Elfriede Gerstls Spielräume zwischen Stimme, E-Gitarre und Schlagzeug in Zwettl
Am Samstag, 7. November 2026, wird in der Kulturplattform ARTifex in Zwettl an der Rodl Literatur nicht still im Sessel sitzen bleiben. Um 19:00 Uhr beginnt dort die Rocklesung „Literatur trifft auf Rockmusik“ im Bezirk Urfahr-Umgebung.
Stéphanie Prince, Schauspielerin und Vortragskünstlerin, liest Texte der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Gerstl (1932–2009). Gerstls Arbeiten gelten als poetisch, ironisch, sprachspielerisch und gesellschaftskritisch – also als Texte, die gern um die Ecke denken und dabei trotzdem nicht auf den Mund gefallen sind.
Wort trifft E-Gitarre
Für den musikalischen Teil sorgt das Linzer Duo Herrbart & Fraulicht. E-Gitarre, Schlagzeug und Gesang begleiten die Lesung; stilistisch verbindet das Duo Poetry, Deutschblues und Rock. Literatur und Livemusik werden dabei direkt miteinander verzahnt, bevor Herrbart & Fraulicht anschließend weitere Songs aus dem eigenen Repertoire spielen.
Wer sich vorab ein Bild machen möchte, findet Informationen auf artifex.contact sowie auf den Facebook- und YouTube-Seiten von Herrbart & Fraulicht. Mehr als ein stiller Literaturabend wird das jedenfalls nicht – dafür sorgen schon Schlagzeug und E-Gitarre.
Eine Wiener Stimme mit vielen Spielräumen
Elfriede Gerstl wurde am 16. Juni 1932 in Wien geboren und starb dort am 9. April 2009. Als jüdisches Kind überlebte sie die Zeit des Nationalsozialismus in Wien in verschiedenen Verstecken. Nach 1945 besuchte sie eine Maturaschule und legte 1951 die Matura ab. Bis 1960 studierte sie an der Universität Wien Medizin und Psychologie, schloss das Studium aber nicht ab.
Ab 1955 veröffentlichte Gerstl Texte in Literaturzeitschriften. Sie schrieb Gedichte, Essays und kurze Prosastücke und war im Umfeld der Wiener Gruppe aktiv. Ein Schwerpunkt ihres Engagements waren Geschlechterrollen; Gerstl trat als Feministin hervor. 1963 nahm sie am Literarischen Colloquium Berlin teil, von 1963 bis 1971 hielt sie sich wiederholt längere Zeit in Berlin auf. Ab 1972 lebte sie ausschließlich in Wien.
Gerstl gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Grazer Autorenversammlung, trat 1992 aus und 1995 wieder ein. Zahlreiche Literaturveranstaltungen organisierte sie unter anderem in der Alten Schmiede und im Literaturhaus Wien. Essayistisch arbeitete sie ebenfalls, etwa für die Zeitschrift Falter.
Von 1960 bis 1968 war sie mit dem Lyriker und Übersetzer Gerald Bisinger verheiratet. Ihre Tochter Judith Bellina wurde 1960 geboren. Von 1973 bis zu ihrem Tod verband Gerstl eine Lebensfreundschaft mit dem Schriftsteller Herbert J. Wimmer. Beigesetzt wurde sie in einem ehrenhalber gewidmeten Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof, Gruppe 40, Nummer 75.
Werkausgabe, Übersetzungen und ein Hörspiel
Eine fünfteilige Werkausgabe erschien zwischen 2012 und 2017 im Literaturverlag Droschl:
- Band 1: Mittellange Minis (2012), herausgegeben von Christa Gürtler und Helga Mitterbauer.
- Band 2: Behüte behütet (2013), herausgegeben von Christa Gürtler und Helga Mitterbauer.
- Band 3: Haus und Haut (2014), herausgegeben und mit Nachwort von Christa Gürtler und Martin Wedl.
- Band 4: Tandlerfundstücke (2015), herausgegeben und mit Nachwort von Christa Gürtler und Martin Wedl.
- Band 5: Das vorläufig Bleibende (2017), herausgegeben und mit Nachwort von Christa Gürtler und Martin Wedl.
Gerstls Werke wurden auch übersetzt. Dazu zählen Spazi per giocare con la mente, 2007 auf Italienisch von Dagmar Winkler übertragen, mit Vorworten von Elfriede Jelinek und Fausto Cercignani, sowie die italienische Gedichtauswahl Assortimento viennese von 2008, übersetzt von Riccarda Novello und mit einem Vorwort von Elfriede Jelinek. Die hebräische Auswahl A BISSAL GFIACHT A BISSAL GFREID…, übersetzt von Michael Dak, erschien 2013 auch als Tonträger.
Das Hörspiel Geh dicht dichtig! ist als fiktiver Dialog zwischen Elfriede Gerstl und Ruth Johanna Benrath angelegt. Regie führte Christine Nagel, die Komposition stammt von Lauren Newton. Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste wählte das Stück zum Hörspiel des Jahres 2019.
Literarische Spuren
Zu Gerstl erschienen zahlreiche wissenschaftliche und dokumentarische Arbeiten. Dazu gehören das von Konstanze Fliedl und Christa Gürtler herausgegebene Dossier Elfriede Gerstl (2002), Herbert J. Wimmers In Schwebe halten über Gerstls literarische und gesellschaftliche Spielräume (1998) und Dagmar Winkler-Pegoraros Dissertation Elfriede Gerstl. „Sprache(n), Spiele, Spielräume“ an der Universität Wien aus dem Jahr 1999.
Weitere Spuren finden sich im Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft (2002), in Gesprächen mit Gerstl in Evelyn Steinthalers Band Frauen 1938 sowie in einem Interview vom 4. Februar 1979 in Hubert Fichtes Die zweite Schuld. 2012 erschienen außerdem Elfriede Gerstl: Wer ist denn schon zu hause bei sich, herausgegeben von Christa Gürtler und Martin Wedl, und Klaus Kastbergers Beitrag Die Hungerkünstlerin: Elfriede Gerstls kleine Literatur. Paul Pechmann untersuchte 2020 die Sprachexperimente in Gerstls Prosa Spielräume.
In Zwettl an der Rodl kommen diese Texte nun auf die Bühne der Kulturplattform ARTifex – nicht allein, sondern zwischen Stimme, Saiten, Trommelschlägen und Gesang.
