangte er nach Schweden. Die Einreise nach Kopenhagen wurde erst durch ein kurzfristig beschafftes Durchreisevisum möglich. Zunächst beantragte Kreisky die Auswanderung nach Bolivien, erhielt dann aber eine Einladung des schwedischen Jungsozialisten Torsten Nilsson. Er emigrierte nach Schweden und ließ sich in Stockholm nieder.
Sein Cousin Herbert Felix gründete dort 1939 die Konservenfabrik Felix. Anfang 1939 wurde Kreisky mit Unterstützung seiner Kontakte ökonomischer Berater im Sekretariat der Stockholmer Konsumgenossenschaft. Daneben schrieb er für schwedische und ausländische Zeitungen. Beim Kongress der Sozialistischen Jugendinternationale in Lille im Juli 1939 wandte er sich gegen eine Fusion mit kommunistischen Jugendverbänden. Im sowjetisch-finnischen Winterkrieg arbeitete er als Kriegsreporter.
Im Februar 1940 kamen Kreiskys Eltern aus Wien nach Schweden. Im Sommer desselben Jahres lernte er den norwegischen Exilpolitiker Willy Brandt kennen. Daraus entstand eine lebenslange Freundschaft. Gemeinsam arbeiteten sie in der internationalen Gruppe demokratischer Sozialisten an Fragen der europäischen Nachkriegsordnung.
1941 wurde Kreisky Vorsitzender des Klubs österreichischer Sozialisten in Schweden. Er setzte sich früh für die österreichische Eigenstaatlichkeit ein und lehnte kommunistische Einflussnahme ab. Außerdem erreichte er, dass in Schweden internierte Wehrmachtssoldaten, die sich als Österreicher bekannten, als Militärflüchtlinge und nicht als Deserteure behandelt wurden.
Kreiskys Bruder Paul emigrierte 1938 nach Palästina. Trotz geringer persönlicher Kontakte unterstützte Kreisky ihn jahrzehntelang finanziell. 25 enge Verwandte Kreiskys wurden im Holocaust ermordet.
Nach der Befreiung Österreichs 1945 organisierte Kreisky schwedische Hilfslieferungen nach Österreich, ab Oktober 1945 als offizieller Beauftragter der schwedischen Regierung. Geliefert wurden unter anderem Medikamente, Trockenmilch und Lebensmittel für Kinder.
Im Mai 1946 kehrte Kreisky nach Wien zurück, konnte zunächst aber nicht wieder in die österreichische Politik einsteigen. Auf Drängen von Karl Renner, Adolf Schärf und Leopold Figl ging er nach drei Monaten nach Schweden zurück, um die österreichische Gesandtschaft aufzubauen. Ab 1947 war er Legationssekretär erster Klasse.
Ende 1950 wurde Kreisky nach Wien zurückberufen. Damit endeten zwölf Jahre Exil. Am 2. Jänner 1951 trat er als Legationsrat in der wirtschaftspolitischen Abteilung des Bundeskanzleramts seinen Dienst an. Dort arbeitete er unter anderem mit Hans Igler an Wirtschaftsplänen und Devisenübersichten.
Staatsvertrag, Außenpolitik und der Weg ins Kanzleramt
Im Juni 1951 wurde Kreisky außenpolitischer Berater von Bundespräsident Theodor Körner. Für Körners Rede vom November 1951 über die Zugehörigkeit des Burgenlands zu Österreich formulierte Kreisky den Abschnitt über eine mögliche österreichische Neutralität.
Bei der Nationalratswahl 1953 wurde die SPÖ stimmenstärkste Partei, während die ÖVP die Mandatsmehrheit behielt. Im April 1953 wurde Kreisky Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten in der Bundesregierung Raab I. Mit Karl Gruber und später Leopold Figl war er an den Verhandlungen zum österreichischen Staatsvertrag beteiligt.
Im April 1955 reiste Kreisky mit Raab, Schärf und Figl zu abschließenden Verhandlungen nach Moskau. Im Moskauer Memorandum sagte Österreich eine immerwährende Neutralität nach Schweizer Vorbild nach dem Abzug der Besatzungstruppen zu. Kreisky und Schärf lehnten es ab, die Neutralität im Staatsvertrag selbst festzuschreiben.
Am 15. Mai 1955 wurde der österreichische Staatsvertrag unterzeichnet. Kreisky bezeichnete diesen Tag später als den größten seines politischen Lebens. Wegen der Neutralität und des Anschlussverbots war ein Beitritt Österreichs zur EWG zunächst nicht möglich. Österreich unterstützte daher die britische Freihandelsinitiative und trat 1960 der EFTA bei.
1955 und 1956 wurde Kreisky in den SPÖ-Parteivorstand gewählt. Bei der Nationalratswahl 1956 zog er für den Wahlkreis St. Pölten in den Nationalrat ein und blieb dort bis 1983. 1959 wurde die SPÖ mit 44,8 Prozent knapp stimmenstärkste Partei. Im Sommer desselben Jahres übernahm Kreisky das Außenministerium im Kabinett Raab III. Das Außenamt wurde unter ihm zu einem eigenständigen Bundesministerium aufgewertet.
Als Außenminister pflegte Kreisky Kontakte zu Journalisten, setzte PR-Fachleute ein und vermittelte zwischen Ost und West. Er unterhielt Kontakte zu Konrad Adenauer, Charles de Gaulle und John F. Kennedy. Während der Kubakrise 1962 vermittelte er einen sowjetischen Vorschlag zur Deeskalation an die US-Regierung. Auf seine Initiative wurde Wien 1961 als neutraler Ort für das Gipfeltreffen zwischen Kennedy und Nikita Chruschtschow ausgewählt.
1960 brachte Kreisky die Südtirol-Frage vor die UN-Generalversammlung. Die UNO forderte Österreich und Italien daraufhin zur Fortsetzung ihrer Gespräche auf. 1964 erzielte Kreisky in einer Geheimkonferenz mit dem italienischen Außenminister Giuseppe Saragat erste Ergebnisse, die zur Grundlage des Südtirol-Pakets von 1969 wurden. Ebenfalls 1964 unterstützte er die Bildung eines sozialdemokratischen Flügels innerhalb der Südtiroler Volkspartei; daraus entstand 1966 die Soziale Fortschrittspartei Südtirols.
Kreisky besuchte als erster westlicher Außenminister Rumänien, Bulgarien und Ungarn. 1962 veranstaltete er eine Konferenz für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Partnerschaft. Die dort verabschiedete Wiener Erklärung enthielt erstmals seine Idee eines Marshallplans für die Dritte Welt. Anschließend gründete er das Wiener Institut für Entwicklungsfragen, den späteren VIDC. 1964 gründete Kreisky die Diplomatische Akademie Wien neu.
Bei der Nationalratswahl 1966 verlor die SPÖ die Stimmenmehrheit, die ÖVP erreichte die absolute Mehrheit. Gründe für die Niederlage waren unter anderem das Rundfunkvolksbegehren, die Fußachaffäre, die Olah-Affäre und Pittermanns Verhalten gegenüber der KPÖ. Kreisky führte gemeinsam mit Bruno Pittermann und Alfred Schachner-Blazizek erfolglose Koalitionsverhandlungen mit der ÖVP. Die SPÖ ging schließlich in Opposition.
Die Ära Kreisky: Reformen, Konflikte und Kredite
Im Wahlkampf 1970 stellte die ÖVP Josef Klaus als „echten Österreicher“ dar. Das wurde als indirekter Hinweis auf Kreiskys jüdische Herkunft und Emigration verstanden. Bei der Nationalratswahl am 1. März 1970 erreichte die SPÖ die relative Mehrheit. Kreisky bildete eine SPÖ-Minderheitsregierung mit Duldung der FPÖ. Im Gegenzug wurde das Wahlrecht geändert und die Zahl der Nationalratsabgeordneten von 165 auf 183 erhöht.
Vier Minister seiner ersten Regierung waren ehemalige Mitglieder von NSDAP, SS oder SA. Das führte zu Kritik von Simon Wiesenthal und im Ausland. Hans Öllinger trat als Minister zurück und wurde durch Oskar Weihs ersetzt.
Bei den vorgezogenen Wahlen 1971 errang die SPÖ die absolute Mehrheit. Dieses Ergebnis wiederholte sie 1975 und 1979. Nach der Wahl 1983, bei der die SPÖ die absolute Mehrheit verlor, übergab Kreisky das Kanzler- und Parteivorsitzamt an Fred Sinowatz. Er zog sich aus der Politik zurück und wurde SPÖ-Ehrenvorsitzender.
Unter Kreiskys Regierung wurde der Wohlfahrtsstaat ausgebaut. 1970 wurden die Witwenpensionen erhöht, 1971 ein dreiwöchiger Mindesturlaub eingeführt. 1972 folgten kostenlose jährliche Gesundenuntersuchungen und die freiwillige staatliche Krankenversicherung für Studierende; außerdem wurden Studienzeiten und Arbeitslosigkeit besser für Pensionen angerechnet. 1974 stiegen Familien- und Geburtenbeihilfe. 1976 erklärte Kreisky den Wohlfahrtsstaat weitgehend für vollendet.
1970 entstand unter Hertha Firnberg erstmals ein eigenes Wissenschaftsministerium. Die Studiengebühren wurden abgeschafft. Das Universitäts-Organisationsgesetz 1975 führte eine Drittelparität von Professoren, Mittelbau und Studierenden ein.
Auch Schule und Wehrwesen wurden umgebaut. Die Wehrdienstzeit wurde ab 1. Jänner 1971 von acht Monaten auf sechs Monate plus 60 Tage Wehrübungen umgestellt. 1975 wurden Milizheer, Jagdkampf und Raumverteidigung als Bestandteile der umfassenden Landesverteidigung festgelegt. Die allgemeine Wehrpflicht und der Zivildienst wurden 1975 verfassungsrechtlich verankert.
Zur Verbesserung des Bildungszugangs wurden 1972 kostenlose Schulbücher und Schülerfreifahrten eingeführt sowie Schulbeihilfen und Schulneubauten ausgeweitet. Das Schulorganisationsgesetz 1974 schrieb die Mitwirkung von Schüler- und Elternvertretern fest. Die Wochenarbeitszeit wurde 1975 von 43 auf 40 Stunden verkürzt.
Unter Justizminister Christian Broda wurden Familien- und Strafrecht umfassend reformiert. 1971 wurde die Strafbarkeit homosexueller Handlungen stark eingeschränkt; außerdem entfielen die Delikte Amtsehrenbeleidigung und Ehestörung. Die Strafrechtsreform 1975 war innenpolitisch weitgehend unumstritten. Im Familienrecht wurden Ehegatten sowie eheliche und uneheliche Kinder rechtlich stärker gleichgestellt, Scheidungen wurden erleichtert. Beim Schwangerschaftsabbruch setzte sich gegen Kreiskys bevorzugte Indikationslösung die Fristenregelung durch.
Ganz ohne Schatten blieb diese Zeit nicht. Nach 1970 wurde die Nichtverfolgung bestimmter NS-Verbrechen als „kalte Amnestie“ kritisiert. 1975 griff Kreisky Simon Wiesenthal wegen dessen Kritik an FPÖ-Obmann Friedrich Peter scharf an. Er bezeichnete Wiesenthal unter anderem als Gestapo-Agenten und „Nazi-Kollaborateur“. Die Auseinandersetzung löste antisemitische Reaktionen und Drohungen gegen Wiesenthal und jüdische Einrichtungen aus. Kreisky äußerte sich in einem Interview zudem abwertend über Juden. 1980 wurde er wegen übler Nachrede gegen Wiesenthal verurteilt und erhielt eine bedingte Geldstrafe.
Bei der Volksabstimmung über die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf 1978 stimmten 50,47 Prozent gegen die Inbetriebnahme. Damit war die Nutzung der Atomenergie in Österreich politisch beendet. Trotz der Niederlage errang die SPÖ bei der Wahl 1979 erneut die absolute Mehrheit.
Das von der ÖVP bekämpfte Konferenzzentrum in Wien wurde trotz eines Volksbegehrens mit 1.361.562 Gegenstimmen gebaut. Das 1987 eröffnete Gebäude heißt heute Austria Center Vienna.
Die Bundesfinanzschulden stiegen von 12,5 Prozent des BIP 1970 auf 32,4 Prozent 1983; nominal entsprach dies einem Anstieg von 3,4 auf 30,2 Milliarden Euro. Kreisky finanzierte Infrastruktur- und Staatsprojekte gemeinsam mit Finanzminister Hannes Androsch teilweise über Kredite. Gegen Ende der 1970er Jahre verschlechterte sich das Verhältnis zwischen Kreisky und Androsch. 1981 schied Androsch auf Druck Kreiskys aus der Spitzenpolitik aus; anschließend folgten Steuer- und Strafverfahren gegen ihn.
Die Wirtschaftspolitik der Regierung wurde später als „Austro-Keynesianismus“ bezeichnet. Sie kombinierte Steuerpolitik, Hartwährungspolitik, Sozialpartnerschaft und staatliche Unternehmen mit dem Ziel der Vollbeschäftigung. Bis 1980 wurden – mit Ausnahme von 1975 – hohe Wachstumsraten erzielt; Österreich verzeichnete Vollbeschäftigung, relativ niedrige Inflation und wenige Streiks.
Die Hartwährungspolitik führte zugleich zu einer schwachen Leistungsbilanz. Die verstaatlichte Industrie behielt auch nach dem Konjunktureinbruch 1975 hohe Investitionen und Beschäftigtenstände bei; notwendige Strukturanpassungen blieben aus. Ab 1981 verschärften Rezession und hohe Staatsschulden die wirtschaftlichen Probleme.
1982 legten Kreisky und Finanzminister Herbert Salcher das sogenannte „Mallorca-Paket“ zur Budgetsanierung vor. Ab 1982 stieg die Arbeitslosigkeit deutlich, blieb aber international vergleichsweise niedrig. Verstaatlichte Unternehmen erhielten zwischen 1981 und 1985 fast 21 Milliarden Schilling an staatlichen Zuschüssen. Zu den Verlustursachen gehörten unter anderem gescheiterte Auslandsgeschäfte und Spekulationen wie der Intertrading-Skandal.
Der Kanzler mit dem Blick nach draußen
Als Bundeskanzler setzte Kreisky seine intensive Außenpolitik fort. Außenminister in seinen Regierungen waren Rudolf Kirchschläger, Erich Bielka und Willibald Pahr. Kreisky unterstützte Kurt Waldheims Bewerbung zum UN-Generalsekretär; Waldheim wurde 1971 gewählt.
Im Nahostkonflikt pflegte Kreisky Kontakte zu arabischen Politikern wie Anwar as-Sadat und Muammar al-Gaddafi. Er ermöglichte der PLO die Einrichtung eines offiziellen Büros in Wien. Österreich blieb zugleich Transitland für sowjetische Juden auf dem Weg nach Israel.
Nach der Geiselnahme in Marchegg 1973 sagte Kreisky die Schließung des jüdischen Transitlagers in Bad Schönau zu. Die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir konnte ihn bei ihrem Besuch am 2. Oktober 1973 nicht umstimmen. Kreiskys Positionen zu Israel und zum Nahostkonflikt führten in Israel zu scharfer Kritik. Die OPEC-Geiselnahme 1975 in Wien änderte seine Nahostpolitik nicht.
Gemeinsam mit Willy Brandt und Olof Palme setzte sich Kreisky für den Nord-Süd-Dialog, Friedenspolitik und Entwicklungshilfe ein. Mit Brandt und Palme arbeitete er auch nach seinem Rücktritt in der Sozialistischen Internationale weiter.
Wie breit die Beschäftigung mit Kreisky bis heute ist, zeigt die Bibliografie der Deutschen Biographie. Zu den Monografien und Sammelbänden zählen Johannes Kunz (Hg.), Die Ära Kreisky. Stimmen zu einem Phänomen (1975), Erich Bielka von Karltreu/Peter Jankowitsch/Hans Thalberg (Hg.), Die Ära Kreisky. Schwerpunkte der österreichischen Außenpolitik (1983), Aktion kritische Wähler (Hg.), Brüche und Aufbrüche. Zum Wandel der Werte in der Politik (1985), Erich Fröschl/Helge Zoitl (Hg.), Der österreichische Weg. 1970–1985. 15 Jahre, die Österreich verändert haben (1985), Peter Pelinka/Gerhard Steger (Hg.), Auf dem Weg zur Staatspartei. Zur Geschichte und Politik der SPÖ seit 1945 (1988) und Maria Jose Corominas (Hg.), Bruno Kreisky. Un homme per a la pau. Mallorca 1976–1990 (1991).
Hinzu kommen Heinz Fischers Die Kreisky-Jahre. 1967–1983 (1993), H. Pierre Sechers Bruno Kreisky. Chancellor of Austria. A Political Biographie (1993), Herwig Danzingers Bruno Kreisky und die Zeitschrift „Profil“. Eine empirisch-inhaltliche Analyse (1994), Günter Bischof/Anton Pelinka (Hg.), The Kreisky Era in Austria (1994), das Austriaca 40 (1995), Bruno Kreisky des Centre d’Études et de Recherches Autrichiennes der Université de Rouen (1995), Konrad R. Müllers, Werner A. Pergers und Wolfgang Petritschs Bruno Kreisky. Gegen die Zeit (1995), Gabriele Bernadette Waldners Bruno Kreisky, Medienstar. Zur Bedeutung von Kalkül und Intuition in der politischen Kommunikation (1995), Harald Pesendorfers Bruno Kreisky. Transformation der SPÖ? Bruno Kreisky wird Parteiobmann (1996), Andreas P. Pittlers Bruno Kreisky (1996), Gerhard Schmids Die Ära Kreisky 1970–1983. Ihre Auswirkungen auf das politische System Österreichs (1996) und Werner Gatty/Gerhard Schmid/Maria Steiner, Die Ära Kreisky. Österreich im Wandel 1970–1983, herausgegeben von Doris Wiesinger (1997).
Die Liste setzt sich fort mit der Stiftung Bruno Kreisky Archiv/Historisches Museum der Stadt Wien (Hg.), Bruno Kreisky. Seine Zeit und mehr (1998), Gerhard Schmids Österreich im Aufbruch. Die österreichische Sozialdemokratie in der Ära Kreisky (1970–1983) (1999), Wolfgang Petritschs Bruno Kreisky. Ein biographischer Essay (2000), Christian Dickingers Der Kreisky-Androsch Konflikt (2000), Heinz Niederleitners „Vergatterung der Patrioten“. Das Medienereignis Schönau-Krise 1973 (2002), Barbara Liegl/Anton Pelinka, Chronos und Ödipus. Der Kreisky-Androsch-Konflikt (2004), Robert Kriechbaumers Die Ära Kreisky. Österreich 1970–1983 in der historischen Analyse, im Urteil der politischen Kontrahenten und in Karikaturen von Ironimus (2004), Elisabeth Röhrlichs Exilerfahrung und internationale Politik. Themen und Praxis der Außenpolitik Bruno Kreiskys (1970–1983) (2005) sowie Beppo Mauharts Ein Stück des Weges gemeinsam. Die Ära Kreisky/Androsch in Texten und Bildern (2006).
Später erschienen Gerald Hintereggers Im Auftrag Österreich. Gelebte Außenpolitik von Kreisky bis Mock (2008), Anton Pelinka/Hubert Sickinger/Karin Stögner, Kreisky – Haider. Bruchlinien österreichischer Identitäten (2008), Ulrike Felbers (Hg.) Auch schon eine Vergangenheit. Gefängnistagebuch und Korrespondenzen von Bruno Kreisky (2009), Elisabeth Röhrlichs Kreiskys Außenpolitik. Zwischen österreichischer Identität und internationalem Programm (2009), Wolfgang Petritschs Bruno Kreisky. Die Biografie (2010), Helene Maimanns Über Kreisky. Gespräche aus Distanz und Nähe (2011), Christoph Hirschmanns Ein Leben für die Sozialdemokratie. Bruno Kreisky. Sonnenkönig, Arbeiterführer und Einzelgänger (2018), Christoph Kotankos Kult-Kanzler Kreisky. Mensch und Mythos (2020), Ulrich Brunners Lernen S’ Geschichte, Herr Reporter! Bruno Kreisky. Episoden einer Ära (2020), Daniel Ascheims Kreisky, Israel, and Jewish Identity (2022), Günter Bischof/Peter Ruggenthaler, Österreich und der Kalte Krieg. Ein Balanceakt zwischen Ost und West (2022) und Günter Bischof/Michael Burri (Hg.), Bruno Kreisky’s Foreign Policy (2025).
Auch in Aufsätzen und Lexikonartikeln wurde die Figur immer wieder vermessen: Félix Kreissler/Denise Kreissler schrieben „Bruno Kreisky“ in Daniel Galerne (Hg.), Les Grands Revolutionnaires, Bd. 2 (1984), S. 99–188. Hans Eder veröffentlichte „Die Politik in der Ära Kreisky“ in Österreich 1945–1995 (1995), S. 186–199. Wolfgang C. Müller folgte mit „Bruno Kreisky“ in Die Politiker (1995), S. 353–365, Oliver Rathkolb mit „Bruno Kreisky“ in Lebensbilder europäischer Sozialdemokraten des 20. Jahrhunderts (1995), S. 249–272, und „Die Kreisky-Ära 1970–1983“ in Österreich im 20. Jahrhundert, Bd. 2 (1997), S. 305–353.
Genannt werden außerdem Günter Bischofs Artikel „Bruno Kreisky“ in Europe Since 1945. An Encyclopedia, Bd. 2 (2001), S. 747–750, Oliver Rathkolbs „Sozialdemokratische Netzwerke in der europäischen Nahostpolitik. Brandt, Kreisky und Palme als politische Unternehmer“ in Netzwerke im europäischen Mehrebenensystem (2008), S. 121–137, sowie „Bruno Kreisky (1911–1990), Der ‚beste zweite Mann‘ als beliebtester Bundeskanzler der Zweiten Republik“ in Sozialdemokratische Regierungschefs in Deutschland und Österreich 1918–1983 (2017), S. 247–281.
Fotografien und Karikaturen lieferten Bruno Kreisky, fotografiert von Konrad R. Müller, mit Texten von Gerhard Roth/Peter Turrini (1981), Irene Etzersdorfers Kreiskys große Liebe, Inszenierungen eines Staatsmannes (1987), Doris Fuchs’ Bruno Kreisky in der Karikatur (1995), Andreas Pittlers Das Bruno Kreisky Album (2010), Hans Werner Scheidls Der wahre Kreisky. Eine Biographie in Anekdoten und Karikaturen mit Illustrationen von Ironimus/Gustav Peichl (2010) und Margret Wenzel-Jelinek (Hg.), Kreisky und kein Nachfolger (2017).
Weitere Nachweise befinden sich auf den Seiten des Kreisky-Archivs in Wien; die Quelle ist als Onlineressource angegeben. Die neue Tafel in Mariahilf bringt diese weit verzweigte Geschichte wieder an einen konkreten Ort zurück: an eine Schulfassade, an der Kreisky als Bub ein- und ausging, lange bevor sein Name auf Staatsverträgen, Wahlplakaten und internationalen Konferenztischen stand.
