Heute ist der 20.04.2026 und die Stadt Wien-Alsergrund ist bereit, die deutschsprachige Erstaufführung von Rebecca Watsons Roman „Little Scratch“ zu erleben. Diese Inszenierung, die in Zusammenarbeit mit der Musik- und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK) und dem Schauspielhaus aufgeführt wird, behandelt ein sensibles und aktuelles Thema: den Alltag einer jungen Frau nach einem sexuellen Übergriff. Die Protagonistin, die von ihrem Vorgesetzten vergewaltigt wurde, versucht verzweifelt, das Trauma zu verdrängen, während sie im Büro so tut, als wäre nichts geschehen. Ihr Vorgesetzter hingegen scheint keinerlei Schuld zu empfinden.
Die Inszenierung wird von Blanka Rádóczy geleitet und umfasst acht Schauspielstudierende, die die verschiedenen Facetten der Protagonistin darstellen. In einem eindrucksvollen Stil, der als eine Art Traumabewältigungs-Musical interpretiert werden kann, singen und sprechen die Darsteller im Chor. Besonders prägnant ist das Lied „Kratzen, kratzen, kratzen“, das während der Vorbereitung der Protagonistin auf ein Date mit ihrem Freund zu hören ist. Es thematisiert die Ambivalenz zwischen dem Trauma und dem Wunsch nach Intimität, während unerwünschte Erinnerungen aufkommen.
Kreative Traumapädagogik im Theater
Die Bühnen- und Kostümbildnerin Andrea Simeon hat für die Aufführung eine nostalgische Atmosphäre geschaffen, indem sie das Bühnenbild mit acht Waschbecken gestaltet hat, die als Bürokojen dienen. Diese Anordnung unterstreicht den inneren Konflikt der Protagonistin und verstärkt die emotionale Wirkung des Stücks. Gleichzeitig eröffnet die Theaterarbeit Räume für Selbstentdeckung und fördert die Selbstheilungskräfte der Zuschauer. In der traumasensiblen Theaterarbeit, wie sie von der Regisseurin Pia Donkel propagiert wird, wird ein geschützter Erfahrungsraum geschaffen, der die Teilnehmenden ermutigt, ihre Gedanken, Befürchtungen und Wünsche offen zu benennen.
Theater spricht alle Sinne an und hat nachweislich einen positiven Einfluss auf das Nervensystem und die Selbstregulation. Die Bewegungen und die Möglichkeit zur Selbstwirksamkeit bieten Gegenmittel gegen Erstarrung und Ohnmacht. Diese Ansätze finden sich nicht nur in der Inszenierung von „Little Scratch“, sondern auch in der breiteren Bewegung der traumasensiblen Theaterarbeit, die in vielen Einrichtungen angeboten wird.
Gesellschaftliche Relevanz und Empowerment
Ein weiteres wichtiges Element im Kontext der Traumarbeit ist das WenDo-Programm, das speziell für Frauen* und Mädchen* entwickelt wurde. Es berücksichtigt deren Bedürfnisse und fördert die Stärkung der Selbstwirksamkeit. Durch die Ausbildung in WenDo können Frauen* lernen, ihre eigenen Kursangebote zu entwickeln und sich als Trainerinnen selbständig zu machen. Hierbei wird ein queer-feministisches, emanzipatorisches Menschenbild vermittelt, das intersektionale Perspektiven berücksichtigt und den Fokus auf Genderdiversität und Rassismus-Sensibilität legt.
Die Kombination aus Theaterarbeit und Empowerment-Programmen wie WenDo zeigt, wie wichtig es ist, Räume zu schaffen, in denen Betroffene von Gewalterfahrungen gestärkt werden können. Die Inszenierung von „Little Scratch“ ist somit nicht nur ein künstlerisches Ereignis, sondern auch ein Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion über Trauma, Intimität und die Herausforderungen, die viele Frauen im Alltag bewältigen müssen. Die Aufführung lädt dazu ein, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen und ein Bewusstsein für die Komplexität menschlicher Erfahrungen zu entwickeln.
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