Wien, die Stadt der Geschichte und der lebendigen Traditionen, steht vor einem Wandel in der Kirchenlandschaft. Dompfarrer Toni Faber, das Gesicht des Wiener Stephansdoms seit 30 Jahren, hat nicht nur die Herzen vieler Gläubiger gewonnen, sondern auch eine bemerkenswerte Rolle in der Stadtpolitik eingenommen. Seit 2020 arbeitet er eng mit der SPÖ unter Bürgermeister Michael Ludwig zusammen und hat sich als Verfechter von Verkehrsentlastungsmaßnahmen in der Innenstadt positioniert. Doch Faber hat auch Bedenken geäußert, dass die Verkehrsberuhigung die Gläubigen daran hindern könnte, zur Messe zu kommen. Dies zeigt, wie eng die Verbindung zwischen Kirche und Stadtpolitik in Wien ist, und es ist ein Balanceakt, den Faber mit Bravour meistert. Hier kann man mehr über seine Ansichten nachlesen.
Am Horizont zeichnet sich jedoch ein Wandel ab: Der neue Wiener Erzbischof Josef Grünwidl plant, Faber mit 65 Jahren in den Ruhestand zu schicken. Faber selbst hat signalisiert, dass er sich eine Ablösung inzwischen vorstellen kann. Dennoch bleibt er eine schillernde Figur in Wien. Seine Fähigkeit, als „Verbinder“ zu agieren, hat ihm enge Kontakte zu vielen Bezirksvorstehern eingebracht. Er hat sich nicht nur als Seelsorger, sondern auch als politischer Akteur etabliert. Diese Position könnte für seinen Nachfolger eine große Herausforderung darstellen, da Fabers Netzwerk auch nach einer möglichen Pensionierung bestehen bleibt.
Ein komplexes Verhältnis zum Zölibat
Ein interessanter Aspekt in Fabers Karriere ist sein Umgang mit dem Zölibat. Im Gespräch mit Erzbischof Grünwidl wurde deutlich, dass Faber eine „Lösung gefunden“ hat, mit der er sich jedoch schwertut, ohne gegen die Regeln zu verstoßen. Er erscheint häufig in Begleitung einer Frau, Natalie, und bezeichnet sie nicht als Lebensgefährtin. Das wirft Fragen auf, ob das zölibatäre Leben tatsächlich immer eine Voraussetzung für das Priesteramt sein muss. Grünwidl selbst steht dem Thema kritisch gegenüber und hat in der Vergangenheit angedeutet, dass auch er sich eine Diskussion über den Zölibat wünschen würde. Faber hat den Zölibat sogar als „dehnbar“ bezeichnet, was in der katholischen Kirche eine gewaltige Diskussion auslösen könnte.
Seine Priesterliche Arbeit wird von Grünwidl gewürdigt, und es ist klar, dass Faber in seiner Rolle als Dompfarrer viel bewirkt hat. Während der Pandemie eröffnete er sogar eine Impfstraße im Stephansdom, was nicht nur seine Anpassungsfähigkeit zeigt, sondern auch seinen Mut, sich in kontroversen Themen zu engagieren. Und obwohl er bald in den Ruhestand gehen könnte, bleibt der Gedanke, als einfacher Priester in St. Stephan tätig zu sein, für ihn eine attraktive Perspektive.
Ein Netzwerk, das bleibt
Kaum ein anderer hat es geschafft, ein so dichtes Netzwerk in Wien aufzubauen wie Faber. Während viele seiner Vorgänger weniger präsent waren, hat er sich als bedeutende Stimme in der Stadt etabliert. Er unterstützt die SPÖ in Fragen wie der Sonntagsöffnung und tritt medienwirksam auf – eine Strategie, die ihm viel Respekt eingebracht hat. Gleichzeitig distanzierte er sich höflich von der FPÖ, als diese den Dom im Wahlkampf für ihre Zwecke nutzen wollte. Das zeigt, dass Faber seine Position nicht nur als Seelsorger, sondern auch als politischer Akteur versteht und ernst nimmt.
Doch die Diskussion über die Ablösung und die Herausforderungen, die mit dem Zölibat verbunden sind, werfen einen Schatten auf sein Wirken. Paul M. Zulehner, ein bekannter Wiener Pastoraltheologe, äußert, dass Fabers Situation im Vergleich zu globalen Konflikten unbedeutend sei. Dennoch bleibt er optimistisch, dass Fabers Umgang mit dem Zölibat zu einer kreativen Weiterentwicklung in der Kirche führen könnte. Ein Wille zur Veränderung könnte in der katholischen Kirche vonnöten sein, um sich den aktuellen Herausforderungen zu stellen.
So bleibt abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln werden. Eines ist sicher: Toni Faber wird auch nach seinem möglichen Rückzug aus der aktiven Rolle in der Öffentlichkeit nicht einfach verschwinden. Sein Einfluss und sein Netzwerk werden weiterhin in der Stadt spürbar sein. Wien wird ohne ihn nicht mehr dasselbe sein.
