Am Wiener Nordbahnhof verbindet die „Freie Mitte“ Stadtgrün mit der Erinnerung an NS-Deportationen
Am 5. November 2026 ist am ehemaligen Wiener Nordbahnhof in der Leopoldstadt ein Ort eröffnet worden, der zwei sehr unterschiedliche Ebenen zusammenbringt: Die rund zehn Hektar große „Freie Mitte“ ist fertiggestellt, daneben wurde die frei zugängliche Dauerausstellung „Verdrängte Jahre. Bahn und Nationalsozialismus in Österreich 1938–1945“ vorgestellt. Naturraum, Stadtentwicklung und Erinnerung stehen hier unmittelbar nebeneinander.
Rund um den sanierten historischen Wasserturm ist auf dem früheren Bahngelände ein Natur- und Erinnerungsort entstanden. Grünflächen und Aufenthaltsbereiche bieten Raum für Erholung und Begegnung, zugleich ist das Areal Lebensraum für verschiedene Arten. Als grünes Zentrum des neuen Nordbahnhofviertels verbindet die „Freie Mitte“ die Geschichte des ehemaligen Bahngeländes mit der Entwicklung eines modernen Stadtviertels.
Informationstafeln rund um die Uhr zugänglich
Die Ausstellung erinnert an die Rolle des Nordbahnhofs während der NS-Zeit als Ausgangspunkt für Deportationen. Die Informationstafeln stehen rund um die Uhr im öffentlichen Raum neben dem Wasserturm und sind kostenlos zugänglich. Sie dokumentieren die Verfolgung und Deportation tausender Menschen, die Rolle der Eisenbahn im Nationalsozialismus sowie die Geschichte des Nordbahnhofs und des Wasserturms.
Erzählt wird auch, wie sich der Bahnhof im späten 19. und 20. Jahrhundert entwickelte, welche Bedeutung die Eisenbahn während der Industrialisierung hatte und wie das Areal zum heutigen Stadtviertel mit Wohnhäusern, Schulen und Grünflächen wurde. Das Nordbahnhof-Areal umfasst rund 85 Hektar. Weitere Tafeln widmen sich dem Bahnhof als bedeutendem Wiener Verkehrsknotenpunkt.
Konzipiert wurde die Ausstellung von Traude Kogoj, Leiterin der ÖBB-Abteilung „Diversity & Inclusion“. Wissenschaftlich begleitet wurde sie von Oliver Rathkolb, dem Historiker und früheren langjährigen Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien. Rathkolb verwies darauf, dass die Schau ein ÖBB-Projekt aus dem Jahr 2012 zur Geschichte der Bahn in der Neuzeit in Österreich fortsetzt.
Die Rahmenkonstruktionen der Tafeln gestalteten und errichteten Lehrlinge der Österreichischen Bundesbahnen. Bei einer Führung erhielten die Gäste Informationen zur Ausstellung und zur Geschichte des Nordbahnhofs. An der Veranstaltung nahmen unter anderem Alexander Nikolai, Bezirksvorsteher der Leopoldstadt, Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, ÖBB-Infrastruktur-Vorständin Silvia Angelo, Oliver Rathkolb, Konstanze Breitebner, Traude Kogoj und Milli Segal teil.
Von Kriegstransporten bis zu Deportationen
Die Tafeln machen deutlich, dass die Bahn im Nationalsozialismus nicht nur für militärische Transporte eingesetzt wurde. Fast eine Million österreichische Soldaten wurden an die russische Front gebracht; viele wurden getötet, schwer verwundet oder kehrten traumatisiert zurück. Zugleich wurden von zwei großen Wiener Bahnhöfen mehr als 50.000 Wiener Jüdinnen und Juden deportiert und im Osten ermordet. Der Nordbahnhof war einer der Ausgangsbahnhöfe. Von dort wurden Menschen unter anderem in das Ghetto Theresienstadt und anschließend nach Auschwitz verschleppt.
Oskar Deutsch betonte die Bedeutung einer solchen Ausstellung im öffentlichen Raum. Antisemitismus, sagte er, habe sich von Worten und Ausgrenzung bis zum Massenmord entwickelt. Silvia Angelo erklärte, die Auseinandersetzung mit der Geschichte solle auch das Bewusstsein für heutige Verantwortung stärken. Alexander Nikolai bezeichnete die „Freie Mitte“ als zentralen Grün- und Begegnungsraum des Nordbahnviertels. Stadtentwicklung, Naturraum und Erinnerungskultur sollen hier miteinander verbunden werden.
Die historischen Abläufe reichen weit zurück. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 wurde die Auswanderung aus dem Deutschen Reich schwieriger: England schränkte die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem deutschen Machtbereich ein, Frankreich, Belgien und die Niederlande wurden im Frühjahr 1940 von der Wehrmacht besetzt, Fluchtrouten brachen weg. Nach der Eroberung Polens standen weitere rund drei Millionen Juden unter deutscher Herrschaft. Die Nationalsozialisten gingen davon aus, dass diese Menschen nicht mehr ins Ausland vertrieben werden konnten.
Im Oktober 1939 wurden bei der Nisko-Aktion erstmals Jüdinnen und Juden aus Wien nach Nisko am San deportiert. Ziel war der Aufbau eines „Judenreservats“ im Generalgouvernement. Adolf Eichmann, damals Leiter der Zentralstellen für jüdische Auswanderung in Wien und Prag, organisierte die Transporte gemeinsam mit seinem Stellvertreter Rolf Günter. Rund 3.900 Juden aus Kattowitz, Ostrava und Wien wurden nach Nisko gebracht. Der Plan scheiterte am Widerstand des Generalgouverneurs Hans Frank und seines Stellvertreters Arthur Seyß-Inquart.
Von Februar bis März 1941 wurden auf Betreiben des Reichsstatthalters Baldur von Schirach rund 5.000 Wiener Jüdinnen und Juden vom Aspangbahnhof ins Generalgouvernement deportiert. Als Sammellager dienten die Schulen in der Castellezgasse 35 und in der Kleinen Sperlgasse 2A. Der erste Transport mit 1.000 Personen verließ Wien am 15. Februar 1941, nach dem fünften Transport am 12. März 1941 wurden die Deportationen wegen der Kriegslage vorerst eingestellt. Die Zielorte waren polnische Kleinstädte, die auf die Ankunft tausender Menschen nicht vorbereitet waren. Hunger und Epidemien folgten; zunächst waren die Orte offene Ghettos, in denen man sich bewegen, sie aber nicht verlassen durfte.
Die Bahn als zentrales Transportmittel der Shoah
Nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung in den besetzten sowjetischen Gebieten. Einsatzgruppen der SS sowie der Sicherheits- und Ordnungspolizei rückten mit etwa 3.000 Männern gemeinsam mit regulären Truppen vor. Reinhard Heydrich koordinierte die Umsetzung der Vernichtungspläne; Hermann Göring erteilte ihm am 31. Juli 1941 die Vollmacht zur Vorbereitung der „Endlösung“ im gesamten deutschen Machtbereich.
Am 7. August 1941 wurde jüdischen Männern zwischen 18 und 45 Jahren die Auswanderung verboten, am 23. Oktober galt das Verbot für die gesamte jüdische Bevölkerung. Seit 1. September durften Jüdinnen und Juden ihren Wohnort nur noch mit schriftlicher Genehmigung verlassen, seit 19. September mussten alle als jüdisch definierten Personen ab dem sechsten Lebensjahr den Judenstern tragen.
Im Oktober 1941 begannen die großen Deportationen in Ghettos und Konzentrationslager im Osten. Der erste Transport startete am 15. Oktober 1941 vom Wiener Aspangbahnhof. Zwischen dem 15. Oktober und dem 5. November 1941 wurden 4.995 Jüdinnen und Juden aus Österreich nach Łódź deportiert. Weitere Transporte gingen zwischen dem 23. November und dem 3. Dezember 1941 nach Kowno/Kaunas, Riga und Minsk.
Bei der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 trafen sich in Berlin Staatssekretäre und SS-Funktionäre. Deportationen und Massenmorde hatten da längst begonnen; nun sollte die Vernichtung auf den gesamten nationalsozialistischen Herrschaftsbereich ausgeweitet werden. Begriffe wie „Endlösung“, „Aussiedlung“ und „Evakuierung“ verschleierten Deportation und Ermordung. Im Winter 1941 und Frühjahr 1942 wurden Vernichtungslager mit Gaskammern in Bełżec, Lublin/Majdanek, Chełmno/Kulmhof, Sobibór, Treblinka und Auschwitz-Birkenau errichtet. Viele österreichische Jüdinnen und Juden wurden nach Überstellungen aus Ghettos und Lagern wie Opole, Łódź und Theresienstadt dort ermordet.
Das von Adolf Eichmann geleitete Referat IV B-4 war für Erfassung und Abtransport zuständig. Es arbeitete meist mit der örtlichen Gestapo, in Wien, Prag und Berlin mit den Zentralstellen für jüdische Auswanderung. Das Reichssicherheitshauptamt bezahlte der Reichsbahn normale Fahrpreise dritter Klasse für die Deportierten, Wachmannschaften erhielten Rückfahrkarten. Die Deutsche Reichsbahn, zu der von 1938 bis 1945 auch die österreichische Bundesbahn gehörte, bildete das zentrale Transportmittel für Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager. Rund die Hälfte der Shoah-Opfer wurde mit der Eisenbahn deportiert.
Die frühere Auswanderungsabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde musste ab Beginn der Deportationen für die Zentralstelle für jüdische Auswanderung arbeiten. Leiter war seit 1940 Rabbiner Benjamin Murmelstein. Die Abteilung ordnete Namen und Adressen Wiener Jüdinnen und Juden, erstellte Deportationslisten und musste teilweise als Ordner und Rechercheure tätig werden sowie Menschen in Sammellager überstellen. Etwa 24 Stunden vor einer „Aushebung“ erhielt die IKG die Namensliste. Dringend benötigte Personen konnten von leitenden Funktionären gestrichen werden – dafür wurden andere deportiert.
Benjamin Murmelstein wurde am 28. Januar 1943 gemeinsam mit seiner Familie und mehreren IKG-Funktionären nach Theresienstadt deportiert. Genannt werden Heinrich Dessauer, Julius Boschan und Maurycy Moses Grün.
Aspangbahnhof, Nordbahnhof und die Zahlen dahinter
Seit April 1938 wurden Gefangenentransporte vom Wiener Westbahnhof nach Dachau, Buchenwald und später Mauthausen durchgeführt. Die großen Deportationen Wiener Jüdinnen und Juden erfolgten jedoch vom weniger frequentierten Aspangbahnhof im 3. Wiener Bezirk. Die ersten Transporte von dort fuhren am 20. und 26. Oktober 1939 nach Nisko; insgesamt wurden 1.584 Männer deportiert.
Im Februar und März 1941 folgten Transporte mit 5.031 Jüdinnen und Juden. Zwischen Oktober 1941 und Oktober 1942 wurden in 40 Transporten 40.420 Personen deportiert. Insgesamt gingen von Februar 1941 bis Oktober 1942 45 Transporte mit 45.451 Jüdinnen und Juden aus Österreich vom Aspangbahnhof ab. Spätere kleinere Transporte und Einzeltransporte wurden vom Nord- und Nordwestbahnhof abgefertigt.
Die Opfer wurden in offenen Lastwagen von den Sammellagern im 2. Bezirk über Schwedenplatz, Ringstraße und Ungargasse zum Aspangbahnhof gebracht. Dort wartete jeweils ein Zug mit einer Kapazität von etwa 1.000 Personen. Den Zielort erfuhren die Betroffenen meist erst kurz vor der Abfahrt. Die Fahrten dauerten zwei Tage bis eine Woche.
Nach den großen Deportationen wurden kleinere Gruppen vom Nordbahnhof verschleppt, manchmal bestand ein Transport aus nur einer Person. Zwischen 1943 und 1945 wurden insgesamt 1.874 Personen, vor allem nach Theresienstadt und Auschwitz, deportiert. Einige Dutzend kamen nach Buchenwald, Mauthausen und in andere Konzentrationslager. Viele Betroffene besaßen eine ausländische Staatsangehörigkeit, deren Schutz in den letzten Kriegsjahren nicht mehr anerkannt wurde. Auch Verstöße gegen NS-Vorschriften – etwa das Nichttragen des Judensterns, Schwarzmarkthandel, Hilfe für „U-Boote“ oder Arbeitsverweigerung – führten bei zunächst geschützten Personen zur „Schutzhaft“ und KZ-Überstellung. Dazu gehörten jüdische Ehepartner und Kinder aus sogenannten Mischehen. Die Verhaftungen sind in Gestapo-Tagesberichten dokumentiert.
Als letzter großer Transport aus Wien wird häufig der 8. März 1945 nach Theresienstadt genannt. Tatsächlich handelte es sich bei den 1.072 Deportierten um ungarisch-jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die im Durchgangslager Strasshof an der Nordbahn in Züge verladen worden waren.
Erinnerung in der Stadt
Zwischen 1939 und 1945 wurden aus der „Ostmark“ insgesamt 48.953 Personen deportiert. Nach Erhebungen von Jonny Moser überlebten davon 1.734 Personen. Zielorte waren unter anderem Nisko, Opole, Kielce, Modliborzyce, Łagów/Opatów, Izbica, Łódź, Riga, Minsk/Maly Trostinec, Theresienstadt und Auschwitz. Von den aus Wien Deportierten kamen rund 15.122 nach Theresienstadt und 9.471 nach Minsk/Maly Trostinec. Etwa die Hälfte der aus dem ehemaligen Österreich stammenden Jüdinnen und Juden wurde zwischen August 1942 und Oktober 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz oder Minsk/Maly Trostinec weitertransportiert und ermordet. Zur Zahl der österreichischen Shoah-Opfer zählen auch aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden und anderen Ländern deportierte österreichische Jüdinnen und Juden. Insgesamt wurden mehr als 66.000 österreichische Jüdinnen und Juden Opfer der Shoah.
Das Wien Geschichte Wiki verweist mit der Gedenktafel auf dem Gelände des ehemaligen Aspangbahnhofs ebenfalls auf die deportierten Jüdinnen und Juden. Das politische Ereignis ist dem Zeitraum 1939–1945 und der Wien Geschichte Wiki-ID 3211 zugeordnet; als ursprüngliche Ressource wird Felix Czeikes Historisches Lexikon Wien genannt. Die Seite wurde zuletzt am 10.07.2026 durch WIEN1.lanm09lue geändert. Als Bild ist „Aspangbahnhof Kopie.jpg“ angeführt, die Bildunterschrift lautet: „Gedenktafel in Erinnerung an die deportierten Jüdinnen und Juden am Gelände des ehemaligen Aspangbahnhofs.“ Verweisende Themen sind Zweiter Weltkrieg, jüdische Geschichte und NS-Zeit.
Eine historische Aufnahme zeigt die Deportation von Juden aus dem Sammellager Kleine Sperlgasse 2a. Sie stammt aus einem Album des Gestapobeamten Josef Weiszl. Die dauerhaft zugänglichen Tafeln am Nordbahnhof setzen nun einen weiteren sichtbaren Punkt in dieser Wiener Erinnerungslandschaft – mitten in einer Grünanlage, neben dem alten Wasserturm, zwischen neuen Häusern und dem ganz normalen Stadtgeräusch.
