Der Prozess um einen mutmaßlichen Ehrenmordversuch hat am Wiener Landesgericht begonnen. Angeklagt ist ein 51-jähriger afghanischer Vater, der beschuldigt wird, im November 2025 mehr als ein Dutzend Mal mit einem Küchenmesser auf seine 15-jährige Tochter eingestochen zu haben. Die Tat soll aus dem Motiv heraus geschehen sein, die „Familienschande“ zu tilgen, da das Mädchen eine Beziehung zu einem nicht-muslimischen, nicht-afghanischen Freund pflegte. Der Vorfall ereignete sich am 24. November in einer offenen Straße, wo die Tochter schwer verletzt wurde und Passanten aufgrund ihrer Schreie die Rettungskräfte alarmierten.
Der Angeklagte gab zu Beginn der Verhandlung ein Geständnis ab, distanzierte sich jedoch später von diesen Aussagen. Er äußerte gegenüber der Polizei: „Das ist mein Recht. Sie hat einen Freund!“ Dies wirft Fragen auf, die weit über den Einzelfall hinausreichen und die gesellschaftlichen Strukturen und Werte beleuchten. Nach Aussage des Vaters sei seine Tochter problematisch gewesen, und er habe nie Streitigkeiten über ihre Beziehung gehabt. Er betonte zudem, dass er seine Kinder nie geschlagen habe und Menschlichkeit für wichtig halte. Am Tag der Tat hatte er eine Zahnbehandlung unter Narkose, was möglicherweise zu einem Verlust der Kontrolle während eines Streits mit seiner Tochter führte.
Ehrenmorde und patriarchale Strukturen
Ehrenmorde sind ein Thema, das nicht nur in Österreich, sondern weltweit immer wieder für Aufsehen sorgt. Der Fall des Vaters in Wien erinnert an zahlreiche andere Fälle, in denen Frauen und Mädchen als Hüterinnen der Familienehre betrachtet werden. Ein besonders bekannter Fall ist der der Hatun Aynur Sürücü, die im Februar 2005 in Berlin-Tempelhof von einem ihrer Brüder erschossen wurde. Auch hier spielte die Trennung von einem Cousin, mit dem sie gegen ihren Willen verheiratet wurde, eine entscheidende Rolle. Solche Taten führen häufig zu einer verstärkten politischen Aufmerksamkeit auf das Phänomen der Ehrgewalt, die oft auf patriarchalen Strukturen beruht.
Es ist interessant zu bemerken, dass Ehrgewalt nicht auf bestimmte Religionsgemeinschaften oder Kulturen beschränkt ist. Vielmehr handelt es sich um ein globales Phänomen, das in vielen Gesellschaften, auch in europäischen, zu finden ist. Die Gewalt äußert sich in verschiedenen Formen: von Ehrenmorden über Blutrache bis hin zu Zwangsheiratspraktiken und psychischer Gewalt. Besonders betroffen sind oft Frauen und Mädchen, die unter einem enormen Druck stehen und in vielen Fällen Suizidalität und emotionalen Druck erleben, was die Notwendigkeit von Präventionsmaßnahmen und Opferschutz eindringlich unterstreicht.
Gesellschaftliche Relevanz und Ausblick
In Deutschland beispielsweise werden Ehrenmorde als spezifische Form von Femiziden betrachtet und sind häufig mit migrantischen Familien verbunden. Die Dunkelziffer ist dabei alarmierend hoch, und viele Fälle bleiben unentdeckt. Laut einer Studie des Bundeskriminalamtes aus dem Jahr 2011 wurden zwischen 1996 und 2005 in Deutschland 109 versuchte Ehrenmorde dokumentiert, wobei die Mehrheit der Täter aus der Türkei stammte. Der Begriff „Ehrenmord“ ist umstritten, da einige Experten argumentieren, er werde zu allgemein verwendet. Dennoch ist klar, dass diese Taten oft von Männern an Frauen in patriarchalisch geprägten Familien verübt werden.
Um dem entgegenzuwirken, sind Aufklärungsarbeit und Sensibilisierung in Schulen und Gemeinschaften unerlässlich. Initiativen wie HEROES und SheRoes arbeiten daran, das Verständnis von Ehre zu hinterfragen und Gleichstellung zu fördern. Das Gewalthilfegesetz in Deutschland könnte den Schutz von Betroffenen verbessern, und viele Bundesländer finanzieren bereits Präventionsprojekte. In den kommenden Jahren sind weitere Maßnahmen notwendig, um die Gewalt zu reduzieren und Betroffenen zu helfen, denn der Kampf gegen Ehrgewalt ist noch lange nicht vorbei.